Seit es Menschen gibt, müssen sie mit dem Risiko leben, dass ihnen von ihresgleichen Unheil droht. Deshalb hat sich der Mensch nach Ansicht der evolutionären Psychologie ein angeborenes Warnsystem zugelegt – den Sinn für das Böse.
Wenn Babys den sechsten oder siebten Lebensmonat erreichen, schrecken sie überall auf der Welt urplötzlich vor unbekannten Personen zurück. Es ist, als ob die Winzlinge auf einen Schlag begriffen hätten, dass selbst der reinen Unschuld Gefahr durch „ böse” Menschen droht. Für die evolutionäre Psychologie ist das abwehrende „Fremdeln” ein Indiz dafür, dass sich die Kategorie des Bösen in unserer Entwicklungsgeschichte zu einem angeborenen Instinkt verdichtet hat – durch die ewige Konfrontation mit übel wollenden Artgenossen.
Die Theorie der Evolution durch natürliche Auslese kennt keine moralischen Maßstäbe, weil sie alle Lebewesen als egoistische Maximierer ihrer genetischen Fitness beschreibt, die allein davon getrieben werden, sich selbst zu erhalten und ihre Erbfaktoren auszustreuen. Dennoch streben die meisten Menschen das „Gute” an und lehnen das „Böse” ab. Zeitgenossen ohne dieses moralische Unterscheidungsvermögen werden als Soziopathen in eine asoziale und krankhafte Ecke gestellt. Das Gut-Böse-Denken scheint sich zu lohnen, meint der kalifornische Rechtswissenschaftler Theodore P. Seto. Sonst hätten die moralisch Gleichgültigen die Unterscheidungsfähigen längst von der Bildfläche verdrängt.
Warum es sich rentiert, gut zu sein, haben Forscher mit spieltheoretischen Modellen wie dem „Gefangenendilemma” erhellt. Dabei haben zwei Personen die Wahl zwischen Kooperation oder Im-Stich-Lassen. Für beide zusammen ist der Gewinn am größten, wenn sie gemeinsame Sache machen. Doch der Einzelne erreicht für sich allein den höchst möglichen Profit, wenn er sich gegen den Partner stellt – während dieser kooperiert. Treffen zwei Egoisten aufeinander, gehen beide leer aus. Die Strategie, mit der beide Beteiligten langfristig am besten fahren, folgt dem Prinzip des „ Wie du mir – so ich dir”. Grundregel: Tue zunächst Gutes (kooperiere). Wenn der andere betrügt, bestrafe ihn. Wenn der andere wieder kooperiert, verzeihe ihm. Im sozialen Leben bewähren sich also jene Tugenden, die die Moralphilosophie seit jeher auf ihre Fahne gechrieben hat.
Nicht jede Übertretung dieser Konvention trägt gleich das Etikett „böse”, bemerkt der texanische Psychologieprofessor David Buss, der als Begründer der evolutionären Psychologie einen umstrittenen neuen Forschungszweig eröffnet hat. Die Disziplin versucht, unseren Verstand und unsere emotionalen Antriebe aus ihrer evolutionären Entwicklungsgeschichte zu verstehen. Wir alle, so meint Buss, erschleichen uns manchmal Vorteile, bereichern uns auf Kosten anderer oder setzen uns über ihre Interessen hinweg. „Als wirklich böse gelten nur solche Verhaltensweisen, die anderen Menschen oder anderen Gruppen massive Nachteile im Lebenskampf aufbürden.” Deshalb ist keine andere Tat so verrucht wie ein (vorsätzlicher) Mord. Er verursacht schwere Fitnesskosten, denn nicht nur das Opfer verliert sein Leben und die Hoffnung auf genetische Unsterblichkeit. Auch die Nahestehenden haben durch die entgangene Unterstützung einen Verlust an Lebenschancen. Nach der Theorie von Buss waren wir in unserer stammesgeschichtlichen Vergangenheit so häufig vernichtenden Attacken ausgesetzt, dass sich in unserem Kopf eine Alarmanlage etabliert hat – ein Satz von Hirnschaltkreisen, der anspringt, wenn wir bei anderen böse Motive wittern.
Denn selbst der kooperationsfreudigsten Gemeinschaft droht Gefahr von Betrügern, die auf den Kodex pfeifen. Der evolutionär eingebaute Detektor des Bösen soll eine solche Bedrohung frühzeitig identifizieren, Widerstand mobilisieren und den Angreifer unschädlich machen. Das frühkindliche Fremdeln sei eine solche Alarmanlage. Denn der Infantizid – das Töten von Jungtieren – ist nicht nur in der Fauna verbreitet. Auch Kinder unserer Spezies liefen in der Entwicklungsgeschichte Gefahr, von fremden Menschen – insbesondere von Stiefeltern – getötet zu werden.
„Wahrscheinlich hat uns die Evolution sogar ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den Intentionen Fremder – insbesondere fremder Männer – eingeimpft, das uns vor bösartigen Übergriffen schützen soll”, glaubt Buss. Auch unsere Neigung, Angehörigen fremder Gruppen Stereotype überzustülpen, könnte die gleichen Wurzeln haben: „Solange wir nichts Genaueres über den anderen wissen, hilft uns ein Stereotyp immer noch besser zu entscheiden, wie wir mit ihm umgehen sollen, als gar keine Information.”
Menschen besitzen die einzigartige Fähigkeit, sich in die Motive und Absichten anderer hineindenken zu können. Vielleicht ist diese „theory of mind” nur zu einem einzigen Zweck entstanden – um rechtzeitig „böse” Pläne zu durchkreuzen. In dem evolutionären Moment, in dem die potenziellen Opfer einen Schutzmechanismus entwickelten, setzte ein Aufrüstungswettlauf ein: Böse zu sein wurde ineffektiv, weil die anderen dem Bösen eins auswischen konnten. Menschen mit Mordabsichten mussten das Überraschungsmoment nutzen, sich ein schwaches oder allein stehendes Opfer aussuchen. Die andere Seite lernte im Gegenzug, auf die feinsten Zeichen der Gefahr zu achten und begann, das Böse mit sozialen Institutionen zu bekämpfen. Heute hat sich diese „Mordvermeidungsfunktion” weitgehend auf die Strafverfolgungsbehörden verlagert.
Das Fremdeln als Wahrnehmungsfilter ist ins Unbewusste abgetaucht. Dieser Mechanismus kann dennoch rasch und effektiv eingesetzt werden: Als US-Präsident George W. Bush die „ Schurkenstaaten” zur „Achse des Bösen” dämonisierte, konnte er sicher sein, bei vielen Menschen den Gut-Böse-Nerv zu treffen. Zuvor hatte Osama bin Laden seine Anhänger ebenso gegen das böse Reich der Ungläubigen aufgebracht.
Die Existenz eines angeborenen Böse-Detektors bedeutet aber keineswegs, dass wir einem starren Schwarz-Weiß-Denken oder dem ewigen Misstrauen gegen alles Fremde ausgeliefert sind, betont Buss: „Je größer das Wissen über unsere evolvierten psychologischen Mechanismen und die Trigger ist, die ihre Aktivierung auslösen, desto größer wird unsere Fähigkeit sein, da Änderungen zu bewirken, wo sie wünschenswert sind.” Anders ausgedrückt: Wir haben bessere Chancen, gut zu sein, je mehr wir lernen, uns nicht von unseren Reflexen gegen das Böse leiten zu lassen. ■
Rolf Degen
Ohne Titel
Der Versuch im Institut für Medizinische Psychologie der Universität Tübingen war vergleichsweise simpel, die Ergebnisse dagegen frappierten: Einer Reihe von zehn gesunden und zehn psychopathischen Testteilnehmern wurden verschiedene Gesichter präsentiert. Bei einem Bild bekamen die Probanden einen schmerzhaften Schlag auf die Finger. Die Gesunden reagierten bei einem weiteren Durchgang allein schon auf die Präsentation des Fotos – ohne den schmerzauslösenden Schlag – mit körperlichen Reaktionen wie Schwitzen. Und: Ihre für Emotionen zuständigen Hirnareale – Präfrontalcortex, Insula und Amygdala – zeigten in der funktionalen Kernspintomographie (fMRT) massive Aktivitäten (rote Bereiche im linken Bild). Bei den psychopathischen Versuchspersonen dagegen blieben die Bereiche ohne jegliche Erregung (rechts) – obwohl sie das schmerzauslösende Bild durchaus richtig benennen konnten. Diese Emotionslosigkeit („ Kaltblütigkeit”) verhindert, dass Psychopathen soziales Verhalten lernen.





