Krabben flüchten in Bodenritzen, Flundern schmiegen sich an den Meeresboden, und Einsiedlerkrebse verkriechen sich im eroberten Schneckenhaus. Polternd durchpflügt die „Baumkurre” den Boden des Jadebusens bei Wilhelmshaven. Gezogen wird das schwere Metallgestell mit trichterförmigem Fangnetz vom Forschungskutter Senckenberg. An Deck steht Burghard Flemming. Mit seinem zerzausten Haar und dem grauen Vollbart sieht er aus wie ein Seemann, ist aber tatsächlich Professor für Meeresgeologie an der Universität Bremen. Flemming bringt 16 Schülerinnen und Schüler, die sich am Tag zuvor erstmals sahen, den Meeresboden näher. Wie wenig davon erforscht ist, erläutert Flemmings Mitarbeiter, der Biologe Henning Reiss: „Steckt man eine Nadel in ein A3-Blatt Papier, so markiert das Loch den Anteil am weltweiten Meeresboden, der bis heute erforscht ist.” Die Jugendlichen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz spüren mit verschiedenen Geräten der unsichtbaren Welt unter dem braunen Wasser des Jadebusen nach: Die Baumkurre fängt Organismen ein, die auf oder im Meeresboden leben, das so genannte Benthos. Ein Kran hievt sie aufs Deck der blauwal- großen Senckenberg, die seit 26 Jahren der Forschung zu Diensten steht. In der erdigen Füllung fallen als Erstes die gelblichen Krabben auf, die zu dutzenden mit den Gliedern rudern, seitwärts davon eilen und dabei mitunter gegen die Gummistiefel der Jugendlichen stoßen. Manche schauen besorgt, andere fasziniert auf die Baumkurre, die der Kranführer über das Deck fährt und ausschüttet. „Forschung live” – wie es die Veranstalter der Wissenschaftswoche versprochen hatten. Angeleitet von Henning Reiss spüren die 16- bis 19-Jährigen immer mehr Tiere auf. Der Forscher mit den langen blonden Haaren zieht aus einem Klumpen eine daumengroße Bohrmuschel, deren Vorfahren aus Amerika stammen. „Diese Art ist vor rund 100 Jahren hier eingeschleppt worden”, sagt Reiss. Auch eine Schwertmuschel, deren Ureltern ebenfalls aus Übersee stammen, liegt der Gruppe zu Füßen. Den Urahn einer weiteren Muschelart, der Sandklaffmuschel, sollen sogar bereits die Wikinger von einer ihrer Fahrten mitgebracht haben. Bislang hätten sich die Einwanderer immer problemlos in die Gemeinschaft der Nordsee eingegliedert, ohne heimische Arten zu verdrängen, berichtet Reiss über die Erfahrungen mit den Meeresimmigranten. Als Erste greift Lilli in den Muschel- und Krabbensalat. Die 16-Jährige, die Meeresbiologin werden möchte, stürzt sich auf das Getier wie auf einen Wühltisch im Ausverkauf. Martin pickt einen bunten Fisch mit kammartigen Flossen heraus. Ein Punkerfisch? „Ein Seeskorpion”, klärt Reiss den an Biochemie Interessierten auf, der ihn erschrocken anblickt, worauf Reiss nachschiebt: „Der Raubfisch ist nur für kleine Meeresbewohner gefährlich.” „Den muss ich mir genauer ansehen”, sagt Martin und verfrachtet den Fisch ins Aquarium des Schifflabors. Normalerweise untersucht Martin in seiner Freizeit Flüssigkeitsströme in Schleimpilzen. Er ist nicht der Einzige hier mit einem ungewöhnlichen Hobby. Wie er nimmt auch Katharina aus Bamberg regelmäßig an naturwissenschaftlichen Forschungswettbewerben für Jugendliche teil. Die anderen Schüler auf der Senckenberg heben sich ebenfalls von der Masse ihrer Altersgenossen ab, was ihnen manchmal Kummer bereitet. „Weil ich Physik mag, sei ich krank, meinen einige aus meiner Klasse”, bedauert Paul aus Bremen. Und Rike schreibt in einem Internet-Forum, dass sie mit ihrem Interesse für Naturwissenschaften oft auf Unverständnis stößt. Beim nanoCAMP, das vom Bremer Zentrum für Marine Umweltwissenschaft (MARUM), vom TV-Wissenschaftsmagazin nano (3sat) und von bild der wissenschaft gemeinsam veranstaltet wird, ist das anders. Hier treffen forschungsbegeisterte Jugendliche auf Gleichgesinnte und folgen selbstredend Prof. Burghard Flemmings Exkursion ins Wattenmeer. Der Forscher hatte versprochen, von einem Quader aus Schlick und Sand, den er mit einem Kastengreifer an Deck gehievt hatte, die Bewegungen von Sonne und Mond abzulesen. Mit einem Küchenmesser schneidet er Scheibe um Scheibe ab. „Das ist ja wie beim Dönerfritzen”, meint Honey, der Sohn indischer Eltern, der sich selber als „Quoteninder” tituliert. Flemming kann Ablagerungen von Ebbe und Flut ebenso unterscheiden wie die Streifenmuster der rund zweiwöchigen Zyklen von Spring- und Nippfluten. „Bei Springtiden sind Erde, Mond und Sonne in einer Linie und ziehen den Wassermantel um die Erde eiförmig auseinander”, dokumentiert Flemming an einer Skizze. An beiden Spitzen des Eies herrscht Flut. Nur schwache Gezeiten bilden sich dagegen aus, wenn Sonne, Erde und Mond in einem rechten Winkel zueinander stehen. „Aus solchen Ablagerungen wissen wir auch, dass die Gezeiten die Erdrotation verlangsamt haben. Die Tage waren früher kürzer. So zählte vor 650 Millionen Jahren das Jahr rund 400 Tage”, berichtet der Professor für Meeresgeologie. Seine 16 Zuhörer waren aus über 300 Bewerbern ausgesucht worden, erzählte Prof. Gerold Wefer am Abend zuvor auf der neudeutsch so genannten Icebreaker-Party. Der Leiter von MARUM hatte die Forschungswoche im Rahmen des Jahres der Geowissenschaften organisiert: „Dabei sollen die Jugendlichen erfahren, wie Forschung funktioniert.” In einem kargen Büro eines Backsteinhauses beginnt der dritte Tag. In den Mauern dieses Gebäudes am Europahafen in Bremen ruht „ eines der umfassendsten Geschichtsarchive der Welt”, wie Archivar Alex Wülbers schwärmt. Nicht Folianten und Faksimiles prägen diese Stätte der Geschichte, sondern Europas umfangreichstes Bohrkernlager. Aneinander gereiht messen die Bohrkerne mehr als 62 Kilometer. Wülbers Kollege, der Amerikaner Walter Hale, veranschaulicht, wie Forscher die Proben vom Meeresboden gewinnen. Und er erklärt, warum die Plattentektonik den Geowissenschaftlern hilft, die Ereignisse der vergangenen 120 Millionen Jahre chronologisch zu ordnen. „Der sich immer weiter öffnende Atlantik und die aus dem mittelozeanischen Rücken quellende Lava schaffen ein Zeitmaß: mit jungem Gestein beim Rücken und altem an den Atlantikküsten”, zeigt Hale an einer Skizze. Wissenschaftler des Ocean Drilling Programm, eines internationalen Konsortiums zur Erkundung des Meeresbodens, erbohren vom Schiff „Joides Resolution” über kilometerlanges Bohrgestänge den Ozeanboden. „Dabei biegt sich das Gestänge durch die Strömungen der Ozeane wie eine Spaghetti”, erläutert Hale. Was durch solche Spaghettis an die Erdoberfläche gelangt, liegt jetzt vor den Jugendlichen – in schmalen, eineinhalb Meter langen Plastiksärgen, die sich in einem Kühlraum stapeln. Bohrkerne mit roter Hülle sind unantastbar, sie sind das eigentliche Archiv. Die Kerne in weißer Hülle sind dagegen für Forschungsarbeiten freigegeben. Beim Eintreten in den fahl ausgeleuchteten Raum dämpfen die nanoCAMPer ihre Stimme. Verschmitzt erzählt Hale Seefahrerlatein, wonach Wissenschaftler aus den Bohrkernen längst ausgestorbene Mikroben wieder beleben und den Untergang der Menschheit einleiten. Die tatsächlichen Sorgen der Archivare sind profaner: Schimmel und Trockenheit nagen an den Beständen. Ihr Prunkstück haben Hale und Wülbers vor der Kühlhalle aufgebahrt: ein steinernes Dokument des Massensterbens vor 65 Millionen Jahren. Die Reste des damals auf der Erde aufgeschlagenen Killer-Meteoriten ziehen eine fingerbreite rötliche Spur durch den Bohrkern. Sie liegt auf einer zehn Zentimeter starken Schicht aus grünlichen gläsernen Kügelchen, wie sie nur unmittelbar nach dem Einschlag eines Meteoriten entstehen. Der Auswurf habe sich innerhalb von zwei, drei Wochen über die Weltkugel verteilt, weiß Hale. „Normalerweise vergehen 20000 Jahre, bis Sedimentationsschichten in dieser Dicke entstehen.” Über der rötlichen Meteoritenspur verschwinden schlagartig die meisten Fossilspuren für viele Zentimeter Bohrkern. „Es ist praktisch sicher, dass der Meteoritenaufprall neben vielen anderen Lebewesen auch den Dinosauriern den Garaus machte”, sagt Hale. „ Der rötliche Staub hat über Monate oder Jahre die Sonne verdunkelt und damit die Hauptenergiequelle des Lebens gedrosselt.” „Isch scho geil”, kommentiert die Österreicherin Niki. Mitcamper Locke will wissen, woher die Probe stammt. Und Martin fragt: „Kann man das chemisch nachweisen?” Walter Hale weiß auch darauf Antwort. Die Probe stammt vom Meeresboden vor der Küste Floridas, rund 1500 Kilometer vom Einschlagkrater auf der mexikanischen Halbinsel Yukatan entfernt. Chemisch lässt sich der Meteoritenstaub am Iridium-Gehalt nachweisen, der in Meteoriten höher ist als in Erdgestein. Nach der Führung meint Hale begeistert: „Die nanoCAMPer waren so interessiert und stellten kluge Fragen. Gelangweilte Gesichter wie bei vielen Schulklassen habe ich nicht gesehen.” Dennoch sind die Jugendlichen nach all dem Anschauungsunterricht scharf auf eine praktische Arbeit. Dazu verhilft ihnen Echolot-Spezialist Christoph Waldmann. Barfuß und mit hochgekrempelten Hosen steht er am Rande des Baggersees der Universität Bremen. „Der See ist größtenteils über 20 Meter tief”, liest Waldmann von einem Schild am Ufer. „Das wollen wir überprüfen.” In einem gerade mal Badwanne großen Boot fahren immer vier Jugendliche auf verschiedenen Routen über den See. Ihr Blick haftet auf einem Bildschirm: Er zeigt die Messwerte des Echolotes an, das die Höhe der Wassersäule unter dem Boot registriert. Nach rund drei Stunden intensiver Erkundung steht fest: Die amtliche Angabe auf dem Schild stimmt nicht. Die NanoCAMPer finden keine Stelle, die tiefer ist als 15 Meter. „Auch die Gerüchte, dass der Baggersee teilweise bis 50 Meter hinabreichen soll, sind damit ausgeräumt. Das war echte Pionierarbeit”, lobt Waldmann. Ebenso spielerisch meistern die Jugendlichen die Untersuchungen am letzten Tag. Sie sollen herausfinden, ob bestimmte Bohrproben aus der Zeit des Urmeeres Tethys stammen oder sich erst nach der Trennung von Pazifik und Atlantik abgelagert haben. Zur Lösung der Aufgabe analysieren die Jugendlichen dieselben Zeitzeugen, die auch Geowissenschaftler anschauen, wenn sie das Alter einer Probe wissen wollen: Foraminiferen. Jede Art der Einzeller steht für ein bestimmtes Klima der Erdgeschichte. Die Schüler schauen sich die runden, lang gestreckten und schneckenförmigen Kalkgehäuse unter dem Stereomikroskop an, identifizieren die Arten anhand von Bestimmungsbüchern und finden so die Epochen heraus, in denen die Ablagerungen entstanden sind. „Diese Aufgabe fiel den nanoCAMP-Teilnehmern kinderleicht”, kommentiert Geowissenschaftlerin Barbara Donner zum Abschluss des Forschungscamps. Für manche Teilnehmer markiert das Camp den Beginn einer neuen Freundschaft. Und die begann bereits vor den Tagen in Bremen. „Wir kennen uns seit Monaten”, verriet Lydia am ersten Abend. Denn die 17-Jährige hatte im Internet ein Forum eingerichtet, in dem sich die Jugendlichen bereits vor ihrer Reise nach Bremen ausgetauscht hatten. Die Kontakte sollen nicht abreißen. Schon ist das nächste Treffen in Köln geplant. Honey schwärmt: „Ich habe noch nie so viele nette Leute so schnell und gut kennen gelernt.” Auch das Lernen kam nicht zu kurz. „Wir entwickeln uns direkt auf eine neue Eiszeit zu. Ich würde mich schon mal warm anziehen”, meint Jenny lachend.
Marcel Falk





