Das drohende Gefühl der späteren Zerknirschung bestimmt unser aktuelles Handeln.
Als die britische Lotteriegesellschaft zusätzlich zur Samstags- eine Mittwochsziehung einrichtete, kündigte speziell eine Gruppe von Glücksuchenden ihre Einsatzbereitschaft an: die Spieler, die ihr Kreuzchen jeden Samstag auf immer die gleichen Zahlen setzten. Ihr Hauptmotiv war überraschenderweise nicht der Spaß oder die Extrachance, zu gewinnen. In erster Linie hatten sie einfach einen Horror vor der schrecklichen Möglichkeit, ihre angestammten Zahlen könnten am Mittwoch gewinnen, und sie hätten keinen Lottoschein abgegeben.
Was die Psychologin Pam Briggs von der University of Northumbria bei ihrer Befragung entdeckte, passt zu einer ganzen Reihe neuer Befunde: Reue, die Zerknirschung über begangene Fehler und verpasste Chancen, gehört zu den unangenehmsten Gefühlen, die der Mensch empfinden kann. Selbst überragend wichtige Entscheidungen werden daher oft nur aus Furcht vor drohender Reue gefällt.
In den letzten Jahren haben Psychologen nachgewiesen, dass menschliche Gefühle und Empfindungen nicht allein von den Dingen abhängen, die sich tatsächlich ereignen. Sehr häufig werden emotionale Reaktionen durch den Gedanken an Ereignisse geprägt, die hätten geschehen können. Ein besonderes Gewicht haben die Dinge, die um Haaresbreite passiert wären. Das Erlebnis, ein Flugzeug um wenige Minuten verpasst – also beinahe noch erwischt – zu haben, schmerzt mehr als die Verspätung um eine Stunde oder mehr.
Die Angst vor späterer Reue führt zu irrationalem Verhalten, hat die Psychologin Lydia Lange vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin herausgefunden. In einem Experiment wurden Versuchspersonen vor einer Lotterie gefragt, ob sie ihr Los gegen ein anderes austauschen wollten. Obwohl beide Lose die gleichen Gewinnchancen hatten, lehnten die Probanden den Umtausch ab. Der Grund für die mangelnde Umtauschbereitschaft, so die Berliner Psychologin, war „die Angst, man müsse es später womöglich bereuen, einen Schein umgetauscht zu haben, der sich nach der Ziehung als Gewinn entpuppt.” Aus ähnlichen Gründen scheuen sich Studenten davor, einmal angekreuzte Antworten auf Multiplechoice-Fragebögen auszuradieren.
Die Furcht, sie könnten „ihre eigenen Handlungen später verwünschen, lässt Menschen unheilvolle Fehlentscheidungen treffen”, liest die Psychologin Barbara A. Mellers von der Ohio State University aus ihren Studien: Mütter, die sich vorstellten, wie ihre Kinder von den Folgen einer Impfung dahingerafft werden, entschlossen sich viel seltener zu der Vorbeugemaßnahme als andere, „obwohl sie wussten, dass das Risiko der Krankheit viel größer ist als das der Impfung”.
In der Rückschau über Vollbrachtes und Unterlassenes ergeben sich Reue-Abstufungen. In einer Studie des Psychologen Thomas Gilovich von der Cornell-Universität Mitte der neunziger Jahre sollten Menschen ihr früheres Verhalten beurteilen. Die Befragten empfanden die größte Zerknirschung über die Gelegenheiten, die sie durch ihre Untätigkeit verpatzt hatten. Der reuige Schmerz über die „unsinnigen” Taten der Vergangenheit fiel dagegen kaum ins Gewicht.
Reue ist von allen unangenehmen Gefühlen das häufigste, betont der Psychologe Marcel Zeelenberg von der Universität Tilburg in Holland. Probanden, die ihre negativen Emotionen protokollieren sollten, führten keine andere Missempfindung häufiger auf.
Reue kann sogar das Leben kosten: 1995 brachte sich in Liverpool ein Lottospieler um. Just die Zahlen, die er seit vielen Jahren spielte, hatten zwei Millionen Pfund gewonnen. Doch er hatte vergessen, den abgelaufenen Lottoschein zu erneuern.
Rolf Degen





