Warum sind manche Menschen suchtgefährdeter als andere? Berliner haben jetzt Gen-Veränderungen gefunden, die eine Veranlagung zur Sucht erklären könnten. Daß nicht allein die sozialen Umstände eines Menschen, sondern auch seine Erbanlagen für eine Sucht verantwortlich sind, haben großangelegte Familienstudien aus den USA und aus Dänemark schon vor einiger Zeit gezeigt. Der genetische Anteil der Einflüsse, die die Abhängigkeit von Alkohol, Nikotin oder Heroin erleichtern, beträgt nach diesen Ergebnissen etwa 40 bis 60 Prozent. Welche Gene aber im einzelnen daran beteiligt sind, war bisher ein Rätsel. Um es zu lösen, müssen enorme Datenmengen analysiert werden. Erst moderne Bioinformatik-Systeme, wie sie auch im Human-Genom-Projekt eingesetzt werden, können diese Aufgabe bewältigen.
Die Genetikerin Margret Hoehe vom Max-Delbrück-Zentrum für Molekulare Medizin und ihr Team konzentrierten sich bei ihrer Suche auf das µ-Opiat-Rezeptor-Gen. Das Gen trägt die Information zur Bildung eines Eiweißmoleküls, das den Effekt von Heroin und Kokain im Gehirn auf die Nervenzellen überträgt. „Fehlt dieses Gen bei genetisch veränderten Mäusen, dann können die Tiere auch nicht süchtig werden”, erklärt Hoehe. Die Berliner Forscher analysierten die Gene von 250 schwer Heroin- oder Kokainabhängigen. Sie wurden fündig: 43 Mutationen entdeckten sie, aber erstaunlicherweise nicht unmittelbar im Bauplan des Opiatrezeptors. Der war bei allen gleich. Die Unterschiede zu Nichtsüchtigen lagen in den sogenannten regulierenden Gen-Regionen. Sie sorgen normalerweise dafür, daß ein Gen zur richtigen Zeit aktiv wird und es „seine Eiweißmoleküle” in der richtigen Menge und am richtigen Ort dem Körper zur Verfügung stellt. Dieser Kontrollmechanismus scheint bei Süchtigen gestört zu sein. Hoehe untersuchte auch Gesunde und entdeckte bei ihnen nur sehr wenige der charakteristischen Mutationen. Der Opiatrezeptor gehört zum „Belohnungs- und Glückssystem” des Gehirns. Es ist wichtig für Motivation, Durchhaltevermögen und Wohlbefinden. Bei Suchtgefährdeten scheint dieses System gestört zu sein.
Die Neurobiologin Andrea Heyne vom MediMod Research Institute in Reutlingen warnt aber vor zu einfachen Schlüssen. Schon bei Tieren scheint die anfängliche Neigung, eine Droge zu nehmen, bei der Suchtentstehung eine Rolle zu spielen. „Ratten werden nur dann abhängig, wenn sie die Droge freiwillig nehmen können. Tiere, die man zum Drogenkonsum zwingt, werden in der Regel nicht süchtig”, sagt Heyne. Dieses Phänomen kann man sogar bei Nervenzellen beobachten. Direkt neben dem Glücks- und Belohnungszentrum des Gehirns, dem sogenannten limbischen System, entdeckten Forscher Veränderungen in der Signalverarbeitung der Nerven. Sie traten aber nur bei den süchtigen Tieren auf, nicht bei denen, die zum Drogenkonsum gezwungen wurden. Ist Suchtverhalten demnach kein genetisch vorbestimmtes Schicksal? Auch Margret Hoehe ist davon überzeugt, daß die Mutationen im Opiatrezeptor nur einen Teil der Drogenabhängigkeit erklären können. „Mit unserer Studie haben wir aber jetzt zum ersten Mal handfeste molekulare Daten, um den komplizierten Zusammenhang zwischen Genen und der Krankheit Sucht zu untersuchen.”
Thomas Niemann




