Nicht ideologische Gängelung, sondern wirtschaftlicher Ruin nach dem Zusammenbruch der UdSSR läßt russische Wissenschaftler westwärts ziehen. Der Elite stehen die Türen von US-Labors offen. Gleichzeitig beginnt mancher Forschungspolitiker sich zu sorgen, ob Rußland nicht auf Dauer zu viele Experten abhanden kommen.
Auch das Physiker-Ehepaar Andrei Linde und Renata Kallosh schaute gen Westen, als 1990 ihre Fördermittel an der Akademie der Wissenschaften in Moskau zu versiegen drohten. Linde und Kallosh zogen zunächst ans CERN, das Forschungszentrum für Teilchenphysik in der Schweiz. Zwei Jahre später rief die kalifornische Stanford-Universität die beiden mit Professuren. “Wir hatten mehrere Angebote, aber es war der Garten mit dem Zitronenbaum, der mich lockte”, erinnert sich Renata Kallosh. Das Ehepaar lebt nun mit zwei Söhnen in einem komfortablen Haus auf dem Stanford-Campus.
“Materiell mangelt es an nichts, und professionell war es eine sehr gute Entscheidung”, resümiert Linde den schwierigen Schritt in die Emigration. Dennoch fehle ihm der persönliche Kontakt mit den Kollegen an der Moskauer Akademie. Andererseits könne er nun per E-Mail mit Wissenschaftlern weltweit zusammenarbeiten. Die Computertechnik kommt auch seiner künstlerischen Neigung entgegen: Seine Fertigkeiten in traditioneller Malerei helfen ihm beispielsweise dabei, für seine Theorie der Vielfach-Universen grafische Darstellungen am Bildschirm zu entwerfen.
Auch Renata Kallosh ist mit ihrer Arbeit zufrieden. Sie beschäftigt sich mit den Rätseln der Schwarzen Löcher. Sie sorgt sich nur um die Schwiegereltern, die – beide Ende siebzig – noch an der Akademie in Moskau tätig sind.
Andrei Linde glaubt nicht, daß der Exodus der führenden Köpfe von Rußland in die USA in gleichem Maße anhält wie bisher: “Die besten sind schon hier.” Viele russische Immigranten bringen an den nationalen Labors ihre Kenntnisse in Grundlagenforschung und Technologietransfer ein. Am Teilchenbeschleuniger des Fermilab bei Chicago arbeiten beispielsweise 200 russische Physiker.
Förderer der Wissenschaften, wie die National Science Foundation (NSF), sind sich der Problematik bewußt. Nach NSF-Daten arbeiteten 1995 etwa 30000 russische Forscher in den USA. “Der Verlust an intellektuellem Kapital für Rußland ist enorm”, kommentiert NSF-Direktor Neal Lane.
Andrei Linde sieht aber auch wenig ernsthafte Anstrengungen im Westen, die verbliebenen Wissenschaftler in Rußland weiter zu unterstützen: “Man half ihnen am Anfang nur, weil man Angst hatte, daß Geheimnisse über atomare und chemische Waffen sonst in falsche Hände fallen könnten.” Die private Soros-Stiftung hat ihre großzügige Unterstützung eingestellt, und die öffentliche US-Förderung ist mager.
Um die Auswanderung einzudämmen, schleuste die NSF in den letzten zwei Jahren 16 Millionen Dollar in Projekte zur Zusammenarbeit zwischen amerikanischen und russischen Wissenschaftlern. Das State Department vergab 64 Millionen Dollar an das 1993 gegründete Internationale Wissenschafts- und Technologiezentrum (ISTC), das etwa 70000 Forscher in den ehemaligen Waffenschmieden der Sowjetunion unterstützt.
Der Physiker Victor Yarba am Fermilab bangt um die nächste Wissenschaftler-Generation in seiner ehemaligen Heimat: “Der Nachwuchs wird vernachlässigt.”
Vor Ort allerdings braucht er sich nur um den Neid seiner US-Kollegen zu sorgen. Yarba hat einen reservierten Parkplatz: “For Russians Only”.
Vielfach-Universen Nach der Theorie von Andrei Linde verhält sich das expandierende Universum nicht nur wie ein runder Ballon, der sich beim Aufblasen gleichmäßig ausdehnt, sondern aus ihm entsprießen auch neue Universen – Mini-Ballons mit verschiedenen physikalischen Eigenschaften.
Soros Der Milliardär George Soros, gebürtiger Ungar, fördert demokratische und marktwirtschaftliche Initia- tiven – besonders in den ehemaligen Ostblock- und in den Balkanstaaten. Die Soros-Stiftung mit Sitz in New York und Budapest ist zur Zeit in 24 Ländern aktiv. Sie vergab von 1992 bis 1996 mehr als 140 Millionen Dollar an russische Atomwaffenforscher.
Zusammenarbeit Das US-Verteidigungsministerium will helfen, 47 ehemalige Biowaffen-Labors der UdSSR für friedliche Zwecke umzurüsten. In dem einst streng geheimen “Biopreparat”-Programm entstanden unter anderem Milzbrand-Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind. Künftig soll es Austauschprogramme zwischen “Biopreparat” und US-Einrichtungen wie dem ehemaligen Biowaffen-Labor Fort Detrick und dem US-Seuchenzentrum geben.
Infos im Internet National Science Foundation: http://www.nsf.gov.
Bruni Kobbe




