Zwei Länder in Aufruhr. Es ist Frühjahr 1990, und der Eiserne Vorhang, der die beiden Staaten und ihre Bewohner lange trennte, ist vor wenigen Monaten gefallen. Staatsmänner bereiten die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion der BRD und der DDR vor, die am 1. Juli in Kraft treten soll. Gleichzeitig erkennen Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler eine einzigartige Chance: Gert G. Wagner und seine Kollegen wollen den gesellschaftlichen Transformationsprozess in der DDR begleiten, die Hoffnungen der Menschen auf ein besseres Leben erfassen, aber auch deren Sorgen und Ängste um die nahe Zukunft.
Wagner ist seit Juli 1989 Leiter des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Mit der Langzeiterhebung werden seit 1984 Daten zu allen Lebensbereichen der Westdeutschen für Forschungszwecke gesammelt. Warum, so fragen sich die Wissenschaftler, nutzen wir dieses Instrument nicht auch für die Befragung der Menschen in Ostdeutschland? Sie wissen, dass ihnen in der Umbruchphase nicht viel Zeit bleibt, einen letzten „Schnappschuss” vom Leben in der DDR zu bekommen.
INTERVIEWS IN 2179 DDR-HAUSHALTEN
Eilig treiben sie ihre Idee mit Kollegen vom Institut für Soziologie und Sozialpolitik der Akademie der Wissenschaften der DDR voran. Mit dem Umfrageinstitut Infratest Sozialforschung entwickeln sie einen Fragebogen, der mit dem westdeutschen vergleichbar ist. Sie schulen Interviewer, und Infratest schickt diese im Juni 1990 in 2179 DDR-Haushalte, um 4453 Erwachsene zu befragen und Erkenntnisse über 1591 darin lebende Kinder zu gewinnen. „Wir haben es tatsächlich geschafft, den quasi letzten Augenblick der Einkommens- und Erwerbsstrukturen in der DDR festzuhalten”, resümiert Wagner. „Damit haben wir gleichzeitig die SOEP-Stichprobe erweitert und ihre Repräsentativität für ganz Deutschland erreicht.”
Die Daten, die fortan Jahr für Jahr nach Möglichkeit immer wieder in denselben west- und ostdeutschen Haushalten erhoben werden, dokumentieren den Prozess der deutschen Wiedervereinigung in all seinen Facetten. Sie liefern den Stoff für Hunderte von Forschungsprojekten und ein Bündel von Erkenntnissen:
· Die Anpassungen waren in den ersten Jahren am größten, haben aber in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre spürbar nachgelassen.
· Die ostdeutsche Bevölkerung war nach kurzer Zeit enttäuscht und frustriert. Vor allem die ältere Generation sah ihre Lebensleistung entwertet und wurde unzufrieden.
· Die Lebenszufriedenheit der jungen Menschen in Ost- und Westdeutschland hat sich weitgehend angeglichen. Sie werden sich auch in den Lebensformen immer ähnlicher.
· In beiden Teilen Deutschlands werden immer mehr Kinder nur noch von einem Elternteil großgezogen.
· Ostdeutsche pflegen engere und stabilere Beziehungen zwischen den Generationen.
· Westdeutsche haben sich vermehrt selbstständig gemacht. Dabei profitierten sie nach der Wende vom Kontakt zu ihren Ost-Verwandten und investierten auch in die neuen Bundesländer.
Ökonomen, Sozial- und Politikwissenschaftler sowie Psychologen haben aus den Zahlen ermittelt, dass nach wie vor nicht alles „ zusammengewachsen ist, was zusammengehört”, wie es Willy Brandt im November 1989 formulierte. Erst in einem einzigen Bereich offenbaren die Daten keine Unterschiede mehr zwischen Ost und West: bei der Wohnungsversorgung, inklusive der Ausstattung der eigenen vier Wände. Auf allen anderen Ebenen, so Peter Krause, haben wir uns immerhin deutlich aufeinander zubewegt. Der Soziologe am DIW Berlin ist Experte für Ost-West-Vergleiche und Mitherausgeber der umfassendsten Bilanz der Lebensbedingungen in beiden Teilen Deutschlands, weitgehend aus SOEP-Daten entstanden.
Diese Daten lieferten auch den empirischen Beweis, dass sich die Einkommen der Menschen in Ost und West nach der Rezession in jüngster Zeit wieder annähern. Noch 2010, zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit, meldeten die Forscher um Krause, die Unterschiede beim durchschnittlichen Einkommen nähmen zu. Dass die Krise zwar langsam aus dem Portemonnaie verschwindet, aber noch tief in den Köpfen der Menschen steckt, verrät das aktuelle SOEP-Sorgen-Barometer. Nach wie vor bangen die Menschen in den neuen Bundesländern deutlich mehr um die wirtschaftliche Lage – um die allgemeine Situation im Land und besonders um ihre eigene Finanzkraft. Ein neuer Trend ist das nicht. Seit der Wiedervereinigung sind die Ostdeutschen beunruhigter, wenn sie ihre wirtschaftliche Situation beurteilen sollen. Nachgewiesen hat das die Psychologin Maike Luhmann (siehe Porträt auf S. 77), die an der University of Illinois in Chicago forscht.
WAS DIE DEUTSCHEN GRÜBELN LÄSST
Abgesehen von den Sorgen um den eigenen Geldbeutel haben Ost- und Westdeutsche heute weitgehend dieselben Ängste und Nöte. Und je nachdem, welches sozialwissenschaftliche Erhebungsinstrument ausgewertet wird, war dies zum Teil sogar schon 1990 der Fall. Zwar erreichten die damaligen Noch-DDR-Bürger in der ersten Befragung bei allen vorgegebenen Antwortmöglichkeiten ein höheres Sorgenniveau als die Menschen in Westdeutschland – mit Ausnahme der Umwelt. Aber als die Wissenschaftler auswerteten, was die Befragten ins Grübeln brachte, fielen in beiden deutschen Staaten schon damals sehr ähnliche Begriffe: DDR, Stasi, Entwicklung und Zukunft.
Heute werden in diesen sogenann-ten „Klartext-Antworten” – unabhängig vom Wohnort – am meisten die Begriffe Entwicklung, Kinder, Politiker und Gesundheit genannt. Dabei ist die häufige Sorge um die eigene Konstitution wohl „als Ergebnis der demografischen Alterung zu verstehen”, meint Wagner.
Nach dem massiven Einbruch der Geburtenzahl ostdeutscher Frauen bis Mitte der 1990er-Jahre werden heute in ganz Deutschland statistisch 1,4 Kinder pro Frau geboren. Die Mädchen und Jungen, die im Osten das Licht der Welt erblicken, haben in der Regel jüngere Mütter. Viele sind erst Anfang 20, wenn sie das erste Kind bekommen, und befinden sich noch in der Ausbildung.
Ganz anders in Westdeutschland: Die Frauen sind oft um die 30 Jahre alt, „haben Lehre oder Studium längst abgeschlossen und sind beruflich meist schon etabliert, wenn sie sich für das Elternsein entscheiden”, berichtet Christian Schmitt. Der Soziologe mit Schwerpunkt Familiendemografie am DIW führt den Unterschied auf lange gelebte Verhaltensweisen zurück, die „ manchmal eben doch hartnäckig sind”. In der DDR war es üblich, früh eine eigene Familie zu gründen.
Ähnlich verhält es sich mit langfristig arbeitslosen Frauen in den alten Bundesländern. Sie sehen nach wie vor häufig ein Kind als Ausweg aus ihrer Misere. Denn so können sie – ohne Ansehensverlust – zu Hause bleiben und sich um Kinder und Küche kümmern, wie es jahrzehntelang in der alten Bundesrepublik üblich war. Diese Zeiten sind eigentlich aber auch im Westen vorbei. Der Anteil der Frauen, die ihr eigenes Geld verdienen, hat sich der traditionell viel höheren ostdeutschen Quote angenähert – mit zuweilen gravierenden Folgen für die Partnerschaft. „Eine im Beruf gut etablierte Ehefrau erhöht im Westen – anders als im Osten – das Trennungsrisiko”, berichtet Schmitt.
KLEINKINDER: KLARE UNTERSCHIEDE
Auch wenn sich Frauen in den alten Bundesländern heute viel stärker im Beruf engagieren – sobald sich Nachwuchs ankündigt, unterbrechen sie oft ihre Berufstätigkeit und bleiben länger zu Hause, wie Untersuchungen von Pia Schober nahelegen. Die Bildungs- und Familienforscherin am DIW hat in einer Studie die frühe Betreuung und Förderung von Kindern erforscht und dabei signifikante Unterschiede in Ost- und Westdeutschland gefunden.
Weniger als ein Drittel der unter Dreijährigen aus durchschnittlichen Familien besucht im Westen eine Kita, während es im Osten mehr als die Hälfte ist. Umgekehrt ist das Verhältnis bei der privaten Förderung: Jedes zweite West-Kleinkind geht zum Eltern-Kind-Turnen, zur musikalischen Früherziehung oder in die Malschule, während im Osten kaum ein Drittel der Kinder solche Förderangebote nutzt.
Ähnlich engagiert sind die Menschen in beiden Landesteilen dagegen in der Politik. Martin Kroh, Politikwissenschaftler am DIW und Professor an der Berliner Humboldt-Universität, hat die SOEP-Daten für das ganze Land unter die Lupe genommen, einen innerdeutschen Vergleich gezogen – und nur geringe Unterschiede festgestellt. Sein Befund: Immerhin ein Drittel gibt an, sich stark oder sehr stark für Politik zu interessieren. Und etwa ein Viertel hält politische Beteiligung für wichtig. Aber nur jeder Zehnte mischt auch aktiv in der Politik mit.
Ausgeprägt sind nach wie vor die Unterschiede in der Zufriedenheit mit den staatlichen Institutionen sowie beim Demokratieverständnis. Dass es zum Beispiel Arme und Reiche gibt, bringen Ostdeutsche mit der Staatsform in Verbindung – ein Gedanke, der im Westen wenig verbreitet ist. Ostdeutsche haben noch immer weniger Vertrauen zu den rechtsstaatlichen Behörden. Sie wünschen sich mehr staatliche Unterstützung, um ein abgesichertes Leben führen zu können. Zudem fühlen sie sich einer Partei weniger langfristig verbunden und wählen auch anders.
„Wie die Wahlergebnisse der Linken und der Grünen zeigen, gibt es Unterschiede in der Parteipräferenz zwischen Ost und West”, sagt Politikwissenschaftler Kroh. „Doch auch im Westen selbst unterscheiden sich die Wahlergebnisse, etwa von Nordrhein-Westfalen und Bayern.” Ebenso wie sich diese beiden Bundesländer über Jahrzehnte ihre Eigenheiten bewahrt haben, gibt es solche Unterschiede auch zwischen Ost- und Westdeutschland, sagt Soziologe Krause. Doch die Vergangenheit in unterschiedlichen politischen Systemen – die Großmutter mit DDR-Sozialisation oder der Großvater bundesrepublikanischer Prägung – verliert mit der Zeit an Bedeutung. Wichtiger werden Faktoren wie Einkommen, Alter oder Familienstand. Das zeigen die Daten schon jetzt für die jüngeren Altersgruppen.
Neben diesen soziodemografischen Faktoren gewinnen die konkreten Lebensumstände an Einfluss. „Sowohl im Westen als auch im Osten wird es Regionen mit unterschiedlichen Entwicklungschancen geben”, sagt Peter Krause mit Blick auf seine prall gefüllte Daten-Schatztruhe. ■
von Kathryn Kortmann
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Peter Krause, Ilona Ostner (Hrsg.) Leben in Ost- und Westdeutschland Eine sozialwissenschaftliche Bilanz der deutschen Einheit 1990–2010 Campus, Frankfurt a. M. 2010, € 58,–
Kompakt
· Sozialforscher haben den Wandel in Ost und West seit der Wiedervereinigung dokumentiert.
· Nur in einem Bereich haben Ost- und Westdeutsche sich völlig angeglichen: bei der Wohnungsversorgung, inklusive Einrichtung.
· Ostdeutsche bangen bis heute deutlich mehr um die Wirtschaftslage als Westdeutsche.





