In keiner anderen deutschen Großstadt herrscht derzeit ein wissenschaftsfeindlicheres Klima als in Berlin. Wenn kein Wunder geschieht, werden in der Hauptstadt im Jahr 2003 nur noch drei Universitäts-Ruinen zu besichtigen sein. Die Sparauflagen, die der Senat verfügt hat, sind so drastisch, daß sie auf Jahre einen sinnlosen inner- und zwischenuniversitären Verteilungskrieg programmieren.
Dabei sind manche Berliner Hochschulpolitiker – nicht nur hinter vorgehaltener Hand – sogar stolz darauf, den “faulen” Professoren Beine gemacht und die schwerfälligen Massenuniversitäten in Bewegung gebracht zu haben. Endlich haben sie die Achillesferse des ungeliebten und sündteuren Wissenschaftsbetriebs entdeckt: Man braucht offenbar nur den Geldhahn zuzudrehen und schon entfalten die bislang in Selbstgefälligkeit erstarrten Institutionen und deren Gremienwirtschaft heftig Aktivitäten.
Sähen sie genauer hin, würden die Politiker freilich merken, wie die von ihnen gerühmte “Bewegung” sich bisher meist in Besitzstandswahrungs-Aktivismus erschöpft. Auch daß der Protest bisher nicht Formen annahm wie 1968 sollte sie eher beunruhigen: Resignation, und Zynismus breiten sich aus. Doch so genau wollen es die Politiker wohl gar nicht wissen. Ebensowenig scheinen sie zu begreifen, wie sehr sie sich bereits in der Vergangenheit an der Universität versündigten, als sie noch deren rapide Expansion betrieben: Hochschulen, die 30 bis 40 Prozent eines Jahrgangs aufnehmen, können eben per definitionem keine Hochschulen mehr sein, sondern allenfalls noch Volkshochschulen. Manch einer sieht in ihnen gar nur noch Bewahranstalten – staatliche Institutionen, die junge Leute zeitweise vor Arbeitslosigkeit schützen. Schon kurz nach seinem Amtsantritt schwante dem Präsidenten der Humboldt-Universität, Hans Meyer, einem Juristen, der Gediegenheit ausstrahlt und seine Worte bedachtsam wählt: “Eigentlich müßte man Revolution machen. Aber dafür fehlen die Revolutionäre.”
Unter solchen Bedingungen nimmt es nicht wunder, wenn der hochschulpolitische Diskurs sich kaum noch um die Qualität von Forschung und Lehre dreht, mag diese auch angesichts von Globalisierung und verschärfter Konkurrenz auf den Weltmärkten für Deutschland mehr denn je zukunftsentscheidend sein. Gestritten wird vielmehr über die Zahl der Studienplätze – bösartig zugespitzt: um die Frage, ob der Berliner Beitrag, die monatlichen Alarmberichte der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit zu schönen, aus 100000, 85000 oder, bitteschön, nur noch 65000 statistischen Einheiten bestehen solle.
Dabei ließe sich über Kürzungsvorgaben, die letztlich – nach dem Motto “Small is beautiful” – auf kleinere, aber leistungsfähigere Universitäten zielen, durchaus produktiv streiten. Sollte die FU beispielsweise in einem Zeitraum von 15 oder 20 Jahren auf die Hälfte ihres Umfangs (von einstmals 750 auf 395 Professuren) schrumpfen und gäbe es klare Vorstellungen davon, welche Bereiche dichtgemacht oder verkleinert werden sollen, so könnte ein solches Cutback-Experiment durchaus vorzeigbare Ergebnisse zeitigen. Beim Versuch, dies in fünf Jahren zu bewältigen, kann jedoch nur ein Torso entstehen.
Die Gefahr, ja Horrorvision, die sich konkret abzeichnet, sind drei Rumpf-Universitäten mit überdimensionierten Verwaltungs-Wasserköpfen. Publizistik-Professor STEPHAN RUSS-MOHL von der Freien Universität Berlin bezichtigt die Regierenden der Hauptstadt einer tiefen Konzeptionslosigkeit. Ein pointierter Appell zur Umdenken. Die Kürzungsvorgaben sind so drastisch, daß Stellen praktisch überall kassiert werden müssen, wo sie nach dem Zufallsprinzip frei werden – durch Ableben, freiwilliges Ausscheiden, Vertragsende. In der Verwaltung verhindern dienstrechtliche Regelungen einen schnellen Personalabbau. Besonders kurze Vertragslaufzeiten haben studentische und wissenschaftliche Mitarbeiter, also der wissenschaftliche Nachwuchs. Damit werden zuhauf gerade solche Stellen weggekürzt, auf denen der Nachwuchs inneruniversitär erste berufliche Erfahrungen sammeln könnte – nur weil diese Stellen disponibel sind.
Die Chance, den Forschungs-Schrebergarten weiter zu kultivieren, erhält unter solchen Bedingungen nicht der Wissenschaftler, der mit seinen Leistungen in Forschung und Lehre glänzt – sondern einer, der über Kompetenz im Umgang mit dem Verwaltungsapparat verfügt, sich durch dessen Schlendrian nicht irritieren läßt und als Gremientaktiker smart genug ist, um sich Mehrheiten zu sichern. Gewiß hilft es auch, in der Hochschulpolitik mitzumischen, um so bei der Führungsspitze der eigenen Universiät oder, noch besser, hinein in die Verwaltung und ins Abgeordnetenhaus, operieren zu können.
Ihre Attitüde der Schadenfreude und Ignoranz gegenüber den Hochschulen, ja ihren wissenschaftsfeindlichen Populismus, mit dem sie im proletarischen Milieu Berlins da und dort sogar auf Stimmenfang gehen, wissen die Politiker dennoch in offiziellen Verlautbarungen sorgsam zu kaschieren: Es gibt natürlich Diepgen-Zitate zuhauf zur zukunftsentscheidenden Rolle der Berliner Universitäten, und nicht viel anders klingt es aus dem Mund seiner Koalitionäre. In keinem anderen Politikfeld werden Bankrott und Perspektivlosigkeit dreister hinter vielversprechenden Worthülsen versteckt als in der Hochschul- und Wissenschaftspolitik.
Als sich bereits abzeichnete, daß für die Hochschulen nicht einmal annähernd genügend Geld vorhanden sein würde, war noch jahrelang von Planungssicherheit die Rede, die den Universitäten gewährt werden müsse. Eine große Koalition schien als politische Konstellation geeignet, diese sicherzustellen.
Doch Pustekuchen, keine der Planungen griff, die Koalition übte sich in der großen Selbstblockade. Schließlich zwang der Senat den Hochschulen einen Knebelvertrag auf, um Planungssicherheit doch noch zu garantieren – mit Vorgaben, die inneruniversitäre Planung völlig unmöglich machen.
Als sich bis zum letzten Erstsemester-Studenten herumgesprochen hatte, daß der Senat weder willens noch in der Lage war, auch nur in Ansätzen seine eigenen Willensbekundungen einzuhalten, erfanden die Politiker Experimentier- und Erprobungsklauseln, um die Universitäten zu “retten”. Wenigstens punktuell sollten sie vom oftmals restriktiven Hochschulgesetz abweichen können. Der neue Präsident der Humboldt-Universität nahm die Politiker beim Wort: Beherzt ging er daran, das Kuratorium seiner Universität von sachfremder Einflußnahme zu befreien, sprich: die darin vertretenen Berliner Abgeordneten hinauszukomplimentieren. Schnell stellte sich heraus, daß es den Politikern so ernst mit dem Experimentieren auch wieder nicht war.
“Newspeak” nennt George Orwell derlei dreiste Sprachexerzitien in seinem Roman “1984”. Zu den Berliner Merkwürdigkeiten gehören auch die verkehrten politischen Fronten, unter denen Politik betrieben wird: Die CDU zeigt sich immerhin punktuell reform- und spendierfreudig, strukturkonservativ und hilflos agiert dagegen der angeschlagene Junior-Partner der Berliner Koalition, die SPD. Deren Finanzsenatorin machte zwar als Sparkommissarin und eiserne Lady zeitweise “bella figura”, hochschulpolitisch ist sie dagegen bisher nur mit dem ebenso abstrusen Vorschlag hervorgetreten, die FU vom Villenvorort Dahlem in das Gebäude des stillzulegenden Flughafens Tempelhof zu verlagern.
Und sage niemand, der Senat agiere aus blanker Not. Zwar ist Berlin in den letzten Jahren arg gebeutelt worden: Vereinigungsbedingt ist die Stadt nicht mehr das doppelte Schaufenster zweier rivalisierender politischer Systeme. Eine verfehlte Bonner Politik hat die Berlinförderung viel zu früh abgebaut, den Regierungsumzug nicht rechtzeitig zustande gebracht und obendrein mit unsinnigen Steueranreizen dafür gesorgt, daß viele Milliarden in ehrgeizige Immobilienprojekte geflossen sind, die jetzt leer stehen. Berlin konnte so nicht werden, was es für die neuen Bundesländer eigentlich hätte sein müssen: Die Konjunktur-Lokomotive, von der wirtschaftliche Impulse nach Brandenburg, ja bis nach Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern ausgehen.
Andererseits ist das Land Berlin keineswegs bettelarm, es ist nur nicht liquide. Der Senat hat viel zu lange business as usual betrieben. Mit der Veräußerung des Tafelsilbers – staatlicher Unternehmen, Wohnungen, Grundstükke, die es zuhauf gibt – wurde zu spät begonnen, um auf dem schwierigen Weg der Hauptstadtwerdung Verwerfungen begegnen und Haushaltslöcher rechtzeitig stopfen zu können. Daß sie aufreißen würden, war durchaus absehbar.
Kaum etwas wird die Hauptstadt, wenn sie erst einmal wieder Regierungssitz geworden ist, nötiger brauchen als Universitäten und Forschungseinrichtungen, die zwar etwas schlanker sein dürfen, aber funktionieren müssen, ja funkeln, sprich: Glanz auf Berlin werfen sollten. Also wird vieles von dem, was jetzt blindwütig weggespart wird, später wieder aufgebaut werden müssen.
Immerhin gibt es erste Anzeichen, daß die Universitäten sich selbst erneuern wollen. Humboldt-Universität und TU haben inzwischen neue Führungsspitzen. An der FU sorgten ein neuer Kanzler und drei neue Vizepräsidenten für Impulse, und die Politologin Gesine Schwan hat kürzlich mit einer kämpferischen Rede gezeigt, daß es trotz allem noch Visionen gibt.
Hoffnungsschimmer – trotz der Politik der verbrannten Erde, die der derzeitige Senat betreibt. Warten wir also auf das Wunder, daß FU, TU und Humboldt-Universität als ein dreiköpfiger Phönix aus der Asche aufsteigen und über Berlins Himmel leuchten werden.
Stephan Russ-Mohl





