Differenzierung ist ein hartes Geschäft – und ein beim Publikum unbeliebtes dazu. Wissenschaftliche Redlichkeit aber verlangt auch die Überprüfung von liebgewordenen oder scheinbar bombenfest stehenden Meinungen und Erkenntnissen. Nicht zuletzt deshalb ist der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und den über 40 beteiligten Wissenschaftlern Anerkennung zu zollen, daß sie sich des immer noch negativ besetzten Themas “Altern und Alter” angenommen haben. Unter Federführung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung wurden alte und sehr alte Berliner in langen Sitzungen medizinisch, phychologisch und soziologisch durchleuchtet. Diese für die Gerontologie völlig neue, weil tatsächlich interdisziplinären Untersuchungen – und die Zusammenführung der Ergebnisse in sogenannten Konsenskonferenzen – erbrachten denn auch ein völlig neues Bild des Alterns.
Dabei passiert es freilich auch, daß man gerade gewonnene Erkenntnisse modifizieren muß: Mit einiger Mühe haben die Alternsforscher in den letzten Jahren ein positives Bild von “den Alten” gezeichnet, die weder geistig verknöchert noch verarmt oder hilflos sind. Generell untermauert das die Berliner Untersuchung. Aber es bietet auch Überraschungen, etwa diese: Die zahnmedizinische Versorgung der Alten ist katastrophal. Es gibt keinen Grund, sagen die Herausgeber der weitgefächerten Berliner Altersuntersuchung, in Euphorie zu verfallen und “die Alten” als unproblematischen Teil unserer Gesellschaft zu sehen. Die positiven Ergebnisse treffen vor allem auf die “jungen Alten”, also die 60 bis 70jährigen zu – aber beim hohen Alter (70 bis 100 Jahre) sieht es alles andere als positiv aus. Völlig unabhängig vom sozialen Status, Lebenslauf oder intellektueller Potenz sackt zum Beispiel die geistige Leistungsfähigkeit rapide ab, die Gefahr eines Demenz steigt sprunghaft an.
Es verschlechtern sich nicht nur einzelne Komponenten des Menschseins, sondern das ganze “System Mensch” wird unausweichlich hinfällig. Hier sei die biomedizinische Forschung gefordert, resümieren die Herausgeber des Buches und postulieren das “vierte Lebensalter”, eben das hohe Alter mit seinen ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten. Das Buch kann ich nicht nur Fachleuten und professionellen Helfern empfehlen, sondern vor allem Politikern – und jedem einzelnen als Mittel gegen die Ungeduld im Umgang mit den alten Alten. Schließlich hat jeder die Chance, selbst einmal zu ihnen zu gehören.
Paul B. Baltes, Karl Ulrich Mayer (Hrsg.) DIE BERLINER ALTERSSTUDIE Das höhere Alter in medizinischer Perspektive Berlin, 1996, 672 S., DM 78,- (Paperback); DM 124,- (Hardcover)
Michael Zick





