Haben Sie eine Ahnung, worum es in der Doktorarbeit mit folgendem Titel geht: „Multidimensionale Schwingungsspektroskopie Wasserstoff-verbrückter Systeme in flüssiger Phase: Kopplungsmechanismen und strukturelle Dynamik”? Kaum zu glauben, dass der Autor dieser Arbeit einen Preis für verständliche Wissenschaft bekommen haben soll. Doch – genau darin bestand die Leistung von Nils Huse und den anderen fünf Gewinnern des ersten bundesweiten Klaus Tschira Preises für verständliche Wissenschaft 2006: Sie haben ihre für die Fachwelt verfassten Dissertationen in gut lesbare, spannende Artikel verdichtet.
Nils Huses Arbeit mit dem komplizierten Titel machte letztes Jahr unter der Überschrift „Das kurze Gedächtnis des Wassers” im Fach Physik das Rennen. Der Wissenschaftler, der gegenwärtig an einem Forschungsprojekt im kalifornischen Berkeley arbeitet, erinnert sich gut daran, wie sein Wasser-Artikel hohe Wellen schlug. Denn nebenbei zeigte Huse darin, dass ein Wassergedächtnis, das homöopathische Heilung erklären soll, so nicht existiert – eine Aussage, die manchen gegen den Strich geht. Doch Kritik nimmt er gelassen. Schließlich habe es auf den Siegerbeitrag überwiegend positive Reaktionen gegeben. Zwar genießt der gebürtige Hamburger derzeit noch die Forschungsatmosphäre am Lawrence Berkeley Laboratory, das von der dortigen Elite-Universität betrieben wird, doch dauerhaft möchte er in Europa leben und forschen. Er meint: „Die Juniorprofessur und mehr Geld für die Universitäten sind immerhin erste Schritte, um deutsche Wissenschaft attraktiver zu machen.”
An der US-amerikanischen Forschungsmentalität orientiert sich auch der Klaus Tschira Preis. „Es ist wichtig, dass die Forscher ihre Erkenntnisse der Öffentlichkeit vermitteln können”, weiß Renate Ries von der Klaus Tschira Stiftung. Das ist mit den ausgezeichneten Wissenschaftlern der ersten Ausschreibung gelungen: „Sie haben den Sprung ins Radio und in Tageszeitungen geschafft”, freut sich Ries. Die Sonntagsausgabe der Rheinpfalz brachte einige Siegertexte jeweils auf einer ganzen Seite.
Trotz des Erfolgs haben Renate Ries und Beate Spiegel, die die Geschäftsstelle der Stiftung leitet, für die künftigen Einsendungen einen Wunsch: Der Kern der eigenen Arbeit soll noch genauer dargestellt werden. „Es ist leichter, einen Überblick zu geben, als den Inhalt einer Dissertation zu erklären. Doch genau das ist gewollt.” Insgesamt ist die Stiftung mit der Ausbeute von 132 Einsendungen zufrieden: 54 Beiträge kamen aus der Biologie, 25 von Physikern, 16 von Informatikern, 15 aus der Chemie, 13 aus der Mathematik und 9 von Neurowissenschaftlern. „Das Verhältnis von Männern und Frauen hielt sich in etwa die Waage”, berichtet Ries.
Bei der schwierigen Aufgabe, aus dem Angebot an wissenschaftlichen Delikatessen die Filetstücke 2007 herauszufischen, hatte diesmal auch Armin Fügenschuh ein Wörtchen mitzureden. Der Preisträger 2006 im Fach Mathematik saß in der Endjury neben Winfried Göpfert, dem emeritierten Professor für Wissenschaftsjournalismus, Wolfgang Klein, dem Geschäftsführenden Direktor des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik, Konrad Müller, dem Generalsekretär der European Life Scientist Organisation ELSO und dem bdw-Chefredakteur Wolfgang Hess.
Die öffentliche Aufmerksamkeit, die durch den Klaus Tschira Preis entstanden ist, hat Fügenschuh in seinem Beruf nach vorne katapultiert. Seine Berechnungen für optimale Schulanfangszeiten und die damit verbundene Einsparung von Schulbussen waren ein „ gefundenes Fressen” für Journalisten und Politiker. „Hätte ich nur in Fachzeitschriften veröffentlicht, wäre das Thema bald erledigt gewesen. Die Anwendung macht die Sache erst interessant” , meint Fügenschuh. In einem mittelhessischen Landkreis ist bereits eine Vorstudie abgeschlossen. Hier könnten acht Busse weniger fahren und dem Landkreis pro Bus rund 30 000 Euro jährliche Zuschüsse sparen. Dank Fügenschuh kann womöglich auch bald in anderen Branchen gespart werden: „Für den Güterverkehr auf Schienen entwickeln wir gerade ein Konzept. Und ein großes deutsches Luftfahrtunternehmen hat Interesse für die Optimierung von Abflugzeiten angemeldet.” Wenn alles nach Plan läuft, wird Fügenschuh bald ein selbstständiger Unternehmer sein – mit einer Firmenausgründung des Mathematik-Lehrstuhls der TU Darmstadt. Fügenschuh: „Diesen Erfolg führe ich auch auf den Tschira Preis zurück.”
Dem Preis verdankt auch der Biologe Florian Bredenbruch, dass seine Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung plötzlich Ärzte und Patienten interessierten. Er beschäftigte sich in seiner Arbeit mit der „Kommunikation” von Bakterien, die in der Lunge von Mukoviszidose-Kranken eine chronische Infektion verursachen. „ Nach der Veröffentlichung meines Beitrags bedankte sich eine Patientin per E-Mail bei mir. Und die Mutter einer Kranken fragte nach Tipps und weiteren Ergebnissen”, berichtet Bredenbruch. Er sei zwar kein Mediziner und könnte daher keine ärztlichen Ratschläge geben, betont der Wissenschaftler vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Doch nach den positiven Reaktionen wisse er es umso mehr zu schätzen, wenn seine Forschung zu weiteren Therapiemöglichkeiten führen würde.
Auch den Informatiker Peter Birkholz hat die Auszeichnung mit dem Klaus Tschira Preis zu einem überdurchschnittlichen Engagement für sein Fach motiviert. Er hatte sich mit einem Bericht über die Computersimulation menschlicher Sprache beworben. Nun betreibt er eine eigene Internetseite (www.vocaltractlab.de), auf der er die Sprach- und Gesangssynthese anschaulich erklärt. In mehreren Bereichen ist auch eine praktische Anwendung seiner Forschung geplant: Mediziner der RWTH Aachen wollen sein Konzept für die Entwicklung einer Sprachtherapie verwenden. Und Birkholz, der sich die Phonetik im Selbststudium beigebracht hat, arbeitet an der Verbesserung eines Vorleseautomaten. Das Preisgeld von 5000 Euro steckte er in den Bau eines humanoiden Roboters – neben der Sprachsimulation seine zweite Leidenschaft.
Der Neurowissenschaftler Alexander Maier hat das Preisgeld in einen leistungsfähigen Computer für seine Arbeit investiert. Er erforscht seit 2004 an den National Institutes of Health in Bethesda, Maryland, das menschliche Bewusstsein – auch das Thema seiner Doktorarbeit. „Den Text für den Klaus Tschira Preis auf Deutsch zu schreiben, war nach so langer Zeit im Ausland keine leichte Übung. Meine Familie und Freunde haben mir geholfen”, erzählt Maier.
In die USA ging kurz nach der Preisverleihung auch Christian Schmitz. Der Chemiker, der zuletzt am Max-Planck-Institut (MPI) für Metallforschung in Stuttgart forschte, ist in nächster Zeit an der Harvard School of Engineering and Applied Sciences anzutreffen. Dort setzt er seine bisherige Arbeit fort: Er nutzt künstliche, der Biologie nachempfundene Mikrostrukturen, um Reaktionen von Enzymen und Zellen zu untersuchen. Bei seiner Bewerbung für den Klaus Tschira Preis hatte er mit seinem Beitrag über künstliche Zellrinde überzeugt. Zwar war Schmitz mit dem Arbeitsumfeld am MPI in Stuttgart zufrieden, doch die quirlige „ Harvard-Atmosphäre” begeistert ihn. „Diese Elite-Einrichtungen, bei denen Leistung der entscheidende Maßstab ist, vermisse ich in Deutschland”, bemängelt Schmitz. Initiativen wie den Klaus Tschira Preis sieht er deshalb sehr positiv, da sie Leistung honorieren – und damit junge Wissenschaftler motivieren. ■
Text: Cornelia Varwig





