Dass sie in Kalifornien lebt, verdankt
Désirée Karge ihrem Mann, der 1997 im Silicon Valley eine Stelle annahm. Rasch entschlossen und sofort ganz Amerikanerin stellte sie die Weichen für ihre berufliche Zukunft neu. Die damals 27-Jährige entschied sich, Wissenschaftsjournalistin zu werden und bewarb sich als freie Autorin bei bdw. Das Ergebnis: Bisher erschienen bei uns 57 große Beiträge von ihr. Dass sie eine erfolgreiche Journalistin werden würde, war in den frühen 1990er-Jahren alles andere als klar. Zwar war Deutsch ihr Lieblingsfach in der Schule. Doch nach dem Abitur entschied sie sich für eine kaufmännische Ausbildung und studierte anschließend Lebensmittelchemie. „Das hat Spaß gemacht, weil ich viel Interessantes gelernt habe.” Noch mehr Spaß als an Laborexperimenten hatte sie allerdings daran, Berichte darüber zu schreiben. Wissenschaftlerporträts bezeichnet sie heute als ihre liebsten Arbeiten. Richtig stolz ist die gebürtige Hamburgerin und Mutter dreier halbwüchsiger Kinder, dass Auszüge ihrer Porträts über den Computerguru Thad Starner sowie über den Astronauten Gene Cernan – dem letzten, der auf dem Mond war – in Schulbüchern abgedruckt wurden.
Anders als ihre Autorenkollegen in Deutschland hat Désirée Karge bei ihrem US-Job ein Problem mit der Präsentation unseres Mediums: „Ich bin erst einmal zwei Minuten damit beschäftigt, bild der wissenschaft zu buchstabieren sowie Inhalte und Zielgruppe meines Magazins vorzustellen.” Die US-Forscher beschreibt sie gleichwohl als „sehr hilfsbereit”. Und sie freut sich stets, wenn sie in der Neuen Welt auf deutschstämmige Wissenschaftler trifft. Roboter- Experte Sebastian Thrun, Erfinder des selbstfahrenden Autos bei Google (Bericht in dieser Ausgabe ab Seite 102), habe ihr begeistert ein Interview gegeben, weil bild der wissenschaft „damals in Deutschland” seine Lieblingszeitschrift gewesen sei. Übrigens: Neben-bei unterrichtet Désirée Karge Deutsch für Amerikaner.
Wie kommen Sie auf Ihre Themen?
Ich finde sie überall. Einer der letzten Artikel basierte auf der Verifizierung von Klatsch, den ich auf einer privaten Weihnachtsfeier in San Francisco hörte.
Welchen Wissenschaftler bewundern Sie?
Generell bewundere ich Menschen, die sich mit Leidenschaft einer bestimmten Aufgabe verschrieben haben und versuchen, die Welt ein wenig besser zu machen. Wie der US-Archäologe Richard Hansen, der im Mirador-Basin in Guatemala Maya-Forschung betreibt. Zudem bringt er seinen Arbeitern Lesen und Schreiben bei und setzt alle möglichen Hebel in Bewegung, um den dortigen Regenwald vor Brandrodung zu retten.
Wo und wann veröffentlichten Sie Ihren ersten honorierten Artikel?
1996 als Praktikantin beim Hamburger Abendblatt. Wir hatten tolle Straußen-Fotos aus Afrika, aber keinen Text. Man schickte mich zur Recherche in den Zoo. Um mir die Einfältigkeit dieser Vögel zu demonstrieren, gab der Wärter einem Strauß einen Tennisball zu fressen. Ich werde nie vergessen, wie dieser dann langsam als Beule den langen Hals hinunterrutschte.
Warum lesen Sie trotz Internet Gedrucktes?
Ich lese nichts im Internet. Ich recherchiere dort nur. Ich brauche Papier, mag seine Textur und vor allem die Tatsache, dass man darauf Notizen machen und es überallhin mitnehmen kann.
Ecken Sie mit Ihren Themen an?
Bisher nicht.
Was bringt Sie am Wissenschaftsbetrieb auf die Palme?
Unprofessionelles Verhalten, ob im Wissenschaftsbetrieb oder anderswo.
Was ist Ihr populärwissenschaftliches Lieblingsbuch?
Ich habe kaum Zeit für Bücher und bin schon glücklich, wenn ich abends das aktuelle Blatt meines Spanisch-Sprachkalenders lesen kann.
Ist in Amerika vieles besser?
Das Silicon Valley ist schon ein spezieller Landstrich. Eine solche Kombination aus Talenten, Geld, Infrastruktur und 300 Sonnentagen im Jahr gibt es nirgendwo sonst. Viele Ideen werden im Valley geboren, geschmiedet und oft auch zu Gold gemacht. Und doch: Selbst hier muss sich ein Mittelklassehaushalt für eine gute Ausbildung der Kinder verschulden. Und selbst hier haben zehn Prozent der Menschen keine Krankenversicherung. Das unzeitgemäße „Zwei-Parteien-System” bremst die politische Dynamik und führt dazu, dass in Washington meist die Ideen umgesetzt werden, deren Lobby am finanzstärksten ist. wh





