bild der wissenschaft: Sie wollen mit
den „grünen Lügen” aufräumen und behaupten, die Öko-Politik, auf die viele in Deutschland stolz sind, sei gar nicht öko. Welche Gründe haben Sie, Herr Professor Schmidt-Bleek?
Friedrich Schmidt-Bleek: Umweltpolitisch handeln bedeutet, die Tragfähigkeit der Erde zu erhalten. Die Bundeskanzlerin sagt, sie sei dabei, unser Land für die Zukunft fit zu machen. Tut sie aber nicht. Jedenfalls nicht, soweit es um die ökologischen Grundlagen des Lebens geht. Die Umweltsituation wird jeden Tag gefährlicher. Die ungehemmte Nutzung von natürlichen Ressourcen ist der Grund dafür. Und die nimmt mit immer mehr Technik weiter zu. Es geht um Material, fossile Rohstoffe, Wasser und Land. Die von Frau Merkel schon 1998 anvisierte Ressourcenwende findet nicht statt.
Die Energiewende, die alle – von Union bis Linke – befürworten, ist Unsinn?
Sie alleine durchzupowern, ist tatsächlich unsinnig. Sie kann keine Nachhaltigkeit bringen, weil sie sich ausschließlich auf eines von mehreren großen Problemen der Ökosphäre richtet. Noch schlimmer: Sie wird vorangetrieben ohne Rücksicht auf die dringend erforderliche Dematerialisierung unserer Wirtschaft. Tatsächlich erhöht sie den Ressourcenverbrauch sogar. Wir müssen den Ressourcenverbrauch unserer ganzen Wirtschaft drastisch drosseln — etwa auf ein Zehntel. Das gilt auch für die Technik, mit der wir die Energie der Sonne ernten. Solarzellen sind beim Ressourcenverbrauch etwa genau so schlecht wie Gaskraftwerke. Sie können aber noch verbessert werden und verbrauchen immerhin keine grünen Wiesen. Dies ist ein weiteres Problem: Extra für die Umsetzung der Energiewende angebaute Biomasse zu verbrennen, ist grundfalsch.
Wir sollen auch keine Hybridautos fahren, sagen Sie.
Verglichen mit normalen Benzinern verdoppeln Hybridautos mit Benzin- plus Elektromotor den Materialverbrauch pro Kilometer, wenn man den ökologischen Rucksack mitrechnet. Das heißt, hier wird der Teufel durch zwei Belzebuben ersetzt. Der Umwelt wäre viel besser gedient, wenn man die Lebenszeit von Technik um das Doppelte oder Dreifache verlängern würde. Zudem schaffen Wartung und Reparatur von langlebigen Produkten Arbeitsplätze.
Sie haben vor gut zwei Jahrzehnten das Konzept „ Faktor 10″ erfunden. Motto: Wohlstand schaffen mit nur einem Zehntel der Ressourcen. Warum ist das nötig?
Der Grund der Misere ist, dass jede Entnahme und Nutzung von natürlichen Ressourcen lebensnotwendige Funktionen und Dienstleistungen der Ökosphäre verändert und zerstört. Der Faktor 10 ergab sich aus einer simplen Abschätzung, die seither mehrfach bestätigt wurde. Der weltweite Verbrauch von natürlichen Ressourcen muss halbiert werden, um global zu einem ökologisch stabilen Zustand zurückzukehren. Da die 20 Prozent reichen Erdbewohner etwa 80 Prozent der Ressourcen in Anspruch nehmen, sollten sie bei wachsender Weltbevölkerung ihren Verbrauch an Ressourcen im Schnitt auf ein Zehntel einschränken, um den aufstrebenden Ländern ausreichend Umweltraum für ihre Entwicklung zu lassen.
Aber selbst der Club of Rome sagt inzwischen: Keine der mineralischen Ressourcen wird in absehbarer Zeit wirklich ausgehen.
Geologisch „ausgehen” ist etwas ganz anderes als ökologisch gefährlich sein. Mit immer mehr Kapital, immer größeren Maschinen und immer mehr Energie kann man natürlich immer mehr und größere Löcher graben. Genau das geschieht ja heute, um den steigenden Bedarf an Rohstoffen zu decken. Und genau da liegt doch der Hase im Pfeffer. Bei steigendem Rohstoffbedarf nimmt auf diese Weise unweigerlich die Umweltzerstörung zu. Mein Modell geht von der Frage aus, ob man den von Menschen erwünschten Nutzen der Technik auch ökologisch intelligenter als heute gestalten kann. Die praxiserprobte Antwort ist: Ja, das kann Technik leisten.
Sie behaupten, sogar Sand werde knapp.
Unsere Zivilisation ist buchstäblich auf Sand gebaut. Sand wird überall eingesetzt, in Gebäuden, Straßen, Computern, Kreditkarten, Geldautomaten, Glas, Lebensmitteln, Kosmetika, Chips, Mikroprozessoren, Solarzellen und tausend anderen Sachen. Doch trotz riesiger Wüsten geht uns dieser Rohstoff aus. Für Beton ist Wüstensand nicht geeignet, weil seine vom Wind rund geschliffenen Körner nicht aneinander haften. Etwa 15 Milliarden Tonnen werden jährlich verbraucht, statistisch gesehen sind das weltweit mehr als 2 Tonnen pro Kopf – Energie- Verbrauch, Transport, Prozesse und Wasserverbrauch nicht gerechnet.
Ist die von Ihnen geforderte Dematerialisierung überhaupt zu schaffen?
Technisch ja, und zwar ohne die Lebensqualität einzuschränken. Dass es geht, zeigen viele Beispiele. Der Häuserbauer Hubert Rhomberg aus Vorarlberg zum Beispiel errichtet 30-stöckige Häuser aus Holz, die Wohnen und Arbeiten mit einem Zehntel Ressourcenverbrauch möglich machen. Solange die Preise von natürlichen Ressourcen aber weit entfernt sind von ihrem realen Wert, solange eine Stunde Arbeit mehr wert ist als eine Tonne Sand, kann man von Seiten der Industrie keinen Enthusiasmus für die Dematerialisierung erwarten.
Kein Wunder, dass von einer starken Entkoppelung von Wohlstand und Ressourcenverbrauch in der Breite nichts zu sehen ist.
Genau deshalb rede ich von „grünen Lügen”. Solange kein Anreiz für Industrie und Verbraucher erkennbar ist, Ressourcen radikal einzusparen, findet ökologische Zukunft nicht statt. Die Nutzung der knapper werdenden Natur aber ist noch immer fast umsonst, während Arbeit zu teuer ist, um genügend Arbeitsplätze zu schaffen. Seit Jahrzehnten wird von einigen Ökonomen deshalb gefordert, die Abgaben und Steuern von Arbeit auf die natürlichen Ressourcen schrittweise umzuschaufeln. Nahe-Null-Kosten für den Verbrauch von Natur verursacht eine Wegwerf-Gesellschaft. Und gefühlt ist das Neue doch immer besser als das Alte, oder? Hersteller sind natürlich glücklich über diese Gemengelage. In einem gesättigten Markt kann ihnen doch nichts Besseres passieren.
China kopiert den westlichen Konsumstil, andere Schwellenländer ebenso. Ist die Hoffnung, dass das Ruder umgelegt werden kann, nicht naiv?
Chinas Regierung hat kaum eine andere Wahl, als die Erwartungen auf Fortschritt von etwa 700 Millionen armen Menschen bald zu erfüllen – sonst riskiert sie eine Revolution. Ähnliches gilt für Länder wie Indien, Südafrika und Brasilien. Würden die westlichen Länder nur Waren und Dienstleistungen mit kleinem ökologischen Fußabdruck importieren, dann hätten exportierende Länder wie China Grund, sich schon jetzt ernsthaft mit der Ressourcenwende zu befassen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass China an einer solchen Entwicklung Interesse hat.
Gibt es denn Länder, die umzusteuern beginnen? Deutschland als Vorbild fällt Ihrer Meinung nach ja aus.
Was müsste denn politisch geschehen, damit die Ressourcenfrage ins Zentrum der Debatte rückt?
Nur die Wähler können das ändern. Dazu müssten sie aber wissen, wie mit ihrer Zukunft Roulette gespielt wird, und bereit sein, eine andere Zukunft zu wagen. Keines der Massenmedien und keine der Bildungseinrichtungen scheint sich bisher für die nötige Transparenz verantwortlich zu fühlen. Seit 20 Jahren wird davon geredet, den untauglichen Indikator Bruttosozialprodukt zu ergänzen oder zu ersetzen. Genauso lange drückt sich die Regierung um die Festlegung von praktikablen Indikatoren für die Entkoppelung von Wirtschaftsleistungen und Ressourcenverbrauch. Ohne Indikatoren ist Planung aber nicht möglich.
Ist die Welt noch zu retten?
Ich hoffe es. Man kann doch nicht mehr tun, als Fallgruben aufzuzeigen und systemisch alternative Wege vorzu-schlagen. Das krampfhafte Festhalten an der hergebrachten Wirtschaftsweise muss zum Absturz führen. Grenzenloses materielles Wachstum auf einem begrenzten Planeten mit wachsender Bevölkerung ist Selbstbetrug. •
Das Gespräch führte Joachim Wille




