Eine dicke Spinne pendelt auf Augenhöhe, an einem Kirchenaltar lehnen Heiligenfiguren: Szenen aus dem Arbeitsalltag von Johannes Cramer (50). Der Architekt von der TU Berlin untersucht historische Dachstühle und gibt Rat zur Instandsetzung. Der Gang durch die alten Speicher wird oft zur Zeitreise: „Auf manchen Kirchendachböden steht das gesamte historische Mobiliar des Gotteshauses”, begeistert sich Cramer. „In Rathäusern gibt es sogar noch Gefängniszellen aus dem 19. Jahrhundert.” Allein in Thüringen stieg der unermüdliche Professor in den letzten Jahren mehr als 500 mittelalterlichen Bauten aufs Dach. „Die Stadtväter kannten die eigenen historischen Schätze nicht”, beschreibt der Fachmann für Baugeschichte das überraschende Ergebnis des Forschungsprojekts. Das Baujahr der Dachkonstruktionen berechnet Cramer nach einer altbewährten Methode: Auswertung der Jahresringe in Baumstämmen, in der Fachsprache Dendrochronologie genannt. Mehr als 25000 Holzproben aus Dachgebälk hat der „Herr der Ringe” am Institut für Baugeschichte mittlerweile gesammelt und ausgewertet. Damit liegen für Thüringen erstmals komplette Zeitchronologien ab 1100 n. Chr. vor. Zahlreiche Wohnhäuser und Kirchen in Thüringen mußten um 200 bis 250 Jahre zurückdatiert werden. „Vor 25 Jahren wurde ich mit meinen Ideen von baugeschichtlicher Forschung noch für verrückt erklärt”, erinnert sich Cramer an die Widerstände mancher Kollegen. „Heute müssen Architekten zu 50 Prozent Altbauten betreuen. Darauf sind sie fachlich oft gar nicht vorbereitet.” Und er scheut sich nicht, zur Illustrierung seiner Thesen ein heißes Eisen anzufassen: „Der Reichstag mag architektonisch ein Glanzstück sein”, stellt er fest, „unter dem Gesichtspunkt der Denkmalpflege ist er eine Katastrophe. Von dem historischen Gebäude ist nichts übriggeblieben.”
Johannes Cramer / Cletus Gregor Barié





