Über zu wenig Arbeit kann sich Mark Benecke wirklich nicht beklagen. „Täglich landen neue Anfragen und Fälle auf meinem Schreibtisch. Wenn es besonders knifflig wird und die Polizei nicht mehr weiter weiß, klingelt bei mir das Telefon.” Eigentlich ein Stilbruch – sein Telefon sollte summen: Beneckes Spezialgebiet ist die „forensische Entomologie”, die gerichtsmedizinische Insektenkunde.
Der rührige Kölner Biologe ist einer der Pioniere dieser Fachrichtung in Deutschland. Bereits vor fünf Jahren berichtete bild der wissenschaft über die außergewöhnliche Methode, anhand von Insektenfunden in Leichen den genauen Zeitpunkt oder Ort des Todes zu ermitteln (bild der wissenschaft 6/1996, „Stumme Zeugen” ).
In Ländern wie den USA, Frankreich oder Österreich gehört die forensische Entomologie schon seit Beginn der neunziger Jahre zum Standard-Repertoire der Ermittler bei Morden oder ungeklärten Todesfällen. Schmeißfliegen zum Beispiel legen bereits kurz nach dem Eintritt des Todes ihre Eier in Leichen ab. Aus den verschiedenen Stadien der Entwicklung der Larven lassen sich dann sachdienliche Schlußfolgerungen ziehen, die über die Todesumstände Auskunft geben. Außerdem bevorzugt nicht jede Insektenart den gleichen Verwesungszustand. Deshalb ist es wichtig zu wissen, wann welche Fliegen oder Käfer ihre Eier in einer Leiche ablegen. Wertvolle Hinweise liefern auch die Umweltbedingungen am Fundort. So siedeln sich etwa im Wald andere Insekten auf einer Leiche an als in geschlossenen Räumen.
Die – zugegebenermaßen etwas eklige – Fachrichtung der forensischen Entomologie lag in Deutschland lange brach. Wissenschaftlern wie Mark Benecke ist es zu verdanken, daß sie immer populärer wird. Nach langjähriger Tätigkeit an der Universität Köln hat er in der Domstadt ein Gutachterbüro für forensische Entomologie eröffnet. „Jetzt merken die Behörden”, erklärt Benecke stolz, „daß unsere Methode die Arbeit von Kriminalisten und Rechtsmedizinern enorm erleichtern kann.”
Das meint auch Jens Amendt, ein weiterer Vorreiter auf dem Gebiet der gerichtsmedizinischen Insektenkunde in Deutschland. Bereits 1997 gründete der Biologe in Frankfurt am Main mit einigen Kollegen am Forschungsinstitut Senckenberg ein entsprechendes Projekt. Weitgehend unbeachtet bauten die Wissenschaftler damals die erste Datenbank Deutschlands zum Thema forensische Entomologie auf. Inzwischen wurde Amendt vom gerichtsmedizinischen Institut des Uniklinikums Frankfurt fest angestellt und ist dort vor allem für die Untersuchung von Maden in Leichen zuständig. Immerhin 80 bis 100 dieser sogenannten Madenleichen fallen pro Jahr in Frankfurt an, bundesweite Zahlen sind nicht bekannt. Amendt: „Allein die Tatsache, daß sich das Institut den Luxus eines Entomologen leistet, beweist, daß dieses Forschungsgebiet jetzt auch bei uns ernst genommen wird. Schließlich tragen wir bei der Aufklärung der meisten Fälle zumindest ein Mosaiksteinchen bei.” Bestätigt fühlt sich Amendt zudem durch das wachsende Interesse bei seinen zahlreichen Vorträgen und Seminaren in Polizeischulen. Allerdings bedauert der junge Forscher, daß noch zuwenig Geld in die Grundlagenforschung der forensischen Entomologie fließt. „Da sind andere Länder weiter als wir”, meint Amendt, „aber ein Anfang ist zumindest gemacht.”
Hans Groth





