Im Grunde ist jede Zelle der Frau weiblich und jede Zelle des Mannes männlich, denn zum vollständigen Chromosomensatz gehören auch die Geschlechts-Chromosomen: XX bei der Frau, XY beim Mann. Doch macht dieser Unterschied rein zahlenmäßig wenig aus: Auf dem Y-Chromosom sitzen nur etwa 60 Gene (X: rund 800). Da der Mensch etwa 25 000 Gene besitzt, haben Mann und Frau 99,8 Prozent davon gemeinsam.
Ein paar Unterschiede aber gibt es, die auch das Gehirn betreffen: So sind Männer häufiger von Rot-Grün-Blindheit und anderen Erkrankungen betroffen, die von einem Gen-Defekt auf dem X-Chromosom ausgelöst werden (Frauen können solche Fehler mit ihrem zweiten X ausgleichen). Außerdem hat man bei Ratten festgestellt, dass das Gen SRY (das auf dem Y-Chromosom sitzt und die Hoden-Entwicklung steuert) in der „Substantia nigra” im Gehirn an der Produktion von Dopamin beteiligt ist. Unterdrückt man dieses Gen, kommt es zu Bewegungsstörungen wie beim Morbus Parkinson. Das könnte erklären helfen, warum Männer etwa 1,5-mal so oft wie Frauen von dieser Krankheit betroffen sind. Andererseits fragen sich die Forscher, wie es Frauen schaffen, ganz ohne SRY-Gen genügend Dopamin herzustellen – ein noch ungelöstes Problem.
Neuerdings deuten ausgefeilte Versuche mit genmanipulierten Ratten darauf hin, dass noch weitere Y-Gene das Gehirn beeinflussen. Einige scheinen sogar an der Aggressionskontrolle beteiligt zu sein. Gibt es also Aggressions-Gene bei Männern, die nicht auf hormonellem, sondern auf direktem Wege wirken? Das ist noch unklar. Der amerikanische Physiologe Arthur P. Arnold bilanziert: „Aktuelle Forschungsarbeiten haben bereits einige Unterschiede zwischen XX- und XY-Gehirnen gezeigt. Aber es gibt immer noch sehr viel zu entdecken.”





