Die 50 Frauen und Männer waren durch Himmel oder Hölle gegangen, sie hatten einige der extremsten Wechselfälle des menschlichen Lebens absolviert. Der Psychologe Philip Brickman von der Northwestern University im amerikanischen Evanston suchte seine Interview-Partner sorgfältig aus: Die einen hatten durch einen Millionengewinn in der Lotterie plötzlich für immer ausgesorgt, die anderen waren durch eine unfallbedingte Querschnittslähmung schlagartig zu einem Leben im Rollstuhl verdammt. Bei der Befragung kam eine verblüffende Übereinstimmung ans Tageslicht: Die Glückspilze badeten nur in der ersten Zeit nach dem Volltreffer in euphorischem Hochgefühl, dann fielen sie ins gefühlsmäßige Mittelfeld zurück, was manche als emotionales Grau andere als unaufgeregte Gelassenheit empfanden. Der lähmende Unfall überschattete das Lebensgefühl ebenfalls nur in der Anfangsphase, dann fühlten sich auch die Schwerbehinderten wieder durchschnittlich. Unser seelischer Apparat, so Psychologe Brickman, verfügt offenbar über eine Schutzvorrichtung, die alle überbordenden emotionalen Reaktionen entschärft. Im Fachjargon kursiert diese Anpassung unter „hedonische Adaption”. Sie ebnet mit überraschender Geschwindigkeit den belohnenden Effekt der Glücksfälle und die quälende Wirkung der Schicksalsschläge ein. Dass unser Körper eine hervorragende Fähigkeit besitzt, sich durch Anpassung (Adaption) flexibel an wechselnde Umweltbedingungen anzupassen, kennt jeder: Beim Betreten eines Kinos stört uns die Unterbelichtung, beim Hinausgehen behindert zunächst das grelle Licht die Orientierung. Doch ziemlich rasch richtet sich unsere Optik auf die neuen Lichtverhältnisse ein. Die Adaption schützt vor exzessiven Reizen und sichert so zugleich die bestmögliche Wahrnehmung. Auch extreme Gefühle erzeugen eine erhebliche physiologische Erregung, die die Integrität des Körper bedrohen kann. Zudem heben emotionale Extreme häufig das Unterscheidungsvermögen für Gefühlsnuancen auf. Deshalb werden gefühlsmäßige (affektive) Extremwerte durch eine adaptive Gegenreaktion planiert. „Wir passen uns an, indem wir unser Adaptionsniveau an neutralen Punkten neu justieren, an denen Töne weder laut noch leise wirken, Lichter weder grell noch dunkel, Erfahrungen weder euphorisch noch peinigend”, beschreibt der Psychologieprofessor David G. Myers vom Hope College in Holland, US-Bundesstaat Michigan, die psychohygienische Schutzvorrichtung der menschlichen Seele. Dass Geld nicht gleich Glück ist, machten die beiden Psychologen Shane Frederick und George Loewenstein von der Carnegie Mellon Universität in einer Übersicht von Adaptionseffekten klar: Trotz deutlich gestiegener Einkommen blieb die Lebenszufriedenheit in den Industrienationen über Jahrzehnte auf dem gleichen Punkt. Die Befragung der – laut Forbes’ Magazin – reichsten Männer Amerikas untermauerte den Befund: 37 Prozent der Krösuse waren mit ihrem Leben unzufriedener als der statistische Durchschnittsmensch. Auf der anderen Seite legten sowohl Verbrennungsopfer als auch Krebspatienten, die Gliedmaßen verloren hatten, schon kurze Zeit nach dem Unglück eine durchschnittliche Lebenszufriedenheit an den Tag. Auch die üble Erfahrung einer Gefängnisstrafe wird durch hedonische Anpassung wettgemacht. Mehrere Langzeitstudien zeigen deutlich, dass sich Strafgefangene mit zunehmender Haftdauer an den Knast gewöhnen: Schlechte Laune, Schlafstörungen und selbst Langeweile bilden sich mit der Zeit zurück. Unsere Stimmungen, schreibt der amerikanische Evolutionsbiologe Randolph M. Nesse, „ führen uns zu dem Verhalten, das in der gegebenen Situation den größten Nutzen für unsere biologische Fitness bringt. Ein Häftling, der sich nach den unerreichbaren Wonnen der Freiheit verzehrt, erweist seiner Fitness einen Bärendienst. Sogar die emotionalen Folgen lang anhaltender Einzelhaft werden durch die ausgleichende Macht der Adaption entschärft. US-Soldaten stellten sich so gut auf die jahrelange Isolationshaft in Nordvietnam ein, dass ihnen die Rückkehr in die Freiheit zunächst Schwierigkeiten machte. Doch die hedonische Adaption ist auch für gegenläufige Reaktionen verantwortlich: Überraschenderweise bereitet eine Gefängnisstrafe dann den größten Kummer, wenn die Freilassung näher rückt. Die Insassen fangen offenbar an, die bedrückenden Umstände ihrer Haft an den herbeifantasierten Freuden der Freiheit zu messen – Ausbruchsversuche nehmen am Ende der Haft rapide zu. Ähnliches in der Geschichte: Revolutionen brachen meistens aus, kurz nachdem die Lebensverhältnisse der Bevölkerung etwas besser geworden waren. Der geringfügige Anstieg der Lebensqualität hatte den Wunsch nach noch mehr geweckt. Der Spass am Speisen geht zwar bei der Nahrungszufuhr nicht verloren, aber der Genuss an den einzelnen Nahrungsmitteln stumpft bei wiederholter Zufuhr ab. Erst wenn man sie mit einer abwechslungsreichen Diät bewirtet, stopfen Nagetiere abartig große Mengen in sich hinein. Und menschliche Nudelesser verdrücken gleich 15 Prozent mehr, wenn die Teigwaren drei verschiedene Formen haben statt einer. Mit der Antipathie gegen Eintönigkeit wird vermutlich eine ausgeglichene Versorgung mit Nährstoffen angestrebt. Der große Gleichmacher Adaption ist jedoch nicht allmächtig. Nicht alle Gefühlsreaktionen werden nivelliert, meinen die beiden US-amerikanischen Adaptionsforscher Frederick und Loewenstein. Menschen, die eine erfolgreiche Schönheitsoperation hinter sich haben, erfreuen sich auch noch Jahre später an dem optischen Resultat. Umgekehrt werden unheilbare degenerative Erkrankungen wie Multiple Sklerose für die Betroffenen zu keinem Zeitpunkt normal. Eine Gewöhnung wird offenbar hintertrieben, weil die Symptome bei diesen Krankheiten kontinuierlich schlimmer werden. Manche Reize haben sogar die Eigenart, dass ihr emotionaler Effekt mit der Zeit stärker wird – etwa, wenn man auf eine missliebige Person immer allergischer reagiert. Zum Glück gibt es aber auch bestimmte sensorische Freuden – wie den Genuss von gutem Wein oder Kunst, Musik und Literatur –, deren Belohnungswert durch wiederholte Begegnung steigt. Obwohl die hedonische Adaption mancherlei Segen bringt, indem sie die Auswirkungen belastender Lebensereignisse mildert, ist ihr gleichmacherisches Werk doch eher ein Fluch, heben Frederick und Loewenstein hervor: Das Dasein nimmt den Charakter einer Tretmühle an, in der sich jeder Triumph mit der Zeit schal anfühlt. Alle Exzesse – wie die Sucht – sind letztlich in der Leere begründet, die die eingeebneten Gefühle in unserem Gemüt hinterlassen. Der Ausstieg aus dem Karussell der Wünsche und Begierden, den die großen Religionsstifter empfehlen, bleibt Normalsterblichen durch die Lebensferne verwehrt. Zudem besteht die Gefahr, dass der große Gleichmacher Adaption sogar die stillen Wonnen der Frömmigkeit und Gottesfurcht auffrisst. Da die hedonische Adaption halb unbewusst abläuft, neigen viele dazu, die Auswirkungen intensiver Lebensereignisse zu überschätzen. In einer Studie sollten Menschen, von denen einige kurz zuvor einen Partner verloren hatten, das Trauma des Verlustes bemessen. Fazit: Die Erwartungen der Nicht-Betroffenen waren unrealistisch schwarz. Sie glaubten, dass man viel länger und härter an dem Verlust zu leiden habe, als den Angaben der wirklich Verlassenen zu entnehmen war. Um das erosive Wirken der Adaption einzuschränken, schlägt der Entdecker der hedonischen Adaption, Philip Brickman, vor, ab und an Perioden der Enthaltsamkeit einzulegen. Dann könne sich das Glücksempfinden regenerieren. Aber auch bewusst gefeierte Intermezzi von Ekstase und Überschwang sind psychohygienisch angesagt. Der Trick besteht darin, diese Ausschweifungen als „außer der Reihe” zu definieren, so dass sie von der hedonischen Adaption nicht angerechnet werden.
Kompakt
Wohlhabende oder reiche Menschen sind nicht glücklicher als der Durchschnitt. Beinamputierte arrangieren sich mit ihrer Lage, MS-Patienten dagegen nicht. Bewusst gefeierte Ekstase bereichert die Psyche.
Internet
Forschungsergebnisse aus der amerikanischen Glücksforschung: www.gluecksforschung.de
Lesen
M. Csikszentmihalyi FLOW – DAS GEHEIMNIS DES GLÜCKS Klett-Cotta, Stuttgart 2001, € 22,50
S. Frederick, G. Loewenstein HEDONIC ADAPTION In: Foundations of Hedonic Psychology: Scientific Perspectives on Enjoyment and Suffering New York, Russell Sage Foundation 1998
Rolf Degen





