20. Juli 1969, 17:22 Uhr. Bodenkontrolle Houston an Apollo 11, Mond-Orbit: „Nach einer Legende lebt auf dem Mond seit 4000 Jahren ein bildhübsches Chinesenmädchen namens Chang-o. Sie ist wohl dorthin verbannt worden, weil sie ihrem Ehemann die Unsterblichkeitspille geklaut hat. Ihr solltet auch auf ihren Begleiter achten, ein großes chinesisches Kaninchen. Es ist kaum zu übersehen, weil es stets auf seinen Hinterfüßen im Schatten eines Zimtbaums steht. Sein Name ist nicht überliefert.”
18:19 Uhr. Astronaut Buzz Aldrin, Apollo 11, an Houston: „ Okay. Wir werden das Hasenmädel im Auge behalten.”
Daraus wurde bekanntlich nichts. Aldrin und Neil Armstrong betraten tags darauf als erste Menschen den Mond, pflanzten die amerikanische Flagge auf, sammelten 21,6 Kilogramm Mondgestein ein und flogen wieder heim. Von Chinesenmädchen und Riesenkaninchen keine Spur.
Hätten sie nur ein wenig gewartet. Heute, 44 Jahre und sieben Monate später, hoppelt Jadehase unverdrossen durch den Sinus Iridium. Die Bucht der Regenbogen gilt als eine der schönsten Mondlandschaften. Die US-Astronauten hätten ein goldiges Riesenkaninchen erblickt, stattliche 140 Kilogramm schwer und mit weit ausgebreiteten Solarflügeln auf sechs Rädern hurtig (200 Meter pro Stunde) unterwegs, geschmückt mit der fünffach bestirnten roten chinesischen Flagge. Denn die Chinesen haben Mitte Dezember vergangenen Jahres das Raumschiff Chang’e („ Mondfee”) in den Mondorbit katapultiert, mit dem Rover Yutu („ Jadehase”) an Bord. Der soll noch bis Mitte März den Mondboden erkunden. Das gelang zuletzt der sowjetischen Raumsonde Luna 24 anno 1976.
Mondfee und Jadehase beweisen zum einen, dass die vorrevolutionären Mythen noch immer ihre lebendige poetische Kraft entfalten. Dass, zweitens, die Namenswahl auf bemerkenswert demokratischem Weg zustande kam: 3,4 Millionen chinesische Nutzer stimmten im Internet ab, davon votierten 650 000 für Yutu. Und dass nicht zuletzt zeitgenössische Traditionen hochgehalten werden. Wo immer sich chinesische Touristen an exotischen Orten (Neuschwanstein, Hofbräuhaus, Mare Imbrium) versammeln – was tun sie da? Sie fotografieren sich gegenseitig ausgiebigst. So auch Mondfee und Jadehase nach dessen gelungener Landung.
Wenige Tage später ging übrigens auch das Weltraumteleskop Gaia auf seine 1,5 Millionen Kilometer weite Reise. Es soll die Milchstraße kartieren. Das Instrument ist derart scharfsichtig, dass es laut Hersteller Astrium „von der Erde aus eine 1-Euromünze auf dem Mond” erkennen könnte. Der Anblick einer 10-Yuan-Münze wäre allerdings wahrscheinlicher. •




