Göbekli Tepe stürzt ein Dogma: Die Bauern waren nicht die ersten Architekten. Schon die Sammler und Jäger des Paläolithikums bauten Ortschaften und errichteten Großarchitektur. Der prähistorische Siedlungshügel in der Südosttürkei war sicher Kultplatz und eventuell auch Werkzeug-Manufaktur.
Heute bleibt der Kühlschrank warm. Staub verschleiert die Sonne und schluckt ihre Energie. Was die Solarbatterie von lichteren Tagen noch in sich hat, wird für den Computer gebraucht. Der anhaltende Sturm zerrt an den Zelten und den Nerven der archäologischen Fährtensucher in der Steinwüste um Göbekli Tepe, dem neuen Star unter den prähistorischen Fundstätten im Südosten der Türkei. Bis an den Horizont ein Rund grau in grauer Hügel, die sich wie Dünen wellen. Die Küche in einem ausrangierten Lkw-Container ist auf Kilometer die einzig feste Behausung in der wüsten Einöde. Neçmi, der Koch, röstet Brot, brät Eier, spaltet Melonen und schneidet Gurken, bis sich die vier Frauen und sechs Männer der Forschungsgruppe wach gegessen haben. Noch ein Glas von dem Sand-knirschenden Tee, dann kommen die Helfer aus den jagenden Schwaden, tief geduckt zu Pferd, die Arafat-Tücher zu Helmen festgezurrt. Gemeinsam tasten sich Wissenschaftler und Grabungsarbeiter mit Eimern und Schaufeln zur Sandburg hoch. Der Küchenchef hält den Grabungsleiter zurück, er hat für ihn eine andere Aufgabe. Er schickt Klaus Schmidt zum Einkaufen in die Stadt. Weil der Landrover der Grabung ein Museumsstück ist, schafft er den Start kaum aus eigenem Antrieb, aber die schier unendliche Piste hinab ins Tal hilft ihm auf die Sprünge. Was zieht einen bodenständigen Franken in die anatolische Wüstenei? Magnet war ein unscheinbarer Quarz, der – härter als Stahl – eine halbe Million Jahre lang der Rohstoff Nummer eins war für Werkzeug und Waffen: Feuerstein, Flint, Silex – alles Namen für die Schmidtsche Passion. Der Erlanger Prähistoriker ist einer der wenigen Spezialisten, denen dieser unscheinbare Stein Geschichte erzählen kann. Sind es sonst tönerne Scherben, die Kultur und Alter einer Siedlung verraten, tun das die Pfeilspitzen und Klingen für jene Vorzeiten, in denen der Mensch Keramik noch nicht kannte. Doch mußte ein vorgeschichtlicher Jäger schon danebenschießen oder ein Sammler seine Sichel im Wildgetreide vergessen, damit ein Silex-Experte heute Grund zur Freude hat – seine Beweisstücke sind überaus rar. Der Hinweis in einer Studie auf einen „Berg voller Flint” muß da elektrisieren. Im Spätwinter 1993 vergräbt sich Klaus Schmidt in einen archäologischen Bericht über eine oberflächige Bestandsaufnahme im Osten der Türkei. Neben Spuren von Assyrern, Hethitern und alten Griechen erwähnen die Archäologen darin beiläufig jenen „Berg voller Flint”, über den sie unweit der Stadt Sanliurfa (früher Urfa) stolperten. Solche Mengen sind Schmidt fremd, aber die Gegend kennt er: Als der Bau des Atatürk-Staudammes Notgrabungen am oberen Euphrat erforderte, war er als Assistent von Prof. Harald Hauptmann dabei, als der Heidelberger Archäologe Nevali Çori ausgrub (bild der wissenschaft 6/1992, „Gott in der Steinzeit”). Steinzeitler hatten dort vor 10 500 Jahren nicht nur Häuser für sich, sondern auch größere für ihre Gottheiten geschaffen. Die semi-seßhaften Wildbeuter Nevali Çoris’ gingen noch einen Riesenschritt weiter und schufen erste, steinerne Großskulpturen. Schmidt eist sich vom Wintersemester los, um die Berge hinter Sanliurfa zu erkunden. Die Kuppen dort gleichen sich wie ein Ei dem anderen, nur eine ragt aus der Einförmigkeit heraus: Sie ist höher als die anderen und hebt sich von der Ödnis mit einem Baum und zwei alten Gräbern ab. Göbekli Tepe heißt diese Erhebung, zu deutsch: „Berg mit Nabel” – Nabel einer uralten Welt, wie sich bald zeigen wird. Die ferne Vergangenheit ist hier mit Händen zu greifen, denn der Boden ist aufgeschottert mit Feuerstein in allen Bearbeitungsphasen von der rohen Knolle über aufgeschlagene Kerne bis zu ungebrauchten Pfeilspitzen. Schmidt: „Ich habe noch keinen Platz gesehen mit solchen Mengen Flint.” Die keramiklosen Steinzeitler haben die Feuersteinknollen aus drei Kilometer Entfernung über 300 Höhenmeter auf den Berg geschleppt – ein hartes Stück Arbeit. „Das macht man nicht aus Spaß”, verzweifelt der Archäologe, denn er hat noch keine Erklärung für die Unmengen des kostbaren Materials. Vielleicht, so spekuliert er, eine steinzeitliche Flint-Manufaktur? Viel zu bescheiden phantasiert, denn der Berg hat es in sich. Schon bei der ersten Sondage tauchen T-Pfeiler auf, wie sie auch typisch für Nevali Çori sind: mächtige Steinkreuze ohne Kopf, mit Reliefs an den Breitseiten. Nachdem er Genehmigung und Geld beschafft hat, legt Schmidt im Sommer 1995 los – und auf Anhieb Gebäude frei, die glänzen mit Terrazzoböden und Mauerwunderwerken. Das Höchste jedoch sind die Bildstelen, kolossaler als die von Nevali Çori und mit einer größeren zoologischen Bandbreite. Neben den Reliefs schufen die Steinmetze von Göbekli Tepe auch lebensgroße Vollplastiken. Doch die Krönung ist das Alter der Skulpturen: Zwei Datierungen mit der Radiokarbonmethode kommen auf 11000 Jahre. Zu diesem Zeitpunkt war die Kunstepoche der Höhlenmalerei längst vorbei, in der Architektur aber hatte sich nicht das geringste getan. Nevali Çori – von den Archäologen als Prototyp des Tempels gefeiert – liegt noch in ferner Zukunft. Jericho wird zwar zur gleichen Zeit errichtet, aber schmucklos ohne die kunstvollen Pfeileranlagen. Und die Pyramiden Alt-Ägyptens entstehen erst 6000 Jahre nach den Monumenten vom Nabelberg. Schmidt kommt vom Einkauf zurück und eilt auf den Hügel: Auf dem gerade frei geschaufelten Querbalken eines Pfeilers sind neben einer schon bekannten Ente vier weitere in einer Art Netz ans Licht gekommen. Spannung kommt auf, die Helfer aus dem nächsten Dorf machen glatt Überstunden und putzen ohne zu murren andächtig das Gefieder. Unter der Schwimmvogelschar zeichnen sich Ohren ab, die sich bald als die eines Wildschweines erweisen. Zur Menagerie der Stele gesellt sich schließlich noch ein Fuchs. Keiler und Konsorten stellen mehr dar als nur Tiere. Rein um der Kunst willen stemmt man nicht Bilder aus dem Stein. Was wohl hat die Jäger vor 11000 Jahren dazu bewegt, bis zu 8 Meter hohe und 50 Tonnen schwere Hinkelsteine mit einem Flintmeißel aus dem Kalkfels zu schlagen? Präsentierten sich so die Clans samt ihrer Erbfolge? Für die Archäologen ist das eine der Interpretationsmöglichkeiten: die Reliefs als eine Art Urwappen, die den Kult- und Familienratsplatz heiligten. Neue Funde können andere Auslegungen hervorrufen. Schmidt sieht in dem Berg der Feuersteine den Brennpunkt einer frühen Kultur: „Hier haben die Altsteinzeitler eine grandiose Abschiedsvorstellung gegeben.” Weil die Wildbeuter zu Bildhauern wurden, waren sie vorübergehend auf die Seßhaftigkeit gekommen. Der Ausgräber schätzt die Steinmetze auf gut 500 Mann. Da mußten sich die Sammlerinnen schon etwas einfallen lassen, um die Belegschaft satt zu kriegen: Sie bauten Wildgetreide am Fuß des Berges an. Es wird dunkel, die Grabungs-Crew arbeitet immer noch. Nachtschichten sind nicht Sitte, aber heute muß eine sein: Der Fachmann für Abgüsse reist morgen in aller Frühe ab und hat sein Silikon erst auf den letzten Drücker aus dem Zoll gekriegt. Damit er endlich werkeln kann, wird der Batterie das Letzte abverlangt. Wie einst wohl die Öllampen aus Basalt, bringen nun Funzeln der Neuzeit mysteriöses Leben in die Grube. Jetzt dräuen die Löwen und eine Ahnung von Steinzeit kommt auf. Koch Neçmi ruft die Archäologen ungerührt in die Gegenwart zurück: „Essen wird kalt.” „Na, wenigstens eine Erfrischung heute”, kommentiert Klaus Schmidt.
Waltraud Sperlich




