bdw: Frau Bulmahn, die erste rot-grüne Legislaturperiode hat Halbzeit. Was haben Sie bis heute in der Forschungspolitik erreicht?
BULMAHN: Die Bilanz ist gut. Das Wich-tigste für mich: Forschungspolitik hat in der Regierungspolitik wieder die Priorität, die sie braucht. Wir haben die Gelder für die Forschung so sehr gesteigert, wie das in zehn Jahren vorher nicht geschehen ist – und das bei einer Kürzung des Gesamthaushalts. Die letzte Bundesregierung hatte den Bildungs- und Forschungsetat um über 700 Millionen Mark gekürzt, während gleichzeitig der Gesamthaushalt wuchs.
bdw: Geld ist nicht alles. Wie steht es mit den Inhalten?
BULMAHN: Die Erhöhung hat es ermöglicht, neue Fragen aufzugreifen, neue Schwerpunkte zu setzen, etwa unser Genomforschungsprogramm, das wir jetzt vorgestellt haben, oder in der Informations- und Kommunikationstechnik. Einen dritten Schwerpunkt habe ich bei den Hochschulen und bei der Förderung von Nachwuchswissenschaftlern gesetzt. Mein Ziel ist es, den Supertanker Hochschule wieder in Fahrt zu bringen. Wir müssen dafür sorgen, daß Hochschulen auch international konkurrenzfähig bleiben, und zwar sowohl in der Lehre als auch in der Forschung. Bei der Förderung der Nachwuchswissenschaftler hatte die Bundesrepublik ein erhebliches Defizit. Deshalb wurde dieser Bereich finanziell aufgestockt und so angelegt, daß er eigenständige Forschung unterstützt. Mein Ziel ist es, eine neue Kultur zu schaffen, in der jüngere Wissenschaftler als gleichberechtigte Partner akzeptiert werden.
bdw: Wo sind Sie bisher an Grenzen gestoßen, wo Sie etwas bewegen wollten, und es funktionierte nicht?
BULMAHN: Die Frage kann man so nicht beantworten. Gut Ding will Weile haben. Da ich in der Opposition zehn Jahre Forschungspolitik gemacht habe, war ich mir über die Probleme im klaren, die mit grundlegenden Veränderungen einhergehen. Ich habe sie trotzdem begonnen. Eine dieser Strukturreformen ist die Veränderung des Dienstrechts, eine andere ist der Umbau der Helmholtz-Gemeinschaft der Forschungszentren. Diese Zentren sollen nicht mehr mit Detailvorgaben geführt werden, sondern durch die sogenannte Programmsteuerung. Die Gespräche laufen und ich gehe davon aus, daß wir im nächsten Jahr den Beschluß fassen können. Eine kleinere Strukturveränderung haben wir bereits beschlossen: die Zusammenführung von GMD und FhG zur größten Forschungseinrichtung Europas. Sie läuft nicht völlig ohne Probleme. Aber das kann man auch nicht erwarten, wenn man Strukturen verändert, die seit sehr langer Zeit bestehen. Strukturveränderungen sind immer schwierig, weil sie zu Verunsicherungen führen, weil sie Ängste wecken. Ich meine, daß man in vielen Gesprächen diese Ängste ausräumen kann. Ich erwarte allerdings von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch, daß sie bereit sind, Veränderungen mitzumachen und sie auch aktiv mitzugestalten. Das ist entscheidend.
bdw: Nach 50 Jahren ist die deutsche Forschungslandschaft renovierungsbedürftig. Wo sehen Sie die Probleme?
BULMAHN: Vor allem will ich die starke „Versäulung” in unserer Forschungslandschaft aufbrechen, also die oft schwer durchlässigen Grenzen zwischen den Institutionen und Organisationen. Die Vernetzung zwischen den verschiedenen Forschungsorganisationen muß verbessert werden, wenn wir international top bleiben wollen. Ein Beispiel ist die Genomforschung. Mit dem neuen Genomforschungsprogramm verfolgen wir zwei Ziele: Wir legen einerseits den Schwerpunkt auf die Erforschung der Funktion der Gene, weil das die interessante Fragestellung der nächsten Jahre sein wird. Und gleichzeitig wollen wir durch Kompetenzzentren die regionale und überregionale Vernetzung der Genomforschung vorantreiben.
bdw: Wie bringt man gewachsene, um nicht zu sagen verkrustete Strukturen dazu, ein Netzwerk zu bilden?
BULMAHN: Eigentlich wie in der Evolution: durch Wettbewerb. Durch Wettbewerb um Mittel und um Förderung. Genau das geschieht durch die Forschungsförderung in unseren Programmbereichen.
bdw: Was haben Sie sich für die zweite Hälfte der Legislaturperiode noch vorgenommen?
BULMAHN: Ich möchte zunächst das erfolgreich umsetzen, was ich bereits angeschoben habe. Das heißt vor allem die Gesamtreform der Hochschulen, von der die Dienstrechtsreform der wichtigste Baustein ist, und die Programmsteuerung der Helmholtz-Gemeinschaft. Ein wichtiges Nahziel ist eine stärkere Popularisierung der Wissenschaft. Wir haben mit den Forschungsorganisationen die „Wissenschaft im Dialog” initiiert. Alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind aufgefordert, aus dem Elfenbeinturm herauszugehen, sich den Fragen der Menschen zu stellen und ihre Forschungen verständlich zu vermitteln. Jedes Jahr steht eine andere Wissenschaft im Mittelpunkt – dieses Jahr die Physik, nächstes Jahr die Lebenswissenschaften. Ein zweiter wichtiger Schwerpunkt wird sein, Forschungsergebnisse noch schneller zur wirtschaftlichen und zur gesellschaftlichen Anwendung zu bringen. Wir haben glücklicherweise inzwischen für einige Bereiche – etwa für die Biotechnologie – viel privates Risikokapital. Wir müssen aber auch durch eine engere Partnerschaft von Unternehmen und Hochschulen unsere jüngeren Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen besser auf eine Existenz in Selbständigkeit vorbereiten.
bdw: Deutschland ist international bei den Forschungsausgaben zurückgefallen. Bereitet Ihnen das Sorge?
BULMAHN: Die Rankings beziehen sich fast alle auf den Zeitraum bis ’98, das heißt, sie spiegeln die Bedeutungsverluste unter der alten Bundesregierung wider. Tendenziell aber ist erkennbar, daß die privaten Forschungsausgaben nicht so wachsen wie die der jetzigen Bundesregierung. Das bereitet mir erhebliche Sorge. Wir brauchen öffentliche Forschungsausgaben mit Gewicht, aber wir brauchen auch die private Forschung, und die ist bei uns derzeit zu gering. Ich möchte auch dahin kommen, daß mehr Menschen bereit sind, ihr Vermögen für Wissen einzusetzen. Forschung und Bildung sind nicht allein eine staatliche Aufgabe, sondern auch eine gesellschaftliche. Wenn ich sehe, daß pro Jahr mindestens 250 Milliarden Mark an privatem Vermögen vererbt werden, dann wünsche ich mir, daß nur zehn Prozent davon für Bildung und Wissenschaft gestiftet werden. Das neue Stiftungsrecht kann helfen. Es bleibt unsere politische Aufgabe, hier ein Bewußtsein zu schaffen.
bdw: Deutschland gilt im Ausland nicht gerade als attraktives Land für Stu- dium und Wissenschaftsaustausch. Was wollen Sie da tun?
BULMAHN: Die Entwicklung von internationalen Studiengängen und die Stärkung von Austauschprogrammen sind ein wichtiger, aber nur ein erster Schritt. Ebenso wichtig ist der Ausbau der internationalen Zusammenarbeit der Hochschulen in Deutschland. Eine Forscherin oder ein Forscher kann heute eigentlich kaum mehr gut arbeiten, wenn er nicht auch aktiv am internationalen Diskurs in seinem Fachbereich beteiligt ist. Dazu gehört aber auch die Entwicklung eines Marketing-Konzeptes für unsere Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Wir werden international nicht als hervorragender Wissenschafts- und Forschungsstandort erkannt, obwohl wir es sind. Deshalb habe ich mit dem DAAD und auch mit den Ländern verabredet, daß wir ein Marketing-Konzept erarbeiten, mit dem wir den Wissenschaftsstandort Deutschland international präsentieren.
bdw: Was wollen Sie für die Frauen in der Wissenschaft tun? Liegt da nicht ein großes kreatives Potential brach?
BULMAHN: Das kreative Potential der Frauen wird in der deutschen Wissenschaft längst nicht ausreichend genutzt. Die Leitungen der Forschungsorganisationen haben dies erkannt und greifen es sehr engagiert auf. Die DFG etwa hat jetzt deutlich mehr Frauen in ihre Gremien berufen – wenn auch bei weitem noch nicht so viele, wie wir brauchen. Aber es ist ein Fortschritt erkennbar.
Edelgard Bulmahn Von den harten Oppositionsbänken auf scheinbar weiche Regierungssessel? Edelgard Bulmahn konnte zehn Jahre im Ausschuß Forschung und Bildung des Bundestages Erfahrungen sammeln, bevor sie im Oktober 1998 als erste Frau das Forschungsministerium übernahm. Jetzt will sie vor allem grundlegende Strukturreformen durchsetzen, bei Hochschulen und Forschungszentren. Dabei muß sie auch mit ganz praktischen Hindernissen kämpfen: Ihr Ministerium ist aufgeteilt zwischen Bonn und Berlin.
Reiner Korbmann / Edelgard Buhlmann




