Bas Kast
ist Psychologe und Autor. Seine Buchthemen bisher: „Revolution im Kopf”, „Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt”, „Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft” . Für bdw beschrieb Kast im Oktober 2007 „Wie Sie Ihr Unbewusstes nutzen”.
bild der wissenschaft: Herr Kast, in Ihrem Buch zitieren Sie Umfragen, nach denen Frauen in den westlichen Industrienationen seit den 1970er-Jahren unglücklicher geworden sind, während sich bei den Männern in Sachen Glück kaum etwas verändert hat. Wie lässt sich das erklären?
In den 1970er-Jahren waren Frauen sowohl in den USA als auch in Europa noch eindeutig glücklicher als Männer. Mit den Jahrzehnten sind sie in den USA Stück für Stück unglücklicher geworden. Man könnte meinen, einer der entscheidenden Gründe dafür sei, dass sich Frauen heutzutage mit einem nervenaufreibenden Doppeljob konfrontiert sehen: Kind und Karriere.
Stimmt das etwa nicht?
Oft trifft das sicher zu, es kann aber nicht die ganze Erklärung sein. Sonderbarerweise zeigt sich der Unglückstrend nämlich bei praktisch allen Frauengruppen, egal, ob jung oder alt, egal, ob berufstätig oder nicht, egal, ob mit oder ohne Kind. Selbst bei Schulmädchen kann man ihn sehen. In vielen europäischen Ländern ist die Lage nicht ganz so schlimm, dort ist das Glück häufig sogar absolut leicht gestiegen. Aber selbst hier gilt, dass vor allem die Männer glücklicher geworden sind. Das Glücksplus, das die Frauen einst den Männern gegenüber genossen, schrumpft. Deutschland ist übrigens ein besonders trister Fall: Bei uns werden sowohl Frauen als auch Männer unglücklicher.
Meine Generation, ich bin 1956 geboren, hat sich sehr dafür engagiert, für Frauen mehr Freiheiten zu erkämpfen. Jetzt frage ich mich: Haben wir etwas falsch gemacht?
Aus meiner Sicht nicht. Sie haben vieles richtig gemacht. Dennoch muss man sich vielleicht von der naiven Vorstellung verabschieden, Freiheit sei etwas rein Beglückendes. Selbst die Freiheit kommt nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen aus. Für viele mag sich das zwar so anfühlen: Wer es in einer freien Gesellschaft nach oben schafft, kann sich stolz auf die Schulter klopfen. Aber was ist mit jenen, deren Träume nicht in Erfüllung gehen? Die alles geben und trotzdem scheitern? Freiheit bringt nicht nur stolze Sieger hervor, sondern auch Verlierer.
Freiheit hat also ihre Schattenseiten. Dagegen empfehlen Sie unter anderem eine Rückbesinnung auf die Familie. Wieder so ein Tiefschlag für meine Generation, die sich oft konfliktreich aus dem Elternhaus gelöst hat, um die Welt zu erobern. Heißt es jetzt wieder: „Zurück zu Mama”?
Ich spreche von intimen Bindungen, von Verliebtheit, Liebespartnern, Freunden – und dann auch, ja, von Familienbindungen. Bindungen schränken die Freiheit ein. Um ein Extrem zu nennen: Wer über beide Ohren verknallt ist, ist das Gegenteil von frei. Der Verliebte muss einfach in der Gegenwart seines Herzblatts sein, sonst ist er zu Tode betrübt. Er ist total abhängig. Für gewöhnlich denken wir: Gut, das Gefühl der Verliebtheit ist so großartig, da kann ich eine gewisse Freiheitseinschränkung schon in Kauf nehmen. Aber was wäre, wenn wir uns damit irren? Wenn vielleicht gerade das Einschränkende zum schönen Gefühl beiträgt? All die vielen Optionen da draußen, die einem die moderne Wohlstandsgesellschaft anbietet, wecken im Verliebten kein Verlangen mehr. Er hat nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Wenn er bei seinem Partner ist, fühlt er sich komplett. In abgeschwächter Weise gilt diese segensreiche Wirkung für alle intimen Beziehungen, auch für die familiären.
Ihre eigene Generation, Sie sind gerade 39 geworden, beschreiben Sie als „rastlose Stadtneurotiker” und hemmungslose „Optimierer”, die viele Stunden mit der Auswahl des ultimativen Flachbildschirms verbringen. Sie selbst seien auch so einer, schreiben Sie. Übertreiben Sie da nicht ein bisschen?
Stellen Sie sich vor, Sie gehen in eine kleine Eisdiele, die nur drei Sorten Eis anbietet. Sie bestellen zwei Kugeln. Damit haben Sie fast alles gekostet, was Ihnen der Eisladen zu bieten hat! Jetzt kommen Sie in einen modernen Laden mit 200 schillernden Eissorten. Was tun Sie? Ihre Lage ist aussichtslos. Was Sie auch tun, stets zahlen Sie einen hohen Preis: Entweder Sie probieren auch jetzt zwei Drittel der Sorten aus – und lassen sich anschließend ins Krankenhaus einliefern. Oder Sie bestellen wieder nur zwei Sorten und verpassen die restlichen 198. So kommt mir unsere heutige Welt vor: Entweder man überfüllt sich, lädt sich viel zu viel auf und lebt in ständiger Burnout-Gefahr. Oder man verpasst unendlich viel.
Beruflich haben Sie sich ja etwas getraut: Sie sind aus einer festen Position als Redakteur bei einer Tageszeitung ausgestiegen, um fortan als freier Autor zu arbeiten. Sind Sie mit dieser Entscheidung glücklich geworden?
Ich komme, glaube ich, ganz gut ohne Chef und ohne Sekretärin aus. Es gibt aber Tage, da sitze ich in meinem Schreibzimmerchen, und was mir fehlt, ist, einfach nur aufstehen zu müssen, um kurz mit dem einen oder anderen Kollegen zu plaudern. Aber letztlich habe ich mich für die Liebe entschieden: Ich habe gekündigt, um nach Holland zu ziehen, wo meine Freundin arbeitet.
Auch wir älteren Semester kommen in Situationen, wo wir zwischen Geld und Liebe oder zwischen Freiheitsdrang und Genügsamkeit entscheiden müssen. Nur die Optionen werden weniger – man wechselt nicht mehr so leicht den Beruf, den Partner oder das Land. Können Sie aus Ihren Studien einen Rat ableiten für die Glückssucher, die die 50 schon überschritten haben?
Zwischen 40 und 60 kommt es ja zu einem kleinen Glückstief, und auch das könnte mit unserer Freiheit zusammenhängen. Grenzenlose Freiheit und viele Optionen laden zum Träumen ein: Ich könnte doch auch … Sollte ich nicht? Und vor allem: Hätte ich nicht …? Irgendwann stellt man fest, dass man die großen Jugendträume nicht hat verwirklichen können. Ein Rat, den ich dazu im Buch zu geben versuche: So viel wie möglich im Kleinen ausprobieren. Wer von einer Karriere als Romancier träumt, kann mit Kurzgeschichten beginnen. Macht mir das Schreiben überhaupt Spaß? Habe ich Ideen? Ausprobieren statt Träumen – um zu erspüren, ob das vielleicht die Richtung ist, die man einschlagen sollte. Übrigens bereuen wir oft weniger das, was wir getan haben, selbst wenn wir beim Versuch gescheitert sind. Was wir am meisten bereuen, ist das, was wir zu tun versäumt haben.
Kann man Genügsamkeit eigentlich trainieren? Was sagen die Psychologen?
Es gibt da den einen oder anderen Tipp, etwa: Betreten Sie nur zwei Schuhläden! Stellen Sie nach Ihrer Entscheidung etwaiges Grübeln und jegliches Bedauern ab! Entwickeln Sie starke Vorlieben! Solche Ratschläge sind vielleicht nicht unbedingt falsch, aber sie sind nur schwer umsetzbar. Das ist der Grund dafür, dass ich ein Loblied auf intime Bindungen anstimme: Freunde, Liebespartner, Kinder, Haustiere – Bindungen schränken uns ein, ab jetzt ist eben nicht mehr alles möglich. Die enorme Auswahl wird auf ein überschaubares Maß eingeschränkt. Das ist das Herrliche an festen Bindungen: Sie befreien uns von der überwältigenden Optionsflut da draußen! ■
Judith Rauch
Das Buch
„Ich weiß nicht, was ich wollen soll”, das neue Buch des erfolgreichen Sachbuchautors Bas Kast, erscheint am 5. April 2012 (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, € 18,99). Er analysiert darin das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Glück anhand von Bevölkerungsumfragen in vielen Ländern, psychologischen Experimenten, medizinischen Studien und persönlichen Fallgeschichten – mit vielen interessanten Grafiken.





