Wenn Manuela Fürstenau an sich herunterschaut, kann sie es noch immer kaum glauben: Das Entfernen ihrer vergrößerten, entzündeten Galle hat keinerlei sichtbare Narben am Körper hinterlassen. Nur zwei Schnitte setzten die Ärzte im Israelitischen Krankenhaus in Hamburg der damals 37-Jährigen, einen tief in der Scheide und einen im Bauchnabel. Fürstenau war der Scheidenschnitt zunächst suspekt. „Ich habe mich geschämt, wollte lieber einen herkömmlichen Eingriff”, erinnert sie sich. „ Meine Bettnachbarin war Tierarzthelferin und hatte damit weniger Probleme. Sie hat mir zur transvaginalen Operation geraten.” Heute rät auch die junge Mutter anderen Gallenkranken zu dieser Methode.
Bei neuartigen Operationsverfahren werden natürliche Körperöffnungen wie Mund und Nasenlöcher, aber auch Harnröhre, Scheide und Enddarm genutzt, um zu den Organen zu gelangen. Zu den medizinischen Vorteilen gibt es bislang kaum gesicherte Daten. Doch die meisten operierten Patienten berichten über kurze Erholungszeiten, wenig Schmerzen und den angenehmen Nebeneffekt, keine Narben zu haben. Sie würden sich immer wieder dafür entscheiden. Von Komplikationen hört man selten, da bislang nur hoch spezialisierte Teams die Eingriffe anbieten.
Wie bei Manuela Fürstenau bevorzugen die Chirurgen bei Frauen die Scheide als Zugangsweg ins Körperinnere – und können dabei die Erfahrungen aus 100 Jahren Frauenheilkunde nutzen. „Die Scheide ist im Gegensatz zur sehr sensiblen Haut ideal”, sagt Carsten Zornig, Chefchirurg am Israelitischen Krankenhaus. Sie heilt schnell, ist relativ schmerzunempfindlich und dehnbar. „Ich hatte keinen Wundschmerz. Und ich konnte meinen kleinen Sohn schon nach wenigen Tagen wieder mit mir herumtragen, weil keine Narben störten”, erinnert sich Fürstenau.
Das erste Schlüsselloch
Die Menschen zu heilen, ohne Spuren zu hinterlassen, ist ein alter Ärzte-Traum. Ein Meilenstein auf dem Weg dahin war die Schlüsselloch-Chirurgie: Im Jahr 1980 entfernte der Kieler Arzt Kurt Semm erstmals einen Blinddarm nach dieser Methode. Damals wie heute schieben die Operateure über drei, vier kurze Schnitte Licht, Kamera und Instrumente in den Bauchraum und kontrollieren die Operation über einen Bildschirm. In den folgenden Jahren entdeckte man neue geeignete Indikationen für die Methode, die Schnitte wurden immer kleiner und die Geräte zunehmend feiner.
Im Jahr 2004 gelang dann eine Sensation: Anthony Kalloo vom Johns Hopkins Hospital in Baltimore entnahm erstmals eine Gewebeprobe der Leber, indem er ganz auf die kleinen Einschnitte verzichtete. Er schob seine Gerätschaften über den Schlund in den Magen des Patienten, machte dort ein kleines Loch – und war bei der Leber.
Bald nutzten die Chirurgen auch andere Körperöffnungen wie Scheide und Enddarm, Nasenlöcher und Harnröhre, um spurenlos zu operieren. Schnell war ein Begriff dafür gefunden: „Notes” (von „ Natural Orifice Transluminal Endoscopic Surgery”). Das Operieren durch natürliche Körperöffnungen macht selbst die kleinen Schnitte der Schlüsselloch-Chirurgie im Prinzip überflüssig. Aus Sicherheitsgründen nutzen die Chirurgen jedoch nach wie vor den Bauchnabel, um eine Kamera zu installieren, sodass dort eine kleine Narbe bleibt.
Zu viele Keime im After
Welcher der genannten Zugangswege dabei wirklich sinnvoll für den Patienten ist, darüber sind sich die Ärzte uneinig. Carsten Zornig barg wahrscheinlich als weltweit Erster 1994 eine kranke Gallenblase über die Vagina – lange bevor alle Welt von Notes sprach. Alle anderen Körperöffnungen sind für den Hamburger Chirurgen indiskutabel. Der After: zu viele Keime. Die Harnröhre: zu eng. Und Magenlöcher lassen sich nur schwer abdichten. Der indische Chirurg Gundlapalli Venkata Rao aus Hyderabad, einer der furchtlosesten Verfechter des narbenlosen Operierens, entfernt dennoch seit Jahren über den Magen Blinddärme und sterilisiert auf diesem Weg Frauen. Andere Arbeitsgruppen weltweit eifern ihm nach.
Chirurgischer Übereifer oder echter Patientennutzen? Bislang ist es niemandem gelungen, medizinische Vorteile der neuen Methoden glaubhaft nachzuweisen. Kürzere OP-Zeiten? Im Gegenteil: 52 statt 35 Minuten braucht Zornig für die Scheidenprozedur im Vergleich zum konventionellen Eingriff. Schmerzen, Blutverlust, Mobilität? Im Vergleich zur minimalinvasiven Schlüsselloch-Chirurgie gibt es kaum Unterschiede. Günstiger? Weit gefehlt. Häufig müssen für die Eingriffe teure Einmal-Gerätschaften verwendet werden. Die Auswirkungen auf Psyche und Lebensqualität? Ließen sich allenfalls durch Fragebögen feststellen. Doch systematisch nachgefragt hat bislang niemand bei den operierten Patienten. Mittlerweile laufen zwar weltweit mehrere Dutzend Studien, die Notes untersuchen, doch die Probandenzahlen sind klein und das Vorgehen ist nicht immer wissenschaftlich einwandfrei.
Die Berliner Psychologin Ada Borkenhagen sieht vor allem Frauen als Zielgruppe für die neuen Verfahren. „Eine glatte, unversehrte Haut ist in unserer westlichen Welt in den letzten Jahren vor allem für Frauen immer wichtiger geworden”, sagt sie. „ Die narbenlose Haut ist das Sinnbild für Jugendlichkeit und Gesundheit.” Für viele Männer hingegen sind Narben noch immer ein Zeichen für Mut und Tapferkeit. Das belegt zum Beispiel der „ Schmiss”, den sich Korpsstudenten nach wie vor beim Fechten zulegen.
Die Narbe verschwindet im Nabel
Doch wenn sie will, kann sich heute auch die männliche Kundschaft fast narbenlos operieren lassen: Am Universitätsklinikum in Würzburg schneidet Katica Krajinovic für ihre Eingriffe in den Nabel und nutzt damit als Zugangsweg die einzige natürliche Narbe des Menschen. Sie entsteht, wenn wenige Tage nach der Geburt die Reste der Nabelschnur abfallen. „Wir haben nach einer Methode für Frauen und Männer gesucht”, sagt Krajinovic. Die Chirurgin entfernt über den Bauchnabel Dickdarmabschnitte oder den Blinddarm und entnimmt Gewebeproben – seit dem Jahr 2009 schon 200 Mal. Vor allem bei kleinen Schnitten verschwinde die Narbe im ohnehin nicht sonderlich ansehnlichen Nabel, sagt Krajinovic.
Weil der Eingriff technisch anspruchsvoll ist, haben Krajinovic und ihr Team zuvor viele Male an Schweinebäuchen trainiert. Offenbar sehr erfolgreich. Denn als der Zahnarzt Norbert Elias nach seiner Darmoperation aus der Narkose erwachte, glaubte er zunächst, sein Eingriff sei verschoben worden. „Ich hatte nur einen kleinen Verband am Nabel, das konnte es doch nicht schon gewesen sein”, erzählt er. Zehn Tage danach behandelte der Zahnarzt selbst wieder Patienten. „Mir ging es sehr schnell sehr gut, ich musste mich regelrecht bremsen.” Die fehlende Narbe – ein netter Nebeneffekt. „Ein Geschenk der Chirurgin”, bedankt sich der 60-Jährige.
Biegsamere Instrumente
Allerdings spielen Eingriffe per Notes & Co nach wie vor nur eine untergeordnete Rolle. Seit der Gründung des deutschen Notes-Registers vor vier Jahren wurden etwa 2400 Eingriffe gemeldet, meist Gallenblasen-Entfernungen über die Scheide. Das sind verschwindend wenige im Vergleich zu den jährlich 200 000 Eingriffen nach der herkömmlichen Schlüsselloch-Technologie.
Doch der Notes-Hype hat die Operateure aufgemischt und neugierig gemacht: „10 bis 15 Jahre lang ist in der Chirurgie wenig passiert”, sagt Martin Strik, Chefarzt am Helios Klinikum in Berlin-Buch. „Jetzt haben wir neue Impulse bekommen.” Die Instrumente sind viel feiner und biegsamer geworden. Verschiedene Gerätehersteller experimentieren an einer komplett neuen Instrumenten-Generation, die flexibel sein wird.
„Man operiert viel bewusster”, sagt die Würzburger Chirurgin Krajinovic. „Ich überlege mir mittlerweile auch bei jedem Schlüsselloch-Eingriff, ob ich wirklich noch einen Schnitt brauche oder ob mir die vorhandenen schon reichen.” Auch Carsten Zornig fühlt sich inspiriert: „Wer Lust auf Neues hat, experimentiert mit den sich bietenden Möglichkeiten und entwickelt seine eigene Technik, mit neuen Instrumenten und veränderten Zugangswegen, die den Patienten echte Vorteile bringen.”
So wie Chefarzt Martin Strik in Berlin. Er kommt zwar nicht ganz ohne Narben aus, seine vorwiegend weiblichen Patienten sind dennoch begeistert. Strik gelangt über winzige Schnitte in der Achselhöhle und an beiden Brustwarzen an die Schilddrüse – und kann so seinen Patientinnen den etwa fünf Zentimeter langen, sehr markanten Schnitt am Hals ersparen. Über 375 Mal haben die Mediziner in Berlin-Buch bereits so operiert.
ABBA kommt aus Japan
Die Idee für die sogenannte ABBA-Operationsmethode stammt aus Japan. Dort hat der Hals eine besondere spirituelle Bedeutung. Und er ist bei Japanerinnen, die traditionell wenig Haut zeigen, eine der wenigen Körperstellen, die sie gern zur Schau stellen. Etwa jede dritte Patientin ist für die Operationstechnik geeignet. „Der Vorteil ist zunächst ein kosmetischer”, sagt Strik. Doch es kommt noch ein Faktor hinzu: Beim herkömmlichen Schnitt am Hals fürchten viele eine große hässliche Narbe und zögern deshalb die Operation hinaus. Seit die Berliner ABBA anbieten, kommen die Patientinnen früher in die Klinik – zu einem Zeitpunkt, da sich die Schilddrüse oft noch besser operieren lässt. ■
CONSTANZE LÖFFLER, ehemalige Frauenärztin, ist beeindruckt, dass man über die Scheide nicht nur Uterus und Eierstöcke operieren kann.
von Constanze Löffler
Ohne Titel
Internet
Das „Notes”-Register der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie verzeichnet die neuen Eingriffe: www.dgav.de/Notes.html Dort gibt es auch eine Liste der Kliniken, die die neuen Methoden anbieten.
Wie sicher sind Schlüsselloch-Operationen?
Bei Schlüsselloch-OPs kommt es dank der starken Vergrößerung durch das Videosystem seltener zu Nerven- und Gefäßverletzungen als bei großen Schnitten. Dennoch erfordern diese Eingriffe viel Kunstfertigkeit vom Chirurgen, denn er operiert nur per Blick auf den Monitor. Je nach Organ braucht der Operateur 30 bis 100 Eingriffe, um mit den Instrumenten aus der Ferne sicher zu hantieren. Als Patient sollte man darauf achten, dass die Klinik der Wahl schwerpunktmäßig minimalinvasiv operiert – und sich ansonsten auf Empfehlungen verlassen. Nach der Operation gilt: auf den Körper hören und ihn so belasten, wie er es verträgt.
Kompakt
· Spezialisierte Chirurgen nutzen natürliche Körperöffnungen – vor allem die Vagina.
· Der Nabel – als natürliche Narbe – ist ebenfalls ein begehrter Zugangsweg.
· Diese „Notes”-Chirurgie bringt vor allem kosmetische Vorteile.
· Auch die Schlüsselloch-Chirurgie profitiert von den neuen feineren und biegsameren Instrumenten.





