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Der Sinn des Vergessens
Versäumte Termine, Versagen in Prüfungen, geistiger Verfall – Vergesslichkeit ist gefürchtet. Dabei hat es auch eine gute Seite, dass der Mensch vergessen kann: Würde unser Gehirn die für Erinnerungen zuständigen Synapsenverstärkungen nicht regelmäßig zurückbauen oder zumindest abschwächen, wären ein kognitiver…
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von rolf heßbrügge
Versäumte Termine, Versagen in Prüfungen, geistiger Verfall – Vergesslichkeit ist gefürchtet. Dabei hat es auch eine gute Seite, dass der Mensch vergessen kann: Würde unser Gehirn die für Erinnerungen zuständigen Synapsenverstärkungen nicht regelmäßig zurückbauen oder zumindest abschwächen, wären ein kognitiver Kollaps oder epileptische Anfälle die Folge.
Ohne zu vergessen könnten wir weder hinzu- noch umlernen. Lückenhafte, überholte oder schlicht falsche Informationen würden für alle Zeit in unserem Gedächtnis haften. Unsere sprachlichen Fertigkeiten blieben auf einem kindlichen Level, und traumatische Erlebnisse würden uns in jedem Fall bis ans Lebensende verfolgen.
Um zu verstehen, warum und wie wir vergessen, muss man wissen, wie unser Gedächtnis funktioniert. Weil wir beispielsweise für die Verarbeitung eines Seheindrucks in der Netzhaut länger brauchen als für die Aufnahme eines Schalls im Innenohr, verfügt das Gehirn über ein Ultrakurzzeitgedächtnis. Im sensorischen Cortex wirken sämtliche Sinnesreize für ungefähr eine Viertelsekunde nach.
Nur dadurch können wir etwa ein Trommelgeräusch der Schlagbewegung des Trommlers zuordnen. Folgt dann der nächste Reiz, wird der alte überschrieben, damit aufeinanderfolgende Reize sich nicht überlagern. Mit anderen Worten: Flüchtige Sinneseindrücke speichert das Gehirn gar nicht, eine Art Spamfilter verhindert dies. „Bliebe alles, was wir täglich sehen oder hören, im Gedächtnis, würden wir in einer Flut von Informationen ertrinken“, erklärt der Biopsychologe Onur Güntürkün von der Universität Bochum. „Es macht daher Sinn, dass Reize, denen wir keine Bedeutung beimessen, einfach durchrauschen.“
Das Gedächtnis filtert
Bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) zeigen: Die Eintrittspforte ins Gedächtnis, den rhinalen Cortex, passieren nur jene Eindrücke, die wir als nützlich oder interessant erachten. Welche das sind, entscheidet sich in weniger als einer Sekunde. Zuerst unterzieht der rhinale Cortex die Information in circa 0,3 Sekunden einer Bedeutungsanalyse, indem er versucht, sie in Sprache zu fassen oder sie auf anderem Wege, etwa über das Assoziieren von Bildern oder Gerüchen, mit bereits gespeicherten Informationen zu verknüpfen. Erkennt der rhinale Cortex eine Relevanz, überträgt er die Information innerhalb von 0,2 Sekunden in den Hippocampus, der maßgeblich für das Kurzzeitgedächtnis verantwortlich ist. Gleichzeitig ist er eine Art Vorraum vom Langzeitgedächtnis. Der Kopierprozess vom rhinalen Cortex in den Hippocampus geschieht durch sogenannte Gamma-Oszillationen: Neuronen-Entladungen, die in beiden Regionen synchron ablaufen.
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Das Kurzzeitgedächtnis, auch Arbeitsgedächtnis genannt, kann Erinnerungen für mehrere Stunden oder auch nur für Sekunden speichern. Die Dauer ist davon abhängig, wie lange uns eine Information von Nutzen sein kann, erläutert Onur Güntürkün: „Wenn ich auf der Autobahn ein rotes Auto überholen will, muss ich es so lange im Gedächtnis behalten, bis ich ausgeschert, daran vorbeigefahren und vor ihm wieder eingeschert bin. Das dauert meist nur Sekunden. Anschließend ist das rote Auto sehr bald vergessen.“
Solche Informationen werden durch die erhöhte Aktivierung von kleinen Neuronengruppen vorübergehend aufrechterhalten. Nach dem Überholvorgang kehren die Zellen zur normalen Aktivität zurück, die Informationen werden gelöscht. Dasselbe gilt, wenn wir uns während einer aufwendigen Kopfrechnung eine Zwischensumme merken. „Derlei marginale Informationen hinterlassen keine Synapsenverstärkungen im Hirn“, erklärt Güntürkün. „Sie entfallen uns schnell wieder. Das ist gedächtnisökonomisch sinnvoll.“
Ein Abspeichern per Synapsenverstärkung veranlasst das Gehirn nur bei Informationen, die uns emotional berühren oder einen mittel- bis längerfristigen Nutzen versprechen. Eine solche Relevanz sorgt für eine gesteigerte Impulsstärke zwischen größeren Neuronengruppen.
Nachts werden Erinnerungen gelöscht
„Das kann zum Beispiel über eine sprachliche Verknüpfung geschehen“, sagt Güntürkün. „Fällt etwa ein Name, der mir bekannt vorkommt, kann dies eine ganze Kaskade von Reaktionen und Erinnerungen auslösen, die mir helfen, das Neue einzuordnen.“ Solche Informationen haben eine gute Chance, sich dauerhaft festzusetzen. Ob sie das tatsächlich schaffen, entscheidet sich während eines weiteren Filterprozesses, der sogenannten Gedächtniskonsolidierung. Tendenziell schwächer ausgeprägte Synapsenverstärkungen vom Vortag werden oft während des Schlafs zurückgebaut, manche Erinnerungen gehen also buchstäblich über Nacht verloren. „Man vermutet, dass dies über einen biochemischen Abbauprozess an den Synapsenkontakten erfolgt“, sagt Güntürkün.
Erhaltenswerte Erinnerungen werden vom Hippocampus in den Cortex, die Großhirnrinde, kopiert. „Der Hippocampus hat einen geringen Speicherplatz“, erklärt Güntürkün. „Langfristig wichtig ist er nur für biografische Erinnerungen. Ansonsten verbleiben im Hippocampus lediglich Stichworte zu Erinnerungen, etwa der zeitliche Kontext.“ Über diese Stichworte lassen sich komplexere Informationen aus dem Cortex abrufen, der im Wesentlichen für das Langzeitgedächtnis verantwortlich ist. Er speichert Erinnerungen für Wochen bis Jahre oder gar lebenslang.
Das Langzeitgedächtnis untergliedert sich in zwei Bereiche: Das deklarative Gedächtnis speichert Faktenwissen wie die Fähigkeit, alle europäischen Hauptstädte aufzusagen, sowie episodische Erinnerungen, etwa an die Führerscheinprüfung. Das prozedurale Gedächtnis speichert dagegen automatisierte Handlungsabläufe wie die Funktionen des Gehens oder Radfahrens, die wir ausführen, ohne nachzudenken.
Über die Haltbarkeitsdauer von Synapsenverstärkungen und somit Erinnerungen entscheidet maßgeblich deren Aktivierungshäufigkeit, wie der Neurobiologe Martin Korte von der TU Braunschweig und sein Team herausgefunden haben. Nervenzellen stehen über ihre Synapsen mit bis zu 100.000 anderen Neuronen in Verbindung. Häufiger genutzte Synapsenverstärkungen machen weniger genutzten Synapsenverstärkungen wichtige Nährstoffe wie Kalzium streitig. Ebenfalls an diesem Verdrängungswettbewerb beteiligt sind neue Synapsenverstärkungen, die zum langfristigen Speichern frischer Erinnerungen angelegt werden – ein Prozess, den Gedächtnisforscher Langzeitpotenzierung nennen.
Der Rückbau und die entsprechend funktionelle Schwächung von Synapsenverstärkungen zum Unterdrücken alter Erinnerungen heißt Langzeitdepression. Sie bewirkt, dass ungenutztes Wissen mit der Zeit verloren geht, um Platz für neue Informationen zu schaffen. Die Langzeitdepression ist somit ein Schutzmechanismus, der einer gefährlichen Überlastung vorbeugt. Wären sämtliche Synapsen eines Neurons dauerhaft verstärkt, wäre die Zelle schnell übererregbar, was eine Epilepsie auslösen könnte. Zudem könnten unsere Gehirnzellen schon bald nichts Neues mehr abspeichern.
Gelöscht wird, was überflüssig ist
Auch das Langzeitgedächtnis wirft regelmäßig Erinnerungsballast über Bord, insbesondere Faktenwissen aus dem deklarativen Gedächtnis. Um etwa nach der Rückkehr von einem dreiwöchigen USA-Trip das Auto im Flughafen-Parkhaus wiederzufinden, muss man abrufen, auf welcher Etage und auf welchem Stellplatz man es abgestellt hat – und keineswegs, wo das Fahrzeug während eines früheren Urlaubs vor vier Jahren gestanden hat. „Sitzen wir dann hinter dem Steuer, vergessen wir die jüngste Parkposition meist sehr schnell“, sagt Güntürkün. „Denn wir benötigen diese Information nicht mehr.“
Das prozedurale Gedächtnis, das automatisierte Handlungsabläufe wie Gehen, Laufen oder die Sprachmotorik erinnert, ist grundsätzlich besser gegen das Vergessen abgesichert als das deklarative Gedächtnis. Dafür ist das Erlernen solcher Abläufe mitunter sehr mühsam. Auf dem Weg zu einer guten Sprachfertigkeit etwa müssen deutschsprachige Kinder verinnerlichen, bei s-Lauten nicht zu lispeln. Wer dann im Teenager-Alter beginnt, Spanisch zu lernen, braucht die Langzeitdepression, um zu erkennen, dass es sehr wohl richtig sein kann, s-Laute zu lispeln. Die Folge ist, dass Synapsenverstärkungen, die mit „Lispeln unerwünscht“ beschrieben sind, zwar strukturell erhalten bleiben, jedoch abgeschwächt werden. „Nur indem wir vergessen oder alte Erinnerungen relativieren, können wir umlernen und Neues aufnehmen“, sagt Güntürkün.
Es gibt allerdings Menschen, die nicht fähig sind zu vergessen, wie der Fall des Solomon Schereschewski aus den 1920er-Jahren zeigt. Der Russe konnte in Windes- eile ganze Bücher auswendig lernen, Wort für Wort. Er vergaß nichts davon – was ihm einerseits große Bewunderung, andererseits auch viel Leid eintrug: Schereschewski sagte, er hätte das Gefühl, in einem reißenden Strom aus Informationen unterzugehen. Es fiel ihm schwer, sich in Denkprozessen auf das Wesentliche zu konzentrieren, Inhalte zu generalisieren, zu ordnen oder zu relativieren.
Der Gedächtnisforscher Karl-Heinz Bäuml von der Universität Regensburg erklärt: „Transferleistungen gelingen nur, wenn wir – zumindest temporär – vergessen und Unmengen an verfügbaren Informationen ausblenden können. Deshalb haben es solche Menschen mit einer Inselbegabung, sogenannte Savants, oft sehr schwer, ihr Wissen kreativ und konstruktiv einzusetzen.“
Ein normales Gedächtnis vergisst ganz automatisch: „Die erste und vielleicht unspektakulärste Form des Vergessens ist, wenn der Faktor Zeit alte Gedächtnisinhalte verblassen lässt“, beschreibt es Bäuml. „Eine Erinnerung besteht grundsätzlich aus einem Inhalt sowie einem Kontext, sprich: dem Ort und der Zeit des Erlebens sowie dem damaligen emotionalen Zustand. Unser aktueller Kontext aber ändert sich fortwährend, und je weniger eine alte Erinnerung dort hinein- passt, desto seltener rufen wir sie ab und desto schwieriger wird der Zugriff darauf.“ Andererseits kann der verstärkte Abruf bestimmter Gedächtnisinhalte dazu führen, dass wir andere ähnliche, weniger gefestigte Informationen schneller vergessen, wie Bäuml in mehreren Studien ermittelte. Psychologen sprechen hier von Gedächtnisinterferenz. „Wissen, das sich gegenseitig stört, betreibt einen Verdrängungswettbewerb“, erklärt Bäuml. „Wer schon mal zwei einander ähnliche Fremdsprachen gleichzeitig gelernt hat, kennt das.“
Vergessen kann auch absichtlich herbeigeführt werden. Bäuml erklärt das an einem Beispiel: „Wenn Sie ein neues Internet-Passwort nutzen, können Sie das alte ein Stück weit verdrängen, indem sie bewusst artikulieren: ,Passwort XY kann jetzt weg.‘“ Bildgebende Verfahren zeigen, wie die Informationen aus dem Gedächtnis befördert werden: Aktivitätsmuster im Cortex werden deaktiviert, während im präfrontalen Cortex erhöhter Betrieb herrscht. Das ist ein Marker für aktive Kontrollprozesse. Vollständig ausradiert werde eine Erinnerung jedoch selten, betont Bäuml: „Jeder kennt das: Man erlebt einen Schlüsselreiz, hört zum Beispiel zufällig ein Lied, das seit Jahrzehnten nicht mehr im Radio gespielt wurde. Und plötzlich poppt etwas auf, das einem sonst nicht in den Sinn gekommen wäre.“ Unser Gedächtnis verhalte sich beim Umgang mit Informationen wie eine große Internet-Suchmaschine, meint Bäuml: „Gelöscht wird kaum etwas, aber einige Inhalte lassen sich nicht mehr aufrufen.“
Manches aber erinnert unser Gedächtnis ein Leben lang, etwa besonders gefühlsbeladene Erlebnisse wie den ersten Kuss. Verantwortlich hierfür ist neben dem Hippocampus auch die Amygdala, eine mandelförmige Hirnstruktur, die an den Hippocampus grenzt und besonders bildhafte Erinnerungen ermöglicht. Doch selbst die emotionalsten Erinnerungen fallen dem Vergessen anheim – jedenfalls die meisten Details. Jedes Mal, wenn uns etwas einfällt, kann uns auch ein Stück davon entfallen. Was bleibt, sind sogenannte prinzipielle oder auch kategorische Erinnerungen: „Wenn Sie beispielsweise an Ihre erste Freundin zurückdenken, erinnern Sie sich vielleicht, wo Sie sie kennengelernt haben“, erklärt Onur Güntürkün. „Sie wissen aber nicht mehr, welche Farbe die Tapete im Hintergrund hatte. Solche Details brauchen wir nicht, also rufen wir lediglich holzschnittartige Erinnerungskomponenten auf. Das ist, wenn man so will, die größtmögliche kognitive Ökonomie.“
In anderen Fällen spielt uns das Gedächtnis Streiche und mogelt Erinnerungsdetails hinzu, die es so nie gegeben hat. Psychologen sprechen von „false memories“ (falschen Erinnerungen). Legendär ist ein Fall aus dem Jahr 1975, in dem der australische Gedächtnisforscher Donald Thompson eines schweren Verbrechens beschuldigt wurde. Eine Frau, die in ihrer Wohnung überfallen und vergewaltigt worden war, bezichtigte den bekannten Wissenschaftler der Tat. Doch der konnte ein Alibi vorweisen: Thompson war zur fraglichen Zeit live im Fernsehen aufgetreten. Wie sich herausstellte, hatte die Frau genau diese Sendung gesehen, als sie überfallen wurde. Was sie später erinnerte, war ein fehlerhafter Zusammenschnitt von Fernseh-Bildern und realem Erleben.
Das Gedächtnis lässt sich manipulieren
Solche falschen Erinnerungen können sich auch Jahre nach einem Erlebnis noch einschleichen. Hirnforscher Güntürkün erklärt: „Wann immer wir eine Erinnerung aktivieren, ist sie formbar durch äußere Einflüsse und eigene Überlegungen.“ Evolutionsbiologisch ist das ein klarer Vorteil, denn dadurch lässt sich Vergangenes interpretieren und hinterfragen, und man kann Gefahren künftig besser einordnen. „Unser Gedächtnis ist ja kein Archiv für Vergangenes“, betont Güntürkün, „es soll uns helfen, die Gegenwart und möglichst auch die kommenden Jahre zu überleben.“
Bei wichtigen Zeugenaussagen vor Gericht aber kann die nachträgliche Formbarkeit von Erinnerungen fatale Folgen haben. „Unser Gedächtnis ist dadurch sehr leicht manipulierbar“, sagt Karl-Heinz Bäuml, „etwa durch suggestives Fragen.“ Zudem, so der Regensburger Forscher, neige unser Gehirn dazu, Gedächtnislücken aufzufüllen. „Es gibt dazu zahlreiche Experimente. In einem bekamen Probanden eine Videosequenz aus einem Fußballspiel gezeigt. Anschließend sollten sie sich an Details zum Äußeren des Schiedsrichters erinnern. Etliche meinten, die Farbe seines Trikots zweifelsfrei zu wissen – aber sie nannten ganz verschiedene Farben.“ Verblüffend: Der Schiedsrichter war in der Videosequenz gar nicht zu sehen gewesen.
Während die meisten Erinnerungen formbar und fragil sind, brennen sich manche ins Gedächtnis ein – etwa ein schweres Trauma, das eine posttraumatische Belastungsstörung auslösen kann. In lebensbedrohlichen Situationen aktiviert die Amygdala große Mengen an Stresshormonen, um maximale Energie zum Entkommen freizusetzen. Die Gedächtniszentren laufen auf Hochtouren, damit der Vorfall detailliert abgespeichert wird. Das ist ein evolutionäres Erfolgskonzept: Wer sich bei der ersten Begegnung mit einer Raubkatze gut einprägt, dass das Tier gefährlich ist, wird künftig auf jeden Raubkatzenlaut prompt reagieren. Doch über denselben Schutzmechanismus kann die Detonation eines harmlosen Silvesterböllers ein traumatisches Kriegserlebnis wachrufen.
Andreas Lüthi vom Friedrich Miescher Institute for Biomedical Research in Basel ermittelte in Tierversuchen die biochemische Grundlage für derartige posttraumatische Belastungsstörungen: Synapsen, an die sich solche Extremerfahrungen anheften, sind häufig durch sogenannte perineuronale Netze gesichert. Das sind stabile Zucker-Protein-Komplexe, die Erinnerungen besonders haltbar machen.
Konfrontation hilft gegen Angst
Doch durch Traumata ausgelöste Angstkrankheiten lassen sich therapieren: durch Umlernen. Onur Güntürkün erklärt: „Nehmen wir an, Sie gehen jahrelang jeden Abend denselben Weg von der Arbeit nach Hause. Mit der Zeit entsteht dabei eine detailreiche Gedächtnisspur, auf der Sie Ihren Heimweg erinnern können. Eines Abends aber werden Sie dort überfallen, es kommt zu einem Kampf auf Leben und Tod, den Sie überstehen – jedenfalls körperlich. In Ihrem Gedächtnis aber hat sich eine neue Spur gebildet, die mit Gefahr und Angst beschrieben ist. Nun kann es sein, dass Sie den Weg nicht mehr gehen wollen, dass Sie generalisieren und sich abends gar nicht mehr aus der Wohnung wagen, und sogar, dass Sie nicht mal mehr tagsüber in den Supermarkt gehen.“
Um eine solche Angstkrankheit zu überwinden, gebe es im Prinzip nur ein Mittel: eine Konfrontationstherapie. Güntürkün erklärt, wie sie funktioniert: „Je häufiger Sie nach dem Überfall Ihren angestammten Heimweg gehen, ohne dort eine Gefahr zu erleben, desto weniger Angst werden Sie dabei empfinden. Das heißt, Sie finden zurück auf die ursprüngliche Gedächtnisspur, auf der ihr Heimweg als gefahrlos beschrieben ist.“ Die mit dem Trauma behaftete Gedächtnisspur wird zwar nicht gelöscht, aber sie gerät allmählich in den Hintergrund.
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