Bei den olympischen Spielen 1988 musste sich die Hürdenläuferin Maria Pinto einem Chromosomentest unterziehen, weil sie kein ärztliches Gutachten vorlegen konnte, das ihr die weibliche Geschlechtszugehörigkeit bestätigte. Es stellte sich heraus, dass sie ein „männliches” Y-Chromosom hatte. Außerdem verbargen sich Hoden hinter ihren Schamlippen. Nach den Kriterien des Olympischen Komitees galt sie als Mann und wurde von den Wettkämpfen ausgeschlossen. Ihre errungenen Titel wurden ihr aberkannt.
Pinto wehrte sich gegen dieses Urteil – mit Erfolg. Da die Unterscheidung „Mann-Frau” nur aus Gründen des fairen Wettbewerbs vorgenommen werde, so ihre Argumentation, dürften lediglich solche Geschlechtsmerkmale herangezogen werden, die beim Hürdenlauf ein Leistungsgefälle zwischen Mann und Frau bedingen könnten – also die Konstitution von Schultern und Becken. Da sich Pinto hierin aber nicht wesentlich von anderen Frauen unterschied, wurde sie 1992 wieder zu den Olympischen Spielen zugelassen und startete als weibliches Mitglied des spanischen Teams. Das Beispiel zeigt: Es gibt kein alleiniges Merkmal, an dem sich das Geschlecht eines Menschen festmachen lässt. Dieses ist sozusagen Verhandlungssache.





