Noch heute wird die Tuberkulose so diagnostiziert wie von Robert Koch vor über 125 Jahren: mit dem Mikroskop. Der von den französischen Forschern Albert Calmette und Camille Guérin entwickelte, nur begrenzt wirksame BCG-Impfstoff gegen die Tuberkulose stammt aus dem Jahr 1921. Die meisten der noch heute verwendeten Medikamente kamen zwischen 1945 und 1970 auf den Markt. Unter den rund 1400 Arzneimitteln, die in den letzten 25 Jahren bis zur Jahrtausendwende zugelassen wurden, waren lediglich drei, die sich speziell gegen Tuberkulose richteten. „ Ein falsches Sicherheitsgefühl im Westen hat zu einem nahezu vollständigen Forschungs- und Entwicklungsstopp geführt”, erklärt Stefan Kaufmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, die eklatanten Versäumnisse. Mit der Erkenntnis, dass Krankheitserreger nicht an Grenzen haltmachen, erwacht die Tuberkuloseforschung allmählich wieder. Derzeit werden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit schätzungsweise 300 bis 400 Millionen Euro jährlich für die Tuberkuloseforschung ausgegeben. Die WHO geht von einem tatsächlichen Bedarf von jährlich einer Milliarde Euro aus.
Multitalente SIND GEFRAGT
Um die Tuberkulose merklich einzudämmen, braucht es neue Medikamente und besser wirksame Impfstoffe. Beides klingt im Vergleich zur globalen Armutsbekämpfung machbar. Doch die Anforderungen sind enorm gewachsen. Das liegt an der erstarkten Widerstandskraft des Tuberkulose-Erregers gegen Medikamente und an der unglückseligen Liaison, die er inzwischen mit dem Aids auslösenden HI-Virus eingegangen ist, das ihm bei der Verbreitung hilft. Neue Medikamente gegen die Tuberkulose müssen Multitalente sein: Sie sollen schnell wirken und die Behandlungszeit von derzeit mehreren Monaten auf möglichst wenige Tage verkürzen. Sie sollen anders wirken als die verfügbaren Anti-Tuberkulotika und in niedriger Dosis auch resistente Bakterienstämme angreifen. Und sie sollen sich mit Medikamenten gegen HIV vertragen – schließlich ist rund ein Drittel der 40 Millionen HIV-Infizierten weltweit zusätzlich mit Tuberkulose infiziert. „Es gibt mittlerweile industrielle Projekte, die diesem Anforderungsprofil entsprechen”, sagt Rolf Hömke vom Verband forschender Arzneimittelhersteller in Berlin. „Die meisten neuen Entwicklungen sind noch im Laborstadium, vier bis fünf aber werden bereits klinisch erprobt.”
Dazu gehört ein Wirkstoff mit dem Kürzel OPC-67683, der sich gegen Mykolsäure, einen Baustein in der bakteriellen Zellwand, richtet. Mykolsäure ermöglicht es den Tuberkulose-Erregern, langfristig innerhalb der Fresszellen des Immunsystems zu überleben. Der neue Wirkstoff verspricht, auch ruhende Keime, die von herkömmlichen Antibiotika nicht erreicht werden, zu bekämpfen. Ein anderes Beispiel ist eine neue Substanz (TMC207), die ein Enzym in den Mitochondrien hemmt und die Energieversorgung der Tuberkulose-Bakterien empfindlich stört. Mehrere Arbeitsgruppen forschen zudem weltweit an einem neuen Impfstoff gegen die Tuberkulose. Denn der verfügbare BCG-Impfstoff kann nur die schlimmsten Formen der Tuberkulose bei Kleinkindern verhindern, nicht aber die häufigste Krankheitsform, die Lungentuberkulose bei Erwachsenen.
Die Immunologen vermuten, dass BCG die T-Helferzellen der körpereigenen Abwehr aktiviert. Die Immunzellen sorgen dann dafür, dass die Erreger an ihrer Eintrittsstelle in Gewebeneubildungen, den „Granulomen”, eingemauert werden. Das verhindert bei Kleinkindern, dass sich die Bakterien weiter im Körper ausbreiten. Abgetötet werden die Keime jedoch nicht. Wenn die Schutzwirkung des Impfstoffs nach einigen Jahren nachlässt, „ erwachen” die eingemauerten Bakterien – und die Tuberkulose bricht aus. Eine Idee der Forscher ist, dem zu schwachen BCG-Impfstoff einen zweiten Impfstoff zur Seite zu stellen und den Impfschutz so zu verstärken. Dazu werden sogenannte Booster-Vakzine entwickelt, die Teile des Krankheitserregers und immunstimulierende Hilfsstoffe (Adjuvantien) enthalten. Mehrere dieser Impfstoffkandidaten werden derzeit klinisch geprüft.
Hoffnung auf Lebend-Impfstoff
Ein zweiter Forschungsansatz versucht, die alte BCG-Impfung durch einen wirkungsvolleren Lebend-Impfstoff zu ersetzen. Diese Strategie verfolgt die Arbeitsgruppe von Stefan Kaufmann in Berlin. Die Berliner Max-Planck-Forscher haben dazu in einen Impfstamm ein zusätzliches Gen integriert, wodurch eine stärkere und längere Antwort des Immunsystems ausgelöst werden soll. Der Impfstoff befindet sich derzeit in der ersten Phase der klinischen Prüfung.
Möglicherweise wird es sich als ideal erweisen, beide Impftypen zu kombinieren: Auf eine erste Impfung mit dem gentechnisch aufgerüsteten Impfstoff folgt eine Booster-Vakzine, die das Immunsystem zusätzlich stimuliert. Die Experten gehen davon aus, dass ein neues Impfstoff-Schema kaum vor dem Jahr 2020 zu erwarten ist. Auf dem Wunschzettel der Forscher und Therapeuten stehen auch Biomarker, beispielsweise Blutwerte oder genetische Signaturen, mit denen eine aktive Tuberkulose einfach, schnell und zuverlässig diagnostiziert werden kann. Biomarker könnten auch voraussagen, ob und wann eine ruhende Tuberkulose in eine offene umschlägt. Viel rascher als bislang könnte mit geeigneten Biomarkern zudem die Frage beantwortet werden, ob ein Patient auf einen Wirkstoff anspricht. Dadurch ließe sich nicht nur die Therapie effektiver gestalten, auch die gefürchteten Resistenzen würden zurückgedrängt. Die Suche nach verlässlichen Biomarkern hat sich allerdings als sehr schwierig erwiesen. ■
CLAUDIA EBERHARD-METZGER machte sich auf Einladung der Pharmafirma Eli Lilly selbst ein Bild von Tuberkulose-Kranken in Delhi. JAMES NACHTWEY, Fotoreporter in Kriegs- und Krisengebieten, stellte bdw seine indischen Bilder zur Verfügung.
von Claudia Eberhard-Metzger (Text) und James Nachtwey (Foto)
LESEN
Claudia Eberhard-Metzger, Renate Ries DIE MACHT DER SEUCHEN Mensch und Mikrobe – eine verhängnisvolle Affäre Hirzel, Stuttgart, Leipzig 2002, € 19,80
Stefan H.E. Kaufmann WÄCHST DIE SEUCHENGEFAHR? Globale Epidemien und Armut: Strategien zur Seucheneindämmung in einer vernetzten Welt S. Fischer, Frankfurt am Main 2008, € 9,95
TUBERKULOSE Sonderveröffentlichung der BUKO Pharma-Kampagne und der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe e.V., Pharma-Brief Spezial Nr. 2/2007 und Nr. 2/2008, zu beziehen über: www.bukopharma.de
INTERNET
Website der WHO, die über Tuberkulose in Europa informiert (mit Links zu anderen Regionen): www.euro.who.int/tuberculosis
Informationen über die Tuberkulose-Situation in Indien und Hilfsprojekte vor Ort: www.tbalertindia.org
Aktionsseite zur Bekämpfung der Extremform der Tuberkulose, mit Bildern von James Nachtwey: www.xdrtb.org





