Die Gruppe schritt langsam auf der 10 Meter breiten und 350 Meter langen Prozessionsstraße in der Ebene unterhalb der Burg zum Mausoleum. Sie trug den aufgebahrten Leichnam ihres Fürsten zu seiner letzten Ruhestätte. Die Gruft war eingefriedet von einem kreisförmigen Graben, der – fast vier Meter tief und zehn Meter breit – eine erstaunliche Dimension aufwies. Dem keltischen Fürsten wurden Schmuck, Waffen, Kleidung, Alltagsgegenstände und ein Totentrunk mitgegeben. Mehrere Schichten massiver Holzbohlen und meterdicke Steinpackungen schützten die Gruft.
Hier ruhte der Fürst fast 2500 Jahre lang – ungestört von Grabräubern und Wissenschaftlern. Die Archäologen kamen erst 1994 von der nahegelegenen keltischen Burg auf dem Glauberg herunter in die Ebene bei Büdingen, nördöstlich von Frankfurt. Eine durch Luftaufnahmen aufgespürte ringförmige Verfärbung mit 70 Metern Durchmesser im Ackerboden hatte sie neugierig gemacht.
Ans Tageslicht kam eine archäologische Sensation und ein weiteres Stück Kelten-Geschichte in Deutschland. “Ein Jahrhundertfund”, begeisterte sich Prof. Fritz-Rudolf Herrmann, Leiter der archäologischen Abteilung im hessischen Landesamts für Denkmalpflege. Die Altertumsforscher fanden:
l die prunkvolle, nicht ausgeraubte Erdbestattung einer hochgestellten Persönlichkeit und eine Urnenbestattung, l die älteste vollplastische Steinskulptur nördlich des Mains – heute als “Keltenfürst vom Glauberg” tituliert, l Graben- und Wallstrukturen, die nach ihrer Überzeugung das Areal zu einem Zentralheiligtum machen.
So wäre die vielversprechende Triade Burg – Mausoleum – Heiligtum perfekt. Und das in einer Gegend, in der man so frühe keltische Spuren weder vermutet, geschweige denn entdeckt hatte.
Die Strukturen in der hügeligen Ebene des hessischen Wetterau-Kreises sind nicht in ihrer ganzen Ausdehnung aufgespürt, denn die Ausgrabungen wurden 1997 eingestellt. Kontinuierliche geophysikalische Messungen sollen in den nächsten Jahren das gesamte Areal erfassen. Eines steht schon jetzt fest: Wie auf einem Reißbrett entworfen, haben keltische Landschaftsarchitekten ihrem Fürsten ein riesiges Denkmal gesetzt – ein Gesamtkunstwerk in Kilometer-Ausmaßen, das nur ein gut organisierter Bautrupp ausheben und anlegen konnte. Eine gewaltige Leistung.
Was die Erde seit 1994 am Glauberg freigab, verblüfft und begeistert die Archäologen. Unter Steinpackungen kamen die – auf eine nur Zentimeter dicke Schicht zusammengequetschten – Überreste des 2,5 mal 1,1 Meter großen hölzernen Grabes ans Tageslicht. Sie wurde en bloc aus dem Untergrund gesägt und als Grab-1 in die archäologischen Werkstätten im Schloß Biebrich in Wiesbaden gebracht. Dort tauchten erst im Röntgenbild, dann unter Pinsel und Pinzette die Besitztümer des Bestatteten auf: Pretiosen aus Gold, prähistorische Sicherheitsnadeln (Fibeln) und Waffen.
Eine Rarität ist die reich dekorierte Bronzekanne, die Restauratorin Monica Bosinski in ihre Obhut genommen und inzwischen nahezu vollständig wiederhergestellt hat. Keltische Künstler haben sie nach etruskischen Vorbildern geschaffen. Als Handelsobjekt oder diplomatische Gabe waren solche fremdländischen Prestigeobjekte vielfach an keltische Höfe gelangt. Sie dienten dort als Vorlagen und inspirierten keltische Künstler.
Mythische Tiere auf dem Rand der Schnabelkanne umrahmen eine im Schneidersitz thronende Figur. Die beiden furchteinflößenden Sphingen, ebenfalls der antiken Vorstellungswelt entliehen und dem keltischen Geschmack angepaßt, symbolisieren wohl übernatürliche Kräfte. Einer Röhrenkanne aus der Urnenbestattung (Grab-2) versucht Restauratorin Sigrun Martins zur Zeit wieder zu einer dreidimensionalen Form zu verhelfen. Kanne und Pretiosen weisen darauf hin, daß auch in diesem Grab eine wichtige Persönlichkeit bestattet wurde.
Die herausgehobene Stellung des 29 bis 32 Jahre alten Toten aus Grab-1 belegt auch der filigrane Goldschmuck, den der Restaurator Peter Will aus den Erdschichten gefingert hat: ein aufwendiger Halsring, Schläfen- und Fingerringe. Grab-1 ist jetzt wissenschaftlich ausgeräumt. Nur die Skelettfragmente harren noch der Begutachtung. Daß am Glauberg tatsächlich ein Mann zur letzten Ruhe gebettet wurde, verraten weniger die Knochenreste als die Waffen: zwei Eisenlanzen, ein hölzerner Schild und ein eisernes Schwert. Die Liebe fürs Detail spiegelt sich wider an der reichen Verzierung der Schwertscheide mit Koralleneinlagen. Leider sind diese keltischen Pretiosen von der Allgemeinheit nicht zu bewundern: Sie sollen erstmals bei einer Ausstellung im Jahr 2001 gemeinsam präsentiert werden.
Die seit Jahren laufenden Untersuchungen des Fürstengrabes von Hochdorf bei Stuttgart (siehe “Der erste Fürst”, Seite 24) lieferten ähnlich detaillierte Ergebnisse.: In beiden Gräbern sind zum Beispiel wertvolle Gegenstände mit Textilien und Bandagen ummantelt worden. Hat Trauer die Angehörigen zu solchen aufwendigen Aktionen bewegt? Wir wissen nichts über die Totenrituale.
Aber glanzvoll und prächtig wird das Spektakel der Totenfeierlichkeiten gewesen sein. Gut möglich, ja sogar wahrscheinlich ist, daß die Nachfahren auf derselben Prozessionsstraße zu einem Heiligtum neben dem weithin sichtbaren Hügel-Mausoleum pilgerten, um der Verstorbenen in einer Art Ahnenkult zu gedenken.
November 1997: Der Büdinger Bauer hatte sein Feld gepflügt und wollte es eggen, als ein Steinbrocken in den Haken hängenblieb. Er ließ sich nicht abschütteln, der Bauer mußte absteigen und den störenden Brocken per Hand entfernen. “Da guckte ihn das Gesicht an”, erzählt Herrmann. Zum Glück, “sonst hätte er ihn vielleicht als unerwünschten Lesestein an den Feldrand gelegt”. Denn die Rückseite des eindeutig keltischen Kopfes war völlig fragmentiert, also unkenntlich. So aber wurde der “Dritte Mann” am Glauberg dingfest gemacht.
Zuvor, bei den Ausgrabungen 1996, waren bereits die sensationelle Statue des “Keltenfürsten vom Glauberg” und Bruchstücke einer zweiten Figur ausgegraben worden. Die Fürstenfigur ist ein Koloß von Kerl: 1,86 Meter groß, 230 Kilogramm schwer – ohne Füße, die sind irgendwann abgebrochen. Alter: knapp 2500 Jahre.
Pate für die Glauberg-Sandsteinfürsten könnten etruskische Statuen in Mittelitalien sein, wie sie in Capestrano, Provinz L’Aquila, entdeckt worden sind. Die Armhaltung – über der Brust gekreuzt – ist der der hessischen Statue auffällig ähnlich. Der Harnisch aus Stoff und Leder entspricht den Kompositpanzern wie sie im Osten Griechenlands getragen wurden. Eine multikulturelle Figur.
Waren die Skulpturen vom Glauberg das Idealbild eines keltischen Fürsten oder stellten sie eine Gottheit dar, die hier verehrt wurde? Warum landeten die Skulpturen, teilweise zerstört, in einem Graben? Hatte man sie vom Sockel gestoßen, waren andere kultische Vorstellungen aufgekommen? Keine Inschrift gibt Auskunft, kein antiker Autor berichtet detailliert über die Kelten des 5. Jahrhunderts v. Chr. in Mitteleuropa.
Der “Fürst vom Glauberg” wartet zudem mit einer Besonderheit auf, die jetzt französische Altertumsforscher, die Nach-fahren der Kelten-Gallier, ins Grübeln kommen läßt. Der Rückenteil seines Brustharnischs ähnelt einem Superman-Mäntelchen und kommt weder bei Griechen noch Etruskern vor – wohl aber bei vielen keltischen Steinstatuen in Südostfrankreich, die auch noch im “Schneidersitz” hocken. Das artverwandte Schneidersitzmännchen auf der Glaubergkanne wird in das beginnende 5. Jahrhundert v. Chr. datiert, der hessische Keltenfürst ebenfalls. Die Franzosen haben ihre steinernen Ahnen bislang immer ins 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. plaziert – nun sind sie wohl um einiges älter geworden.
Zurück zum hessischen Glauberg: “Wir haben praktisch keine Siedlungsspuren gefunden”, bedauert Prof. Herrmann, der einige hundert Meter weiter nördlich vom Mausoleum und 150 Meter höher seit 1985 eine keltische Festung ausgräbt, ebenfalls aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. Auch diese Entdekkung erregte Aufsehen, denn 32 Kilometer nordöstlich von Frankfurt, am Ostrand der Wetterau, hatte kein Experte eine so herausragende Siedlungsstätte aus der frühen Keltenzeit erwartet.
Zu abgelegen schien die Region im Norden von den bekannten keltischen Fürstensitzen. Die konzentrierten sich ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. in Ostfrankreich, der Schweiz, in Baden-Württemberg, Kärnten, der Steiermark und Slowenien. Bei Würzburg lag der bislang nordöstlichste Fundplatz aus dieser Epoche.
Das Festungsplateau auf dem Glauberg – der keltische Name der Burg ist nicht überliefert – lag strategisch günstig über der hügeligen Ebene und bot weite Sicht bis zum Hochtaunus im Süden. Hinter den Befestigungsmauern über den steil abfallenden Hängen konnten sich die Kelten sicher fühlen und bei Kriegsgefahr verschanzen. Die fünf Meter breite Wehranlage bestand aus einem Holzgerüst, war mit Steinen verkleidet und durch Erdreich stabilisiert. Die Burg umfaßte ein Areal von 19,7 Hektar, Quellen mit ausreichendem Wasserreservoir versorgten hier bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. die Kelten.
“Bei solchen Festungsanlagen”, so Kelten-Forscher Herrmann, “fragt man sich natürlich: Wie sah das Umland aus?” Auch wenn er bislang keine Bevölkerungsspuren gefunden hat, ist er sich sicher, daß es eine Besiedlung um die Burg gegeben hat. “Ein landwirtschaftliches Umland ist die Grundlage für einen Fürstensitz: Wie will denn sonst einer reich werden?” Richtig reich aber sind die Glauberg-Fürsten wohl eher durch das Salz von Bad Nauheim geworden, das als Konservierungsmittel großes Ansehen und hohe Preise erzielte. Die Kontrolle über den wichtigen Handelsweg nach Osten mehrte sicher auch Reichtum und Macht.
Wie groß das Herrschaftsgebiet des Fürsten vom Glauberg war, läßt sich mit archäologischen Mitteln nicht nachweisen. Doch wagt Herrmann eine “Spekulation mit wissenschaftlich gezügelter Phantasie” – prähistorische Bienen spielen darin eine wichtige Rolle: Die Schnabelkanne aus Grab-1 enthielt das Konzentrat für einen Honigwein. Der Süßstoff der Vorgeschichte stammte – wie der Paläobotaniker Manfred Rösch vom baden-württembergischen Landesdenkmalamt nachwies – aus dem Thüringer Wald, dem Fulda-Werra-Bergland und von der Lahn, aus dem Rheingau und dem Odenwald. Dabei hätten die Bienen am Glauberg die Kanne mehrfach füllen können. Dennoch wurde für den Totentrank des Fürsten ein Mischhonig angesetzt, dessen Ingredienzien aus einem weiten Umkreis zusammengetragen wurden – “das könnte ein Anhalt für die Größe des Herrschaftsgebietes sein”, rundet Herrmann seine Spekulation konjunktivisch ab. Demnach wäre der Fürst vom Glauberg ein direkter Nachbar des Herrn von Hohenasperg gewesen.
So wird der großflächige Burgberg zum Zentrum eines stattlichen prähistorischen Herrschaftsgebietes. Das Areal um das Grabmonument mit seinen Graben- und Wallsystemen wird immer besser erkannt und weitet sich dabei ständig aus, inzwischen hat es 1,5 mal 2 Kilometer erreicht. Für Prof. Herrmann ist deshalb die Frage, ob der Glauberg ein Heiligtum gewesen sei, beantwortet: “Ich glaube nicht, daß diese Riesenanlage eine profane Funktion hatte.”
Bisher gibt es nichts Vergleichbares in der keltischen Welt Mitteleuropas: Keltische “Landart” mit Gräben und Erdwällen, die mit dem Grabmonument und der Burg zu einer Gesamtanlage gewachsen ist – das war ein wahrhaft repräsentatives Zentrum. “Es wird kein keltisches Mekka gewesen sein, aber ein wichtiges regionales Heiligtum”, unterstreicht Herrmann.
Als vergleichender Beleg dienen ihm die drei Kelten- alias Galater-Stämme, die nach ihren Kriegszügen im 3. Jahrhundert in Kleinasien ein gemeinsames Heiligtum unterhielten. Und Cäsar, über 300 Jahre später, berichtet vom alljährlichen Treffen der Druiden im “Kanutenwald”. Warum sollen sich die deutschen Kollegen von Miraculix zum Mistelschneiden nicht in Hessen getroffen haben?
Elli G. Kriesch




