Der Bürgermeister unseres Ortes war wiedergewählt worden und feierte seinen Sieg im Dorfgemeinschaftshaus mit einem Sektempfang. Mein Nachbar Heinz-Hermann und ich standen an einem Stehtisch in der Ecke des Saals und nippten an unserem Sekt. Während der nicht enden wollenden Rede des Bürgermeisters strich Heinz-Hermann immer wieder über das Revers seines Sakkos. Dort steckte eine Nadel mit einem blauen Knopf, auf dem in gelb der kleine griechische Buchstabe p stand. Ich fragte ihn, welche Bedeutung die Anstecknadel habe. „Das ist das Abzeichen der Piological Society”, erklärte er und fügte stolz hinzu: „Ich bin ihr zweiter Vorsitzender.” Ich hatte noch nie etwas von dieser Gesellschaft gehört. „Die Piological Society ist der Weltverband aller Piologen”, klärte mich Heinz-Hermann auf. „Biologen?”, sagte ich erstaunt. „Du bist doch Mathematik und Religionslehrer. Was hast du mit der Biologie zu tun?” „Piologen, nicht Biologen”, verbesserte mich Heinz-Hermann. „Ein Piologe ist ein Fachmann für die Zahl p, die dem Verhältnis vom Umfang zum Durchmesser eines Kreises entspricht. Sie hat unendlich viele Stellen, die ersten sind 3,14159265. Es gibt kein erkennbares System in der Ziffernfolge, und jede denkbare Ziffernfolge kommt in ihren Stellen vor. Unsere Bundeskanzlerin beispielsweise kam am 17.07.1954 zur Welt, und die Ziffernfolge, die von der 22431821. bis 22431828. Stelle von p reicht, lautet 17071954.” Ich unterbrach seinen Redefluss. „Was ist denn die Aufgabe der Piologie?” „Die wichtigste Aufgabe ist, möglicht viele Stellen von p zu bestimmen. Wir kennen inzwischen ihre ersten 2,5 Billionen Ziffern. Aber es gibt noch viele andere Aufgaben. Ich zum Beispiel habe mich des Problems ‚p und die Bibel‘ angenommen. Im Ersten Buch der Könige heißt es im Kapitel 7, Vers 23: ‚Und er machte ein Meer, gegossen von einem Rand zum andern zehn Ellen weit, und eine Schnur dreißig Ellen lang war das Maß ringsum.‘ Daraus hat man bislang geschlossen, dass das Alte Testaments fälschlicherweise p = 3 setzt. Weil aber bekanntlich nicht sein kann, was nicht sein darf, ist die Bibel fehlerfrei. Also kann es sich nur um ein falsches Verständnis des Textes handeln. Ich habe die Nuss geknackt und meine Lösung auf der letzten Jahrestagung der Piological Society am 14. März in Savannah in Georgia vorgestellt. Wusstest du übrigens, dass der 14. März in den USA als 3/14 geschrieben wird, und Piologen in aller Welt ihn deshalb als Pi-Day gefeiern? Und dass die Postleitzahl 31415 zu Savannah gehört?” „Aha”, sagte ich und fühlte mich wieder einmal in meiner Ansicht bestätigt, dass Lehrer durch ihren Beruf nicht richtig ausgelastet sind. Dann sagte Heinz-Hermann: „Da sich der Bibel-Vers eindeutig auf die Erde bezieht und nicht auf ein abstraktes Problem des ebenen euklidischen Geometrie, kann man annehmen, dass das Erste Buch der Könige den korrekten Wert für p kannte, aber eine Elle ein ganz anderes Maß ist, als wir vermuten. Die Erde ist eine Kugel von 6371 Kilometer Radius und das Meer somit eine Kugelschale mit einer 30 Ellen langen kreisförmigen Uferlinie. Der Durchmesser des Meeres von 10 Ellen ist in der Bibel keine Sehne der Erdkugel, sondern wird entlang der Erdkrümmung gemessen.” „Wie lang muss denn eine Elle sein, damit deine Annahmen stimmen?”, fragte ich. Doch das verriet er mir nicht. Wissen Sie es?
So machen Sie diesen Monat mit
Teilnehmen kann jeder, außer den Mitarbeitern des Verlags und deren Angehörigen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Schicken Sie bitte Ihre Lösung (ausschließlich!) auf einer Postkarte bis zum 28. Feburar 2010 an:
bild der wissenschaft, Kennwort „Cogito 02|10″
Ernst-Mey-Str. 8, 70771 Leinfelden-Echterdingen
Die Lösung und die Namen der Gewinner werden im Mai-Heft 2010 auf der Leserbrief-Seite veröffentlicht.
Zu gewinnen
Unter den Einsendern der richtigen Lösung werden ein Hauptgewinn und fünf Bücher ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Hauptgewinn ist das Diadem 3,6 x 12 von Zeiss (www.zeiss.de). Das leichte und lichtstarke Fernglas eignet sich bestens für unterwegs. Kulturelle Events holen Sie damit nah heran. Und mit dem eleganten Design können Sie sich auch in der Oper sehen lassen. Buchpreis ist „Vom Urknall zum Cyberspace” von Michael Köhler. Der Professor für Physikalische Chemie und Mikroreaktionstechnik an der Technischen Universität Ilmenau gibt eine kurzgefasste und mit über 100 Abbildungen schön illustrierte Beschreibung der Entwicklung unseres gesamten Universums: von der Kosmologie bis zur Informationsverarbeitung in Gehirn und Computer. Grundlegend dabei ist das Konzept der Selbstorganisation aller Strukturen, mit der sich die kosmische, biologische und kulturelle Evolution erklären lässt (www.wiley.de).




