Namen sind Schall und Rauch: kaum gehört, schon vergessen – wenn sie nicht zum dazugehörigen Gesicht passen. Ein Phänomen, das jeder kennt. Jetzt ist es wissenschaftlich untersucht worden. Die Psychologin Melissa Lea fand heraus, dass Namen im Gedächtnis mit bestimmten Gesichtszügen verbunden werden. „Stimmt die Assoziation, können wir uns Namen gut merken”, belegte die Wissenschaftlerin am Millsaps College in Jackson/Mississippi mit einer Studie. Den Auftrag hatte Lea von ihrer ehemaligen Professorin Robin Thomas erhalten, die immer wieder die Namen von zwei Studentinnen – Heather und Kristen – verwechselte. Als Grund vermutete sie, dass Heather eher so aussah, wie sie sich eine Kristen vorstellte und umgekehrt.
Lea nahm für die Studie ein Grafikprogramm zu Hilfe, mit dem die Polizei sonst Fahndungsfotos erstellt. Damit ließ sie 150 Studenten Gesichter zu 15 üblichen Männernamen gestalten: Bob, Bill, Brian, Dan, Andy, Tim, Tom, Rick, Matt, Mark, Jo, John, Josh, Jason und Justin. Sehr häufige Namen wie Michael vermied die Forscherin: „Jeder kennt mindestens fünf davon, die alle anders aussehen. Das verwischt den Eindruck.” Die Studenten sollten die Namen mit ihren Vätern, Onkeln, Cousins oder Freunden verbinden können. Deswegen kamen nur Namen in Frage, die von 1960 bis 1990 durchweg populär waren. Das war auch der Grund, warum Lea keine weiblichen Namen untersuchte: „Die Beliebtheit von Mädchennamen hat ständig gewechselt.” Das Heather-Kristen-Problem ihrer Professorin konnte sie also nicht lösen.
Nachdem die Männergesichter am Computer fertig waren, beurteilte eine zweite Studentengruppe, wie gut die Gesichter zu den verschiedenen Namen passten. „Aus den Gesichtern, die als am besten passend bewertet wurden, haben wir dann jeweils einen Prototyp geschaffen”, erklärt die Psychologin. Zuletzt bekam eine dritte Gruppe die Bilder der Prototypen gezeigt, außerdem Bilder von den nicht so eindeutigen Bobs, Justins, Marks und den anderen. Die Studenten sollten die Namen der jeweiligen Gesichter auswendig lernen. Das Ergebnis bestätigte Robin Thomas’ Verdacht: Je besser der Name zum Gesicht passte, desto schneller konnten ihn die Studenten behalten.
Lea vermutete, dass der Klang der Namen die Assoziation zu den Gesichtern beeinflusst: „Bob hört sich rund und voll an. Also denkt man an ein rundes Gesicht, runde Augen oder volle Lippen.” Der Name Tim klinge eckig und schlank, so dass damit ein kantiges, schmales Gesicht verbunden werde. Das liegt hauptsächlich an den Vokalen, meint Lea: „Ein ,o‘ klingt rund und sieht auch so aus. Ein ,i‘ ist schlank und wird in Tim phonetisch nur kurz wahrgenommen.”
Lea nahm sich die Phonetik genauer vor: Sie untersuchte, ob ein Zusammenhang zwischen der akustischen Wahrnehmung zweier Namen und der zugehörigen optischen Assoziation besteht. „ Probanden mussten beurteilen, inwiefern Prototypen-Paare – etwa John und Josh – sich auf einer Skala von 1 bis 7 optisch und akustisch ähneln.” Ergebnis: Gleich klingende Namen werden ähnlich aussehenden Gesichtern zugeordnet, anders klingende Namen verschiedenen Gesichtern. Am größten war der Unterschied zwischen Tim und Bob. Anders bei Jason und Justin: Hier gab es eine große optische und akustische Übereinstimmung und somit eine große Verwechslungsgefahr. Ein Stolperstein für Namensvergesser – wenigstens können sie jetzt eine Erklärung vorbringen. ■
von Désirée Karge





