Meine GroSSmutter mütterlicherseits hat einen jüngeren Bruder namens Theodor, der in den Fünfzigerjahren nach Amerika ausgewandert ist und von dem seither niemand mehr etwas gehört hat. Er müsste, falls er noch lebt, inzwischen über achtzig Jahre alt sein. Über Onkel Theodor kursierte in der Familie das Gerücht, er besitze einen Ölkonzern und lebe völlig zurückgezogen in den Rocky Mountains. Eines Tages fahndete ich nach ihm mit einer Suchmaschine im Internet. Und ich hatte Glück: Sein Name tauchte in der Mitgliederliste eines Schachclubs in Abilene, Kansas, auf. Sollte dies Onkel Theodor sein? Ich schrieb ihm einen Brief an die Adresse des Schachclubs. Zwei Wochen später kam die Antwort: Ich hatte tatsächlich Onkel Theodor gefunden. Natürlich war das Gerücht falsch. Onkel Theodor hatte ein Feinschmeckerrestaurant besessen und war wohlhabend, aber nicht reich. Er war Junggeselle geblieben, hatte also keine Familie in Amerika und freute sich sehr, dass ihm seine europäischen Verwandten geschrieben hatten. „Ich würde euch gerne sehen”, schrieb er, „aber ich bin zu alt zum Reisen. Kommt doch bitte nach Amerika.” Da keiner von uns jemals in Amerika gewesen war, ließen wir uns nicht zweimal bitten. Im Frühjahr schrieb ich Onkel Theodor einen Brief, in dem ich unsere Ankunft für den 7. 6. um 3.00 Uhr nachmittags Central Standard Time in Wichita ankündigte. Er versprach, uns mit dem Auto abzuholen und uns am Meeting Point in der Ankunftshalle zu erwarten. Also machten wir uns am 6. 6. mit Kind und Kegel auf den Weg nach Abilene. Zuerst ging es mit der Bahn nach Frankfurt, dann mit dem Flugzeug nach New York und von dort aus flogen wir weiter nach Wichita. Doch als wir uns schließlich todmüde mit dem Gepäck zum Meeting Point geschleppt hatten, war kein Onkel Theodor da. Wir warteten über zwei Stunden und versuchten immer wieder, ihn anzurufen, aber es meldete sich nur sein Anrufbeantworter. „Was machen wir nun?”, fragte meine Frau. „Wir fahren nach Abilene”, sagte ich kurz entschlossen. Eine halbe Stunde später saßen wir in einem Greyhound-Bus, der uns in die Stadt brachte. Als wir schließlich vor Onkel Theodors Haustür standen, war es schon acht Uhr abends. Wir klingelten und ein alter Mann öffnete die Tür. „Onkel Theodor?”, fragte ich. „Wir sind deine Verwandten aus Deutschland.” „Herzlich willkommen in Abilene!”, rief er und umarmte uns. „Aber ich habe euch erst in einem Monat erwartet.” Als wir später bei einem Glas Wein zusammensaßen, stellte sich heraus, dass das Missverständnis über unseren Ankunftstag durch die in Europa und Amerika unterschiedliche Schreibweise des Datums entstanden war. In Europa schreibt man zuerst die Tageszahl und dann den Monat, in Amerika macht man es dagegen umgekehrt. Ich hatte mit unserem Ankunftsdatum 7. 6. den 7. Juni gemeint, Onkel Theodor hatte dies aber als 6. Juli gedeutet. „ Wären wir eine Woche später gefahren und am 14. 6. angekommen, hätte dies nicht passieren können”, sagte meine Tochter. „Dann hätte Onkel Theodor nämlich die europäische Schreibweise erkannt.” „Nehmen wir doch einmal an, man weiß von einem Datum, das nur aus zwei Zahlen besteht, nicht, ob es sich um die europäische oder um die amerikanische Schreibweise handelt. Wie viele verschiedene Daten gibt es dann, aus denen sich auf keinen eindeutigen Tag schließen lässt?”, fragte meine Frau. Wir wussten es nicht. Kennen Sie die Antwort?
So machen Sie diesen Monat mit
Teilnehmen kann jeder, außer den Mitarbeitern des Verlags und deren Angehörigen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Schicken Sie bitte Ihre Lösung (ausschließlich!) auf einer Postkarte bis zum 31. Mai 2010 an:
bild der wissenschaft, Kennwort „Cogito 05|10″
Ernst-Mey-Str. 8, 70771 Leinfelden-Echterdingen
Die Lösung und die Namen der Gewinner werden im August-Heft 2010 auf der Leserbrief-Seite veröffentlicht.
Zu gewinnen
Unter den Einsendern der richtigen Lösung werden ein Hauptgewinn und fünf Bücher ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Hauptgewinn ist das „Diadem 3,6 x 12″ von Zeiss (www.zeiss.de). Das leichte und lichtstarke Fernglas eignet sich bestens für unterwegs. Kulturelle Events holen Sie damit nah heran, auch wenn Sie nicht in der ersten Reihe sitzen. Mehr Informationen unter: www.zeiss.de. Buchpreis ist „Hawkings neues Universum. Wie es zum Urknall kam”. Darin beschreibt bdw-Astronomieredakteur Rüdiger Vaas den aktuellen Stand der Kosmologie. Schwerpunkt sind die Forschungen von Stephen Hawking, der eine neue Erklärung des Urknalls vorschlägt: Demnach entstand unser Universum aus einem früheren, das in sich zusammengestürzt ist und eine umgekehrte Zeitrichtung besaß. Weitere Informationen: www.kosmos.de




