Die Achaier (die Griechen der bronzezeitlichen mykenischen Hochkultur) kannten Troia spätestens seit der Mitte des 2. Jahrtausends v.Chr. Das läßt sich am wichtigsten Indikator ablesen, über den wir für den Nachweis von Kontakten zwischen Völkern und Kulturzonen verfügen: an der Keramik. Griechische Keramik aus der mykenischen Epoche der griechischen Geschichte – „ mykenische” oder „achaiische” Keramik also – beginnt sich an der kleinasiatischen Westküste von etwa 1500 v.Chr. an immer stärker auszubreiten – und wird sehr bald von lokalen Produzenten in großen Mengen imitiert.
Zu den Stätten mit dem stärksten mykenischen Einfluß zählt nach den neue- sten Untersuchungen neben Milet, Iasos, Ephesos und Klazomenai auch Troia. Angesichts der Bedeutung Troias für den Land- und vor allem Seehandel, insbesondere als Hafen-, Lager- und Umschlagplatz im Handelsverkehr mit der Schwarzmeer-Region, war nichts anderes zu erwarten. Die mykenischen Griechen standen also spätestens seit der Mitte des 2. Jahrtausends mit Troia im Kontakt. Wie dieser Kontakt aussah, läßt sich allerdings bislang nur in groben Umrissen sagen. Denn anders als bei den Hethitern stehen uns bei den Mykenern – jedenfalls bis heute – keine Staatsdokumente zur Verfügung. An Briefen kennen wir nur solche, die von Hattusa (der hethitischen Hauptstadt) nach Achijawa (einem mykenischen Reich auf dem griechischen Festland) gingen. Das wird am unterschiedlichen Entwicklungsstand der Schreibkultur liegen: Während die Hethiter sich sehr rasch die vorgefundene, relativ handliche Keilschrift zunutze machten, fanden die mykenischen Griechen erst spät, frühestens im 15. (vorchristlichen) Jahrhundert, zur Schriftlichkeit, und das Silbenschriftsystem, das sie nach der Eroberung von Knossos von den Kretern übernahmen und an ihre Sprache adaptierten, war schwerfällig und international mit Sicherheit nicht „hoffähig”. Die Korrespondenz mußte infolgedessen in der damaligen internationalen Diplomatenschrift, der Keilschrift, geführt werden.
Daß eine solche Korrespondenz der Mykener zumindest mit den Hethitern stattgefunden hat und als selbstverständlich galt, geht aus entsprechenden Textstellen hethitischer Königsbriefe hervor. In einem dieser Briefe beklagte sich (der hethitische Großkönig) Hattusili II. – sehr vorsichtig und um Verständnis werbend – beim König von Achijawa darüber, daß dieser den Umtrieben des Pijamaradu in ganz Westkleinasien – von Wilusa und Lazba (Lesbos) bis nach Millawanda (Milet) – nicht entschieden Einhalt gebiete. Wir haben gesehen, daß Pijamaradu der Enkel eines vor den Hethitern nach Achijawa geflüchteten Königs von Arzawa war, einem westkleinasiatischen Küstenland mit Hauptstadt in Apasa (Ephesos), das mit den Hethitern ständig im Konflikt lag. Er war auch nach Wilusa (Wilios/Troia) und Lazba (Lesbos) eingefallen, hatte dort Sklaven gemacht und diese nach Millawanda (Milet, Brückenkopf Achijawas in Kleinasien) verschleppt. Hattusili möchte ihn ausschalten, bekommt ihn aber nicht zu fassen, weil er im entscheidenden Moment jedesmal zu Schiff nach Achijawa ausweicht.
Der hethitische Großkönig Hattusili redet in seinem Beschwerdebrief den König von Achijawa stets formell mit „Mein Bruder!” an, stellt ihn also im Rang dem König von Ägypten und sich selbst gleich. Der Brief zeigt, daß die Korrespondenz zwischen den beiden Briefpartnern beziehungsweise ihren Herrschaftsgebieten offensichtlich schon seit geraumer Zeit andauert, ferner, daß es Höhen und Tiefen in den Beziehungen zwischen den beiden Reichen gab, und schließlich, daß der König von Achijawa über den ganzen „Fall Pijamaradu” – und damit auch über Pijamaradus Aktivitäten im Gebiet von Wilusa – Bescheid weiß.
Leider sind die entsprechenden Briefe mykenischer Könige nach Hattusa bisher weder in den hethitischen Archiven aufgetaucht noch etwa als Abschriften in den mykenischen Residenzen. Infolgedessen sind wir für die Rekonstruktion der Beziehungen zwischen den beiden Reichen vorderhand weitgehend auf indirekte Schlüsse angewiesen. Von den vielen Möglichkeiten, die sich auf diesem Feld eröffnen, wollen wir hier nur die noch deutlichste erwähnen: kleinasiatische Ortsnamen auf mykenischen Tontäfelchen in Linear B-Schrift. Eine kürzlich publizierte Untersuchung stellt folgende Ortsnamen beziehungsweise Ortsnamen-Ableitungen zusammen, die für unsere Frage aufschlußreich sind:
(1) Tros und Troia = „der Troer” und „die Troerin”: dreimal belegt, einmal in Knossos auf Kreta, zweimal in Pylos auf der Peloponnes; dazu kommt jetzt ein weiterer Beleg aus dem großen Tontafel-Fund von 1994/95 aus Theben; (2) Imrios = „Mann von (der Insel) Imbros”: einmal belegt in Knossos; (3) Lamniai = „Frauen von (der Insel) Lemnos”; mehrfach belegt in Pylos; (4) Aswiai = „ Asierinnen”; mehrfach belegt in Knossos, Pylos und Mykene; gemeint sind offensichtlich Frauen aus derjenigen Region, die bei den Hethitern Assuwa hieß und die man mit Assos in der Troas verbunden hat; (5) (möglicherweise) Kswiai = „Frauen von (der Insel) Chios”: mehrfach belegt in Pylos; (6) Milatiai „ Milesierinnen” und Knidiai „Frauen von Knidos”: mehrfach belegt in Pylos und Knossos.
Hier ist also von Ausländern in Achijawa die Rede, und dort, wo es sich um Frauen handelt, sind nach dem jeweiligen Zusammenhang der Texte offensichtlich Frauen-Arbeitsgruppen gemeint – Fremdarbeiterinnen also. Diese Nennungen sind von erheblichem Aussagewert: Sie zeigen eine natürliche Vertrautheit der mykenischen Griechen mit dem anatolischen Küstengebiet, den vorgelagerten Inseln und mit Troia an. Das gehäufte Vorkommen ausgerechnet von Frauen aus diesen Gebieten, die als Fremdarbeiterinnen eingesetzt waren, läßt jedoch noch weitergehende Schlüsse zu: Offensichtlich hat es mykenische Raubzüge nach Anatolien und zu den vorgelagerten Inseln hin gegeben. Das wäre dann die Ergänzung und konkrete Ausfüllung der Angabe in jenem Brief des Königs Manbatarhunta an den hethitischen Großkönig Muwatal- li II. (um 1300), Pijamaradu sei in Lazba (Lesbos) eingefallen und habe von dort Handwerker nach Millawanda (Milet) verschleppt.
Nun ist eines klar: Raubzüge, deren Ziel die Beschaffung von Arbeitskräften war, sind uns in jener Zeit aus den hethitischen Quellen durchaus auch für die Hethiter selbst belegt. Offensichtlich handelt es sich um eine allgemein verbreitete internationale Praxis der Zeit. Insofern hätten die mykenischen Griechen also keine Ausnahme gebildet. Ein Punkt aber fällt auf: In den hethitischen Dokumenten, von denen wir doch so viel mehr besitzen als von den achaiischen Linear B-Dokumenten, beschränken sich diese Raubzüge auf Gebiete in Kleinasien; Frauen aus Achijawa – etwa aus Pylos, Mykene oder Theben – sind darin bislang nicht aufgetaucht. Was sich da deutlich abzuzeichnen scheint, ist Expansivität, aber Expansivität, die nur in eine Richtung geht: von West nach Ost, von Achijawa nach Kleinasien – nicht umgekehrt.
Daß diese Expansivität insbesondere im 13. Jahrhundert offenbar zum Dauerzustand geworden war, konnten wir bereits aus dem Staatsvertrag des hethitischen Großkönigs Tudhalija IV. mit seinem Schwager und Vasallenkönig Sausgamuwa von Amurru ablesen, der um 1220 v.Chr. geschlossen wurde. Dort wird dem König von Amurru nicht nur ausdrücklich aufgetragen, eine strikte Handelsblockade gegen Achijawa zu verhängen, sondern es wird auch aus der offenbar sehr alten Großkönige-Formel („Die Großkönige von Hatti, Ägypten, Babylon, Assyrien und Ahhijava”) der Großkönig von Achijawa nachträglich wieder herausgestrichen. Das deutet nun nicht mehr nur auf Abkühlung und Verstimmung hin, sondern auf regelrechte Verfeindung.
Das Resultat: Ein Krieg um Troia ist wahrscheinlich. Einige dieser Tatbestände (bei weitem nicht alle) hat im Jahre 1998 einer der führenden Hethitologen, Trevor Bryce, in einem eigenen Kapitel seines Buches „The Kingdom of the Hittites” zu einem Gesamtbild zusammenzusehen versucht. Er kommt zu dem Ergebnis, daß ein historischer Kern der Geschichte vom Troianischen Krieg nicht länger bezweifelt werden kann. Vier von seinen fünf Indizien dafür seien hier zitiert – das fünfte steht in keinem direkten Zusammenhang mit den vorangegangenen vier: (1) Mykenische Griechen waren in den politischen und militärischen Angelegenheiten West-Anatoliens, insbesondere im 13. Jahrhundert, stark involviert. (2) Während dieser Periode war der hethitische Vasallenstaat Wilusa das Objekt einer Reihe von Attacken, in die Mykener direkt oder indirekt verwickelt gewesen sein können. (3) Wilusa lag in Nordwest-Anatolien im Gebiet der klassischen Troas. (4) Sprachlich kann Wilusa mit dem griechischen (W)Ilios gleichgesetzt werden. Trotz dieser Indizien hält Bryce jedoch eine Reihe von Attacken der Achaier gegen Troia vorderhand für wahrscheinlicher als einen einmaligen Krieg. Diese in der Realität zeitlich gestaffelten Attacken seien dann in der Sängerdichtung der Griechen, für die diese Ausgriffe ihrer Führungsschicht über das Meer hinüber in das begehrte „Gelobte Land” natürlich ein brennend interessantes Thema waren, im Laufe der Zeit – Bryce rechnet mit mindestens 100 Jahren – zu einem einzigen Groß-Ereignis zusammengeflossen.
Diese These wird von vielen Seiten her abgestützt. Sie ist jedoch, wie ihr Autor durchaus auch selbst weiß, rein spekulativ. Über Spekulationen hinauszukommen ist in der Tat noch immer schwer – auch beim heute erreichten Stand der Forschung, der inzwischen schon wieder viel weiter ist als zur Zeit von Bryce, der sein Manuskript im Juni 1996 abschloß. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, daß hinter der Troia-Geschichte nicht viele kleine Nadelstiche, sondern ein ein-maliger Militärschlag der Achaier stehen könnte, ist im Wachsen. Dazu hat eine Erkenntnis beigetragen, die jüngst vom deutschen Archäologen Wolf-Dietrich Niemeier, dem Mit-Ausgräber Milets, publiziert werden konnte: Der archäologische Befund zeigt klar, daß in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Milet ein Machtwechsel stattgefunden hat; an die Stelle der achaiischen Oberherrschaft über Milet trat die hethitische Oberherrschaft.
Niemeier formuliert: „Mit dem Land Millawanda (Milet) hatte Ahhiyawa ein Standbein an der Südwestküste von Kleinasien, von dem aus es sich in die Angelegenheiten Westkleinasiens einschaltete, Feinde und rebellierende Vasallen Hattis unterstützte, aber selten direkte Aktionen startete […] Leider wissen wir nicht, wie Ahhiyawa von der Szene Westkleinasiens verschwand und wie Millawanda in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts unter hethitische Herrschaft kam. Am wahrscheinlichsten ist es, daß Tudhaliya IV. diesen ständigen Unruheherd an der Westgrenze von Hattis Einflußbereich ausschalten wollte.” Eine ganz neue Entdeckung scheint den Herrschaftswechsel nunmehr zu bestätigen: Im Juni 2000 fand die Archäologin Anneliese
Peschlow im Latmos-Gebirge bei Milet an der Paßhöhe der Straße, die vom Landesinnern nach Milet hinunterführt, eine hethitische Inschrift. Solche Fels-Inschriften, stets mit Abbild des hethitischen Großkönigs, waren zu ihrer Zeit ein Signal an alle Welt: „Hier herrscht Hatti!” Die neue Inschrift wird erst genau gelesen und datiert werden müssen. Herrschaftsanspruch – den Herrschaftsanspruch der Hethiter über Milet – bezeugt sie aber jetzt schon.
Das Szenario bewegt sich damit in eine Richtung, auf die auch bisher schon alles zuzulaufen schien: Achijawa war in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends eine expansive Macht im Mittelmeergebiet. Es griff im 15. Jahrhundert nach Kreta aus, und trat nach Ausschaltung der Minoer-Seeherrschaft über die Ägäis Kretas Erbe auch in Kleinasien an: Es setzte sich in Milet fest. Von dort aus versuchte es sich weiter auszubreiten. Achijawas Versuche, dem Großreich der Hethiter – zu dem die Hethiter auch die vor der kleinasiatischen Küste liegenden Inseln rechneten – Schaden zuzufügen, endeten aber schließlich mit einem Gegenschlag der Angegriffenen: Achijawa verlor seinen Brückenkopf in Westkleinasien, Milet. Diese Schlappe einfach hinzunehmen, dürfte dem König von Achijawa schwergefallen sein. Das Interesse Achijawas an den kleinasiatischen „Futtertrögen” dauerte nun schon Jahrhunderte an. Und es sollte sich nach dem Zusammenbruch des hethitischen Widerparts um 1175 v.Chr. erneuern: Die griechische Ostkolonisation, die um 1100 v.Chr. begann, setzte nur eine Linie fort, die schon angelegt gewesen war.
In Milet selbst anzugreifen, an einem Ort, aus dem man soeben erst vertrieben worden war, das wäre strategisch nicht besonders klug gewesen. Aber zu versuchen, an einer anderen Stelle der kleinasiatischen Küste Fuß zu fassen, an einer Stelle, die wegen ihres wachsenden Reichtums und ihrer handelspolitischen Bedeutung schon lange im Visier war: Troia – das konnte als verlockend erscheinen. Was wir danach zum Abschluß formulieren können, lautet so: Wirklich Verbindliches können wir am jetzt erreichten Punkt der Forschung zwar immer noch nicht sagen. Aber die Wahrscheinlichkeit, daß hinter der Troia-/Wilios-Geschichte mit ihrem griechischen Groß-Aufgebot gegen ein in jeder Hinsicht hinderliches Machtzentrum an der Westkleinasienküste doch ein historisches Ereignis stehen könnte, ist durch die gebündelten Forschungsanstrengungen verschiedener Disziplinen in den letzten etwa 20 Jahren nicht geringer geworden.
Ganz im Gegenteil: Sie ist immer stärker gewachsen. Die Fülle der Indizien, die in genau diese Richtung weisen, ist heute beinahe schon erdrückend. Und sie wächst weiter an – mit jedem Monat, in dem Archäologen, Anatolisten, Hethitologen, Gräzisten, Sprachwissenschaftler und viele andere neue Stollen in den alten Rätselberg hineintreiben.
Dem Fortgang der Forschung können wir danach heute mit einer gewissen ahnungsvollen Spannung entgegensehen. Die frühere Ungewißheit schwindet, und die Lösung scheint näher denn je zu liegen. Es würde nicht verwundern, wenn das Resultat bereits in naher Zukunft lauten würde: Homer ist ernst zu nehmen.
Kompakt
Der Krieg um Troja – oder Troia, wie die Wissenschaftler sagen – hat stattgefunden. Für Prof. Joachim Latacz, den führenden deutschen Homer-Forscher, ist die Indizienkette so dicht, daß er nur noch auf das „Geständnis” wartet. In seinem jetzt erschienenen Buch „Troia und Homer” geht er mit kriminalistischer Akribie allen Spuren in allen Wissenschaftszweigen nach, die etwas zur Lösung des Falles beitragen können. Latacz ist blendend informiert und kennt den aktuellen Stand der Forschung. Er wägt die neuen Befunde sorgfältig ab und zieht seine Schlüsse. Dem Leser erklärt er auf seiner Beweisjagd geduldig auch die schwierigsten Zusammenhänge – ein wissenschaftlicher Krimi der Sonderklasse. Wir dokumentieren einen Auszug vom Schlußkapitel.
Michael Zick




