bild der wissenschaft: Mit dem GMD-Forschungszentrum Informationstechnik wird zum ersten Mal eine öffentliche Großforschungseinrichtung eingestellt. Diskussionen zu einem solchen Schritt gab es seit vielen Jahren. Dennoch kam der Beschluß der Bundesforschungsministerin Bulmahn überraschend.
Warnecke: Die historisch gewachsene deutsche Forschungsstruktur muß optimiert werden. Üblicherweise schaut man bei der Forschung nur auf die Finanzmittel, die zur Verfügung gestellt werden. Was dabei herauskommt, ist schwer zu fassen und selten im Blickfeld. Deshalb müssen wir Forschungsstrukturen und Abläufe so trimmen, daß möglichst viel mit dem hineingesteckten Geld geschieht – einerseits in der Grundlagenforschung und andererseits in der angewandten Forschung.
bild der wissenschaft: Für exzellente Grundlagenforschung steht die Max-Planck-Gesellschaft, für effiziente angewandte Forschung die Fraunhofer-Gesellschaft, kurz FhG. Wozu also noch Großforschungszentren?
Warnecke: Ich halte es für keinen praktikablen Weg, die Großforschungseinrichtungen so aufzuteilen. Denn es gibt Themen, die eine andere Forschungsorganisation brauchen, als es Max-Planck- oder Fraunhofer-Gesellschaft bieten. Man kann dieses dritte Feld aber weiterentwickeln, indem man an einer prägnanten Zielsetzung und Profilierung der einzelnen Großforschungseinrichtungen arbeitet. Es ist allerdings unmöglich, eine neue Forschungslandschaft am grünen Tisch zu konstruieren. Man muß in einem evolutionären Prozeß versuchen, das Bestehende weiterzuentwickeln. In diesem Sinn ist die Integration der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung, kurz GMD, in die FhG als ein erster Schritt zu sehen. Solche Fusionen finden in der Wirtschaft ständig statt, aber für Wissenschaft und Forschung sind sie Neuland.
bild der wissenschaft: Wieso erfolgt der erste Schritt – oder sollte man nicht besser sagen: der erste Schnitt – bei der GMD?
Warnecke: Wir glauben, daß die GMD von allen Großforschungseinrichtungen jene ist, die sich am ehesten in Richtung marktorientierter Forschung entwickelt und daß sich deren Institute deshalb gut in die FhG einfügen lassen.
bild der wissenschaft: Von den knapp 50 FhG-Instituten beschäftigen sich 6 mit der Informations- und Kommunikationstechnik (kurz: I+K). Wie viele werden durch die Integration der GMD-Institute überflüssig und aufgelöst?
Warnecke: Der Beschluß, die GMD und die FhG zusammenzuführen, wurde Ende September 1999 verkündet. Die Zeit seither brauchten wir, um gegenseitiges Verständnis herzustellen. Einzelne Arbeitskreise sollen die Fach-, Rechts- und Institutsfragen klären. Ein weiterer Arbeitskreis, dem je drei Institutsleiter der FhG und der GMD angehören, macht sich über die Zukunft der Informations- und Kommunikationstechnologie der FhG Gedanken. In den nächsten Wochen werden wir klarer sehen.
bild der wissenschaft: Welche Eckpfeiler stehen denn überhaupt fest?
Warnecke: Ab dem 1. Januar 2001 wird die GMD in ihrer bisherigen Form nicht mehr existieren. Bis 2004 sollen deren Institute an die Arbeitsweise der FhG angepaßt sein. So lange ist auch die Finanzierung der ehemaligen GMD-Institute in ihrer bisherigen Form sichergestellt.
bild der wissenschaft: Gemächlicher geht es nicht?
Warnecke: Bessere Kundenbeziehungen zwischen einem Forschungsinstitut und der Wirtschaft herzustellen, dauert seine Zeit. Denn hier geht es in erster Linie um den Aufbau von menschlichen Beziehungen und Vertrauen.
bild der wissenschaft: Es gibt genügend Beispiele von erfolgreichen Integrationsprozessen, die in einem wesentlich kürzeren Zeitrahmen erfolgen mußten.
Warnecke: Sie haben völlig recht: Solche Prozesse darf man nicht verschleppen, sondern muß sie möglichst schnell durchziehen. Daß wir die Finanzierung für fünf Jahre sichergestellt haben, heißt ja nicht, daß wir fünf Jahre brauchen.
bild der wissenschaft: Fakt ist, daß eine so lange Übergangsphase Mitarbeiter verunsichert. Gute Forscher werden kündigen, um sich eine sicherere Stelle zu suchen, und exzellente Nachwuchswissenschaftler werden sich aufgrund der Unsicherheit erst gar nicht bewerben.
Warnecke: Solche Überlegungen halte ich für wenig relevant. Schon heute paßt die Fraunhofer-Gesellschaft ihre Institute laufend an die Ertragsmöglichkeiten an. Unser Kriterium heißt: Zwei Drittel Eigeneinnahmen bei einem Drittel Grundfinanzierung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger müssen die ehemaligen GMD-Institute bis 2004 erreicht haben.
bild der wissenschaft: Heißt das, alle Forschungsbereiche der GMD, die stark grundlagenorientiert arbeiten, werden nicht von der FhG übernommen?
Warnecke: Wenn wir sehen, daß sich bestimmte Forschungsschwerpunkte nicht auf das Fraunhofer-Modell zuentwickeln lassen, werden wir nach einer Auffang-alternative suchen – etwa angelehnt an eine Universität. Wir werden uns ebenfalls bewegen, indem wir unsere Vorlaufforschung ausbauen. Aber auch dann gilt die Maxime, daß diese Arbeiten nach fünf oder maximal zehn Jahren in wirtschaftliche Aktivitäten münden müssen.
bild der wissenschaft: Was geschieht mit den Mitarbeitern, die auf der Gehaltsliste der GMD stehen?
Warnecke: Die Institute bleiben zunächst dort, wo sie sind: in St. Augustin bei Bonn. Doch der Verwaltungsbereich kann in der bestehenden Form nicht über das Jahr 2000 hinaus beibehalten werden.
bild der wissenschaft: Es wird Kündigungen geben?
Warnecke: Nach meinen Informationen arbeiten 160 Menschen in der GMD-Verwaltung. Wir werden die Stellen natürlich nicht ganz abbauen, sondern sie an der üblichen Ausrichtung der Fraunhofer-Gesellschaft – eine Zentrale und daneben viele dezentrale Einrichtun-gen – orientieren. Sicher ist, daß wir nicht alle 160 Arbeitsplätze in der Verwaltung übernehmen können.
bild der wissenschaft: Die Personaldebatte ist bereits in vollem Gange. In einer Presseerklärung des Forschungsministeriums hieß es, daß der Vorstandsvorsitzende der GMD, Prof. Dennis Tsichritzis, Vizepräsident der Fraunhofer-Gesellschaft werden soll – also eine Position einnehmen wird, die es bisher gar nicht gibt. Jetzt ist zu hören, daß Tsichritzis „nur” in den Vorstand der Fraunhofer-Gesellschaft berufen werden soll.
Warnecke: Wir haben auch nicht vor, den Posten eines Vizepräsidenten zu schaffen. Der Plan sieht vor, Herrn Tsichritzis bei der nächsten Senatssitzung der Fraunhofer-Gesellschaft am 11. April als viertes Mitglied in den Vorstand zu berufen. Dies ist ein wichtiger Schritt für das Gelingen der GMD-Integration.
bild der wissenschaft: Wie erklären Sie sich das Zustandekommen der irritierenden Presseerklärung?
Warnecke: Es war wohl nicht nur ein Lapsus. Im Ministerium gibt es Überlegungen, wonach sich die Fraunhofer-Gesellschaft in ihrer Führung und Struktur anders aufstellen müsse, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Darin spielen Begriffe wie Unternehmensbereiche und Fachvorstände eine große Rolle. Diese Vorstellungen sind aus der Wirtschaft entlehnt. Wir sind dagegen der Ansicht, daß wir bereits ein zukunftsträchtiges Führungsmodell haben: einen kleinen Vorstand plus die Verbundstruktur unserer Institutsleiter. Das Denken aus der Wirtschaft läßt sich eben nicht voll auf die Forschung übertragen.
bild der wissenschaft: Und wie wollen Sie Prof. Tsichritzis da integrieren?
Warnecke: Wir wollen ein neues Ressort schaffen, das sich vor allem damit beschäftigt, wie sich die Fraunhofer-Gesellschaft auf dem wachsenden Feld der Weiterbildung engagieren soll. Des weiteren soll Herr Tsichritzis den Integrationsprozeß unserer Institute der Informations- und Kommunikationstechnologie moderieren.
bild der wissenschaft: Was suchen Sie in der Weiterbildung?
Warnecke: Ich denke, daß unsere Institute ihr Wissen in Seminaren und Workshops besser weitergeben könnten als das der Fall ist. Ein weiteres Thema ist der Informatikermangel: Wir prüfen, ob unsere I+K-Institute etwas für die Weiterbildung von Ingenieuren tun können.
bild der wissenschaft: Als Sie Fraunhofer-Chef wurden, erklärten Sie eine neue Kommunikationskultur zu einem strategischen Ziel. Sind Sie vorangekommen?
Warnecke: Ich denke, daß es uns gelungen ist, die Vernetzung und Kooperation unter den Institutsleitern zu verstärken oder überhaupt erst herzustellen. Verschätzt habe ich mich bei der Geschwindigkeit. Bis sich Denken und Verhalten der unterschiedlichen Kulturen einander anpassen, vergeht doch sehr viel Zeit. Die dezentrale Struktur der Fraunhofer-Gesellschaft ist hierbei ein Nachteil. Die Eigenverantwortlichkeit führt zu Egoismen und zum internen Wettbewerb, was meinem Wunsch zur Kooperation zuwiderläuft. Erst allmählich erkennen die Institutsleiter den Vorteil, nicht nur einer großen Organisation anzugehören, sondern auch mit Menschen aus anderen Instituten Strategien zu entwickeln und zusammenzuarbeiten.
Prof. Hans-Jürgen Warnecke (Jahrgang 1934) ist seit Oktober 1993 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft mit Sitz in München. Von 1971 bis 1993 war der gebürtige Braunschweiger Chef des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung sowie Lehrstuhlinhaber an der Universität Stuttgart. Die Integration der GMD (gegenwärtig 8 Institute mit 1284 Mitarbeitern) in die Fraunhofer-Gesellschaft (48 Institute, 3000 Mitarbeiter) wird Warneckes restliche Amtszeit bis zum September 2002 beherrschen.
Wolfgang Hess / Hans-Jürgen Warnecke




