Bei einer seiner ersten Therapien kam die Polizei. Jürgen Margraf war noch Student in Tübingen und stieg mit einer Patientin den Turm der Stiftskirche hinauf. Hoch oben auf der Balustrade sollte die Studentin lernen, ihre Höhenangst zu überwinden. Doch kaum war sie aus dem Treppenhaus ins Freie getreten und hatte kurz in die Tiefe geblickt, schrak sie zurück und schrie: „Nein, nein.” „Doch, doch”, versuchte der Nachwuchstherapeut sie zur Fortsetzung der Behandlung zu bewegen. Aus diesem Wortwechsel zog ein Rentnerpaar, das hinter den beiden aufgestiegen war, die falschen Schlüsse. Der Mann rief: „Was passiert da? Keiner geht hier raus!” Und er blockierte den Rückweg ins Turminnere, während seine Frau aus der nahen Wache die Ordnungshüter holte. Als die kamen, hatte sich die Patientin dank der unbeabsichtigten Hilfe der Rentner wohl oder übel an die Höhe gewöhnt und schickte die Polizisten gefasst heim. So kam es, dass Margrafs Karriere nicht frühzeitig im Skandal endete. Statt dessen wurde er schon mit 34 Professor für Klinische Psychologie, zunächst vertretungsweise in Münster, dann in Berlin, Dresden und schließlich in Basel, wo der heute 45-Jährige seit zwei Jahren eine Abteilung der Psychiatrischen Universitätsklinik leitet. Heute hält ihn sein Bochumer Professorenkollege Dietmar Schulte für „den herausragenden” Klinischen Psychologen seiner Generation, der „durch seine wissenschaftliche Leistung am deutlichsten imponiert”. Der jargonbewehrte Habitus eines Starprofessors fehlt Margraf freilich völlig. Keine Spur auch von jener leisen Eindringlichkeit und Verkündungsgewissheit, die Psychoexperten alter Schule gern an den Tag legen. Stattdessen ein baumlanger Mensch mit wasserblauen Augen und Bürstenhaarschnitt, der verständlich redet und zu unprofessoral saloppen Formulierungen neigt. Seine Vorträge peppt er mit Computer-Präsentationen auf. Ein Vertreter der Generation Powerpoint, die allmählich die Professoren mit der quietschenden Kreide ablöst. Auf aktuelle Themen reagiert er schnell. Wenige Wochen nach den Terroranschlägen vom 11. September meldete er eine dramatische Zunahme von Depressionen in der Schweiz. So avancierte er zum Sprecher der Branche, den seine Kollegen häufig vorschicken, wenn es gilt, die Fahne der Psychotherapie hochzuhalten. Als es vor einigen Jahren darum ging, dem Beruf des Psychotherapeuten eine gesetzliche Grundlage zu geben, war es immer wieder Margraf, der vor die Fernsehkamera trat, um unakademisch pointiert seine Botschaft rüberzubringen. „Wenn der Beitrag auch noch so kurz war, hatte ich immer drei Punkte: ,Es gibt ein Problem, man kann etwas machen, Psychologen können das.‘” Das Problem hatte er 1994 in einer viel zitierten Studie selbst an einem Beispiel herausgearbeitet. Ein Meinungsforschungsinstitut ermittelte in seinem Auftrag: 9 Prozent der Deutschen leiden an Ängsten, doch nicht einmal die Hälfte wird irgendwie behandelt, psychotherapeutisch sogar nur 27 Prozent. Dabei könnte Psychotherapie ihnen helfen und das sogar noch kostengünstig. Das hatte Margraf in einer anderen Untersuchung gezeigt: Unbehandelte Ängste kosten etwa 2500 Euro pro Patient und Jahr. Nach einer kurzen Therapie fallen nur noch 500 Euro Krankheitskosten an. Dass Psychotherapie trotzdem nur wenigen zugute kommt, empört Margraf. Es verletzt seinen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, den ihm Kollegen bescheinigen. „Die Menschen werden zum Teil einfach katastrophal schlecht versorgt”, moniert er. „Für Psychotherapie wird zu wenig ausgegeben, und was ausgegeben wird, wird häufig falsch ausgegeben.” Margraf ist Exponent der am stärksten wissenschaftlich orientierten Schule psychologischer Behandlungen, der Verhaltenstherapie. Ihre Methoden, etwa die Konfrontationsbehandlung bei Ängsten, wurden in zahlreichen Studien überprüft. Viele Therapeuten halten solche Untersuchungen freilich für überflüssig – schließlich würden sich ihre Methoden in der Praxis bewähren. Das ist Margraf zu billig. „Wir lügen uns in die Tasche”, warnt er. „Und davor gibt es nur einen Schutz: die Statistik.” Anders als den Psychoanalytikern und ihrem Ahnvater Sigmund Freud geht es Verhaltenstherapeuten nicht so sehr um vermeintlich tiefe Einsichten in die Probleme. Sie wollen die Ängste und Depressionen möglichst zügig kurieren. Margraf: „ Es geht nicht darum, einen neuen Menschen zu schaffen. Wir wollen dem angstgepeinigten Menschen seine Freiheit wiedergeben.” Menschen mithilfe von Psychotechniken zu ihrem Glück zu verhelfen – das war der große Traum des Burrhus Frederic Skinner. Als Schüler hielt Margraf ein Referat über dessen 1948 erschienenen Zukunftsroman „Futurum II”. In ihm entwarf der Harvard-Psychologe eine utopische Gemeinschaft, in der erwünschtes Verhalten mit Punkten belohnt wird. Unerwünschte Emotionen wie Eifersucht werden abtrainiert, über allem wacht ein gottgleicher Psycho-Manager. Mit der Vorliebe für Skinner stand Margraf ziemlich allein unter den Psychologiestudenten der siebziger Jahre, die das Fach meist nach der Lektüre von Freud gewählt hatten. Schon eher dem Zeitgeist entsprechend war er „ultralinks” . Er studierte den marxistischen Psychoanalytiker Wilhelm Reich, der die sexuelle Befreiung propagierte. Mit intimen Reich-Kenntnissen verblüfft Margraf heute noch seine Studenten. Das erwarten sie nicht von einem „elektroschockenden Hardcore-Verhaltenstherapeuten”, wie er selbst sein Image karikiert. Der Revoluzzer entwickelte sich zum Musterstudenten und büffelte in einer Arbeitsgruppe, von deren vier Mitgliedern es später drei zu Psychologie-Professuren brachten. Eine davon war Anke Ehlers, seine erste Frau, mit der er nach dem Studium an die kalifornische Elite-Universität Stanford ging. Dort fanden beide ihr großes Thema: Angst. Sie beschäftigten sich mit Panikanfällen: Plötzlich klopft das Herz, die Hände zittern, Schweiß bricht aus und die Betroffenen fürchten um ihr Leben. Nach ungefähr einer halben Stunde ist der Spuk vorbei. Doch wer jederzeit mit solchen Attacken rechnen muss, lebt in ständiger Furcht. Margraf und Ehlers erschütterten Anfang der achtziger Jahre die gängige Erklärung solcher Anfälle. Psychiater gingen damals von einer biologischen Grundlage von Angst aus, weil Panikpatienten auf Laktat-Infusionen ansprachen. Die beiden Jungwissenschaftler zeigten, dass auch Gesunde auf Laktat sensibel reagieren. Die Traditionalisten behinderten die Veröffentlichung nach Kräften. Doch am Ende gewann das Forscherpaar: 1992 erschien ihre Arbeit in den „Archives of General Psychiatry”, dem angesehensten Fachblatt des Gebiets. Gegenüber der klassischen, rein biologischen Erklärung favorisiert Margraf eine kombinierte Theorie: Am Anfang eines Panikanfalls stehen zwar körperliche Symptome, aber entscheidend ist, mit welchen Gedanken der Patient darauf reagiert. Lässt er sich vom klopfenden Herz beunruhigen, beschleunigt sich der Herzschlag weiter und ein Teufelskreis entsteht, so dass das Herz immer schneller rast. Die Spirale der Angst dreht sich immer schneller. Kann der Patient vom Therapeuten überzeugt werden, dass die Symptome harmlos sind, wird dieser Teufelskreis unterbrochen. Dazu werden die körperlichen Angstsymptome absichtlich provoziert, etwa durch eine Hyperventilationsübung mit 60 Atemzügen pro Minute. Als Margraf das zum ersten Mal probierte, wurde der Patient erst bleich, dann rot, dann strahlte er: „Jetzt weiß ich, was ich habe.” Solche Techniken stellte Margraf in seinem 1989 erschienenen Buch „Angstanfälle und ihre Behandlung” zusammen. Mitverfasst hatte es nach der Scheidung von Anke Ehlers seine jetzige Frau, die Psychologin Silvia Schneider. Es war das erste deutsche Therapie-Manual. Hier konnten Psychologen für jede Therapiesitzung nachlesen, was zu sagen und zu tun ist, Formulierungsvorschläge wurden mitgeliefert. Das passte nicht allen Kollegen: „Wie kommen Sie dazu, mir vorzuschreiben, was ich machen soll?”, beschweren sich manche bis heute. Dem Erfolg tat dies keinen Abbruch. Margraf hatte auf einer in der Wissenschaft unüblichen zehnprozentigen Umsatzbeteiligung am Buchverkauf bestanden, mehr aus Prinzip und in der Hoffnung auf ein paar hundert Mark. Das Autorenpaar hatte sich vorgenommen: „Damit gehen wir mal richtig spektakulär essen.” Stattdessen überwies der Verlag schon für das erste Verkaufsjahr 10000 Mark. Die wurden denn doch nicht verfuttert. Inzwischen wurden 50000 Exemplare verkauft – eine Bestseller-Auflage für ein Fachbuch. Während viele Wissenschaftler es gerade schaffen, ihre Erkenntnisse hölzern irgendwie zu Papier zu bringen, ist „ Schreiben für Margraf ein kreativer Prozess”, berichtet seine langjährige Mitarbeiterin Eni Becker, die gerade mit ihm ein Buch verfasst. Das merkt man den Büchern an. Qualität geht dabei nicht auf Kosten der Quantität: 30 Bücher hat Margraf in 12 Jahren mitverfasst, dazu nach letzter Zählung noch 256 Aufsätze. Wie die an der TU Dresden tätige Psychologin Becker versichert, bringt er einen Großteil dieses Ausstoßes wirklich selbst zu Papier – im Unterschied zu manchem Lehrstuhlinhaber, der kaum liest, was er die Mitarbeiter unter seinem Namen veröffentlichen lässt. Derzeit beschäftigt Margraf sich mit der Früherkennung psychischer Krankheiten – ein großes Projekt, an dem 150 Wissenschaftler unter seiner und Eni Beckers Leitung beteiligt sind. Weil Margraf immer an so vielem gleichzeitig arbeitet, werden die Texte selten fristgerecht fertig, aber das wissen die Kollegen mittlerweile schon vorher. So allgegenwärtig Margraf in der Klinischen Psychologie auch zu sein scheint, investiert er doch weniger Zeit in sie, seit er zwei Kinder hat. Er schrieb zeitweise sogar weniger. Um das erste Kind hatte hauptsächlich er sich gekümmert, weil seine Frau damals an ihrer Dissertation arbeitete, beim zweiten Kind ist nun sie stärker aktiv. Neben Familie und wissenschaftlicher Arbeit engagiert sich Margraf, damit all die Erkenntnisse Folgen für die Praxis haben: Er ist einer der beiden Vorsitzenden des wissenschaftlichen Beirats, der nach dem Psychotherapeutengesetz prüft, welche noch nicht anerkannten therapeutischen Verfahren wissenschaftlich so gut überprüft sind, dass sie für die Psychologen-Ausbildung zugelassen werden können. Bislang erkannte der Beirat keine Therapieschule vollständig an, weswegen deren erboste Vertreter mit Prozessen drohen. Da reagiert Margraf sauer. Einen Patienten mit einem unüberprüften Therapieverfahren zu behandeln, ist für ihn ein „unzulässiges Experiment am Menschen”. Und es ärgert ihn besonders, wenn dergleichen von „Gutmenschen” im Namen des angeblichen Patientenwohls gefordert wird. Das Therapiekonzept einer Privatklinik krempelte er völlig um, als ihm ein Unternehmer die Chance dazu bot. Statt ökumenischer Gottesdienste und viel Leerlauf kam Verhaltenstherapie aufs Programm. „Wir können zeigen, dass sie funktioniert”, kommentiert Margraf. „Man kann etwas verändern.” Darauf kommt es ihm an. Dafür paktiert er auch mit der Pharmaindustrie. Die investierte beispielsweise viele Millionen, um ein neues Medikament gegen schwere Schüchternheit zu propagieren. Margraf trat auf ihren Werbeveranstaltungen auf, weil er dort die verhaltenstherapeutische Behandlung vorstellen konnte. Natürlich musste er auch das Medikament zumindest als Alternative erwähnen – wohl wissend, dass die zuhörenden Ärzte später eher zu diesem greifen würden. Und dass die Firma ihn genau deswegen reden ließ. Margraf empfindet derartige Gastspiele selbst als Gratwanderung. Aber am Ende gebe es dadurch „mehr Ärzte, die Patienten zu einem Verhaltenstherapeuten schicken oder selber eine Ausbildung machen”. Mit einer solchen Langfrist-Perspektive rechtfertigt er seinen Einsatz. Therapien macht Margraf immer noch, Abenteuer inklusive. Als er mit einem Flugphobiker in einer kleinen Maschine in der Luft war, öffnete der Pilot plötzlich die Klappe im Boden, weil er sich so die Behandlung von Flugangst vorstellte. „Der Patient und ich waren kreidebleich, aber am Ende hat es trotzdem genutzt.”
Kompakt
Jürgen Margraf: Mit 34 Professor für Klinische Psychologie. Schon früh revolutionierte er die wissenschaftliche Lehrmeinung über Angst. Nach Münster, Berlin und Dresden lehrt und forscht der jetzt 45-Jährige in Basel. Als engagierter Verfechter der Verhaltenstherapie achtet er streng auf wissenschaftliche Kriterien – auch bei den Kollegen.
Jochen Paulus





