Anfang der neunziger Jahre war Heinz-Otto Peitgen Deutschlands bekanntester Chaosforscher nicht zuletzt seiner brillanten Präsentationen wegen. Seine prächtig ausgestatteten Bildbände über Fraktale entwickelten sich zu Bestsellern. Ausstellungen machten den Bremer Mathematiker im ganzen Land populär. Die Massenmedien berichteten über seine Arbeit im September 1994 auch bild der wissenschaft. Diese Erfolge brachten Peitgen jedoch Neid und Mißgunst von Kollegen.
Seine Leidenschaft, Dinge populär darzustellen und auch Laien zu faszinieren, kehrte sich plötzlich gegen ihn. Er mußte sich mit dem Vorwurf herumschlagen, schlampig gerechnet zu haben, und er zerschliß seine Nerven im Streit mit der Presse. „Bösartig”, so Peitgen, hätten ihm Neider unterstellt, Forschungspolitikern Sand in die Augen zu streuen, um so öffentliche Fördermittel in die Chaosforschung zu lenken auf Kosten der klassischen mathematischen Disziplinen. „Ich habe nichts dagegen, daß öffentliche Darstellungen, auch Bücher, kritisiert werden”, empört sich Peitgen noch heute, „aber die Unterstellungen und Vorwürfe gingen bis in den persönlichen Bereich, und meine wissenschaftliche Reputation wurde untergraben.” Mit einer von Peitgen gerichtlich erwirkten Gegendarstellung im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel” war der Kulminationspunkt der Kontroverse erreicht. In einem Fachbeitrag für die Physikalischen Blätter, Titel: „Der Spiegel, das Chaos und die Wahrheit”, versuchten er und sein Kollege, der Physiker Peter Richter, im April 1994 den leidigen Streit aufzuarbeiten. Gleichzeitig zog der heute 57jährige Mathematiker Konsequenzen und orientierte sein Leben neu. Er beschloß, sich neben seiner Lehrtätigkeit den schönen Dingen des Lebens zuzuwenden und Groll und Bitterkeit hinter sich zu lassen. „Mit dem, was ich heute tue, geht es mir richtig gut.”
1995 gründete er das Forschungsinstitut MeVis. Das Kürzel steht für „Centrum für Medizinische Diagnosesysteme und Visualisierung GmbH”, ein Institut mit 30 wissenschaftlichen Mitarbeitern. Sie entwickeln spezielle Software-Assistenten: Werkzeuge zur Auswertung bildgebender Verfahren in der Medizin und zur Unterstützung des Arztes bei der Diagnose. Mit ihrer Arbeit verbessern und automatisieren die Forscher die Auswertung von Mammogrammen zur Erkennung von Brustkrebs, sie entwickeln dreidimensionale Darstellungen der Leber zur Vorbereitung chirurgischer Eingriffe und visualisieren Gehirn, Lunge oder Knochen zu Forschungs- und Diagnosezwecken.
Mit der gleichen Begeisterung, die er einst für die mathematische Erforschung des Chaos an den Tag legte, stürzte sich Heinz-Otto Peitgen in den Aufbau des Instituts, dessen Geschäftsführer er ist. Die Chaosforschung hat er weitgehend abgehakt: „In der Öffentlichkeit entstanden derartig abstruse Meinungen zum Thema Chaostheorie, daß ich mich von dem Gebiet abwandte. Es war ein absurdes Theater, mit dem ich nichts mehr zu tun haben wollte.” Dennoch: „Mit einem Auge” beobachtet Peitgen die Entwicklung weiter nicht zuletzt, weil auch manche Bereiche der medizinischen Diagnostik Methoden aus der Chaosforschung anwenden. Was die Brillanz der öffentlichen Darstellung betrifft, hat der Mathematiker nichts verlernt: Der von ihm redigierte Tätigkeitsbericht von MeVis über die ersten vier Jahre besitzt eine Klasse, die man in der drögen Landschaft deutscher wissenschaftlicher Jahresberichte selten findet.
Brigitte Röthlein / Heinz-Otto Peitgen




