bild der wissenschaft: Herr von Hildebrand, was hat sich durch die Auszeichnung mit dem alternativen Nobelpreis vor zwei Jahren für Sie geändert?
Hildebrand: Bis dahin interessierte sich die Öffentlichkeit nicht für uns. Das war auch gut so, denn kein Großgrundbesitzer oder Politiker sah in der Selbsthilfeorganisation COAMA eine ernsthafte Bedrohung. Jetzt ist vieles schwieriger, dafür erhält COAMA Entwicklungsgelder aus ganz Europa, und sogar der kolumbianische Präsident hat uns zähneknirschend einen nationalen Umweltpreis verliehen.
bdw: Kolumbien hat erstmals 1984 Indio-Gebiete – die Resguardos – anerkannt, auf Ihre Initiative hin. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Hildebrand: Ohne diese Verträge wäre die Raffgier über den Urwald ausgebrochen: Der Run auf die Ressourcen, die Süßwasserfische, das Gold, den Kautschuk, die Edelhölzer und die Anbaufläche für Koka-Pflanzen. Die Anerkennung der politischen Autonomie der Indios hat sich als der effektivste Beitrag zum Schutz des Regenwalds erwiesen. Die Vorfahren der Tanimuca, Letuama, Yucuna, Matapí und Witoto lebten schon vor 15 000 Jahren im Amazonas-Becken – ihre Ethik, ihre gesamte Weltanschauung dreht sich um den Erhalt dieses Lebensraumes.
bdw: 21000 Quadratkilometer geschützter Regenwald – eine Fläche, fast so groß wie die alte Bundesrepublik. Wieso hat sich gegen diese Abmachung kein Widerstand gerührt?
Hildebrand: Amazonien war lange der Hinterhof Kolumbiens, das kam uns zugute. Erst in den neunziger Jahren begriff die politische Elite Kolumbiens, daß sich mit Biodiversität auch Geld verdienen läßt: Natürliche Ressourcen, genetische Vielfalt und der Zugang zum Amazonas – Caramba, das Stück Hinterland ist Gold wert! Diese Erkenntnis schreckte sie plötzlich auf. Heute wären die Resguardos politisch nicht mehr durchsetzbar.
bdw: Wozu erhalten wir den Regenwald dann überhaupt?
Hildebrand: Stellen Sie sich vor, die Erde sei ein Raumschiff. Wir schauen nachts durch die Fenster dieser gigantischen Kapsel in den klaren Sternenhimmel. Die Gestirne bewegen sich im unendlichen Raum – das Habitat der Erdlinge dagegen ist begrenzt. Einer ist Österreicher, der andere Deutscher oder Australier – alle sitzen sie im gleichen Boot. Unser Planet ist nur bewohnbar, wenn die klimatischen und biologischen Eckdaten stimmen. Vor allem den Gürtelbereich unseres Raumschiffs müssen wir gut pflegen – hier gibt es besonders viele Pflanzen und Tiere.
bdw: Ist die massive Zerstörung des kolumbianischen Regenwalds inzwischen gestoppt?
Hildebrand: Im Amazonasgebiet, ja. Aber vergessen Sie nicht, daß es in Kolumbien noch andere Brennpunkte gibt. Die tropischen Anden im Chocó-Gebiet haben die höchste Biodiversität auf dem Planeten. Dort wird weiter abgeholzt, werden Straßen und Hafenanlagen gebaut.
bdw: Das Zauberwort für den tropischen Regenwald scheint „ nachhaltige Nutzung” zu sein. Gibt es dazu erfolgreiche Projekte?
Hildebrand: Gar keine! Nehmen wir das Pilotprojekt der G-7-Länder in Brasilien: Millionen Dollar versiegen in der örtlichen Bürokratie. Die Geldgeber haben sich zu wenig um die Umsetzung der Nachhaltigkeit gekümmert. Und das Interessengeflecht läßt sich nicht entwirren: Landlose, Holzfirmen, Indios, Umweltschützer, Regionalpolitiker, Großgrundbesitzer – alle stehen mit einem Fuß in der Türangel. Nur die Amazonas-Völker nutzen den Wald nachhaltig: Sie fördern das Wachstum bestimmter Baumarten, pflanzen Wildbeeren an, schlagen Lichtungen und legen kleine Gärten an – ohne daß ihr Habitat zu Schaden käme.
bdw: Gibt es einen ökonomischen und ökologischen Konsens? Müssen alle Weißen aus dem Wald?
Hildebrand: Natürlich könnten die Weißen diese Biomasse genauso behutsam nutzen wie die Indios: Der Wald verkraftet den selektiven Einschlag. Wirbelstürme öffnen sogar 100 Hektar große Schneisen – ohne langfristige Folgen. Aber wie verhindert die geschwächte und korrupte kolumbianische Regierung, daß die Holzfirmen nicht wild umhersägen? Und sind ein paar Tonnen Tropenholz es wert, diesen einmaligen Lebensraum aufs Spiel zu setzen?
bdw: Sollen die Europäer, Amerikaner und Japaner – die größten Umweltverschmutzer – für die Erhaltung des Regenwaldes zahlen?
Hildebrand: Auch im Umweltschutz muß das Verursacherprinzip gelten. Ich würde allerdings eher Firmen als ganze Nationen zur Verantwortung ziehen: Industrieunternehmen sollten die verursachte Luftverschmutzung durch die Aufforstung von Waldflächen kompensieren. Die Weltöffentlichkeit kann auch ganz anders helfen: Für einen Dollar jährlich können Sie bei uns Pate für einen Hektar Tropengebiet werden. Den aktuellen Zustand eines Waldstücks beobachtet der Pate live auf Satellitenbildern im Internet. Falls seinem Gebiet etwas passiert, kann er bei der kolumbianischen Regierung protestieren oder die Presse einschalten.
bdw: Extreme Luftfeuchtigkeit, Moskitos, Giftschlangen: Wie können Sie sich an diesem Ende der Welt wohl fühlen?
Hildebrand: Der Urwald gibt mir Kraft, deshalb lebe ich dort vier, fünf Monate im Jahr. Ich genieße die Gespräche im kleinen Kreis mit den Indios – vor allem mit den Tanimuca, die ich seit 1972 kenne. Wenn es gegensätzliche Ansichten gibt, sagt ein Ratsmitglied: „So denkst du. Aber für mich ist eine andere Wahrheit gültig!” Diese kulturelle Behutsamkeit hält die 55 ethnischen Gruppen in Kolumbisch-Amazonien zusammen.
bdw: Vermissen Sie manchmal die Annehmlichkeiten der westlichen Zivilisation?
Hildebrand: Da müßte ich lange nachdenken: Ein Bett? Nein, ich schlafe lieber in der Hängematte. Auch auf Strom, Internet, TV, Telefon oder Lebensmittel aus dem Supermarkt verzichte ich gerne. Ein Wasserklosett wäre allerdings eine Wohltat: Manchmal spielt der Magen verrückt, die Nacht ist rabenschwarz, draußen prasselt der Regen und das Gemeinschafts-Klo liegt irgendwo im feuchten Niemandsland.
bdw: Gibt es kulturelle Eigenheiten der Indianer, die Ihnen fremd sind?
Hildebrand: Manche Traditionen schok-kieren mich. Eine Regel besagt, daß eine Frau nur ein einziges Baby ernähren kann – sonst zehrt sie angeblich aus. Deshalb tötet die Gemeinschaft jeden Zwilling sofort nach der Geburt.
bdw: Was ist Ihr Traum?
Hildebrand: Meine Utopie ist die Vereinigung der amazonischen Lebensräume in Kolumbien, Brasilien und Venezuela – alles in allem wären das 60000 Quadratkilometer ohne Öl-Multis, Goldschürfer und Holzfäller.
Bdw community
Internet Indio-Selbsthilfeorganisation COAMA http://www.coama.org.co/
Alternativer Nobelpreis http://www.rightlivelihood.se
Gregor Barié / Martin von Hildebrand




