Vor vielen Jahren, als ich noch ein junger Student war, saß ich eines Mittags in der Mensa alleine an einem Tisch und aß schlecht gelaunt ein Gericht, das vom Speiseplan als „ Fleischscheibe, gebraten, mit Stärketrägern” angepriesen wurde und ein ungewürztes Schnitzel mit Pommes Frites war. Da stand plötzlich ein bildschönes Mädchen mit seinem Tablett vor mir und fragte mich, ob an dem Tisch noch Platz sei. „Ja sicher”, sagte ich, und meine Laune wurde schlagartig besser. Das Mädchen hieß Anna und aß die Stärketräger ohne Fleischscheibe, dafür aber mit Salat. Sie studierte Mathematik, und ich verliebte mich sofort bis über beide Ohren in sie. Die Zeit verging wie im Flug, bis Anna schließlich sagte: „Ich habe gleich eine Vorlesung. Weißt du, wie spät es ist?” Ich besaß keine Armbanduhr, aber ich wusste, dass in der Mensa eine Uhr hing, die in einer Zeile mit zehn großen roten Sieben-Segment-Ziffern die Zeit in Stunden, Minuten und Sekunden anzeigte und rechts daneben das Datum aus Tageszahl und Monatsnummer. Ich sah mich um und entdeckte sie an einem Pfeiler. „Die Uhr geht ja völlig falsch!”, schoss es mir durch den Kopf. In dem Moment sprang eine Ziffer um und ich merkte, dass der Pfeiler verspiegelt war und ich nicht die Uhr selbst, sondern nur ihr Spiegelbild gesehen hatte. Dass ich mich für einen Moment hatte täuschen lassen, lag daran, dass in der Sekunde, in der ich auf die gespiegelte Uhr schaute, die Anzeige nur aus den Ziffern 0, 1, 2, 5 und 8 bestand, deren Spiegelbilder auch wieder Ziffern darstellen, und dass Uhrzeit und Datum zwar völlig falsch, aber immerhin sinnvoll waren, also irgendwann im Laufe eines Jahres vorkommen konnten. Ich erzählte Anna von der verblüffenden Täuschung, doch sie erwiderte nur trocken: „Erstens hättest du es sofort merken müssen, da die Doppelpunkte in der Uhrzeit und die Punkte im Datum im Spiegelbild an den falschen Stellen stehen, und zweitens ist das Phänomen, dass das Spiegelbild eine zwar falsche, aber immerhin sinnvolle Zeit anzeigt, keineswegs so selten.” Dann stand sie auf und ging. „ Warte einen Moment!”, rief ich ihr nach. „Können wir uns wiedersehen?” Sie drehte sich um: „Aber sicher doch. Wir treffen uns an diesem Tisch genau zu dem Zeitpunkt, wenn die Mensa-Uhr das letzte Mal in diesem Jahr deine bemerkenswerte Täuschung zeigt. Und sei bitte pünktlich.” Mehrmals im Lauf des Jahres glaubte ich, der letzte dieser Zeitpunkte sei erreicht, und wartete an unserem Tisch auf Anna, aber sie kam nicht. Schließlich lernte ich Maria kennen und gab auf. Wissen Sie, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit Anna mich treffen wollte? Alle fünf Zahlen der Mensa-Uhr wurden übrigens stets zweistellig dargestellt und hatten falls nötig führende Nullen. Wichtig: Auch im Spiegelbild sollen die fünf Zahlen – von links nach rechts gelesen – die Bedeutung Stunden, Minuten, Sekunden, Tageszahl und Monatszahl haben.
So machen Sie diesen Monat mit
Teilnehmen kann jeder, außer den Mitarbeitern des Verlags und deren Angehörigen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Schicken Sie bitte Ihre Lösung (ausschließlich!) auf einer Postkarte bis zum 31. Mai 2012 an:
bild der wissenschaft, Kennwort „Cogito 5|12″
Ernst-Mey-Str. 8, 70771 Leinfelden-Echterdingen
Die Lösung und die Namen der Gewinner werden im August-Heft 2012 auf der Leserbrief-Seite veröffentlicht.
Zu gewinnen
Unter den Einsendern der richtigen Lösung werden fünf Bücher ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Zu gewinnen gibt es das Buch „Warum können Elefanten nicht hüpfen? Und 111 weitere Fragen an die Wissenschaft”. Die von dem britischen Wissenschaftsjournalisten Mick O’Hare herausgegebene Sammlung bietet einen kurzweiligen Einblick in Wissenschaftsthemen des Alltags: Essen und Trinken, unser Körper, Haushalt, Pflanzen und Tiere, Wetterkapriolen und Transportprobleme. Übrigens: Auf manche Fragen gibt es noch keine Antworten, auf andere dagegen gleich mehrere. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter
www.fischerverlage.de




