Eine rot-weiß karierte Küchenschürze ziert Brust und Bauch. Das Tro-ckentuch salopp über die Schulter geworfen, greift der neue Mann – nein, nicht zur Fernbedienung – zum Abwaschschwamm. Neben dem Geschirrspülen hat es ihm vor allem das Staubsaugen angetan. Anders als der traditionelle Mann, der Persil und Swiffer nur aus der Werbung kennt, legt der Newcomer selber Hand an.
Zu dieser Erkenntnis kommen Prof. Paul Zulehner vom Institut für Pastoraltheologie in Wien und Rainer Volz vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland in Bochum. In zwei Studien haben sie die „MannsBilder” (Zulehner) und die „Männer im Aufbruch” (Zulehner/Volz) von der Ostsee bis zum Brenner unter die Lupe genommen – hinsichtlich Beruf, Familie und Gefühlsleben. 1998 wurden 2014 deutsche Männer befragt. 2002 folgte der Vergleich mit 1600 Österreichern.
Das Ergebnis: Sowohl in Deutschland als auch in Österreich ist der neue Mann auf dem Vormarsch – tolerant, gefühlvoll, offen. 23 Prozent der Österreicher sind solche Musterknaben, ein Zuwachs von 9 Prozent in den letzten Jahren. Auch die Deutschen sind mit 20,5 Prozent (1998) auf dem Weg in die männliche Emanzipation. Die Folge des Umdenkens: Die Generation der traditionellen Männer driftet in beiden Ländern immer weiter ins Abseits – und mit ihr das Credo für die Rolle der Frau: Kinder–Küche–Kirche. Die Einordnung in traditionelle und moderne Männer nahmen die Forscher nach den Selbstauskünften der Männer vor.
Zwischen den Polen „traditonell” und „modern” schwimmt die Mehrheit der Männer. Viele sind unsicher, welcher Weg der richtige ist: Scheuer-Teufel oder Putz-Banause? 37 Prozent der D-Männer und 42 Prozent der A-Männer können ihre Rolle nicht genau definieren – die Unentschlossenen. Wieder andere sehen den Streit um die MannsBilder pragmatisch: Warum nicht die Vorteile beider Seiten nutzen, fragt sich jeder vierte deutsche und jeder fünfte österreichische Adam – die Pragmatiker.
Was hat es auf sich mit dem viel gelobten modernen Mann? Neben der Begeisterung fürs Spülen (84 Prozent in beiden Ländern) und Schrubben wagt er sich auf ungewohntes Terrain – und bezwingt immer häufiger den Wäscheberg. Jeder Zweite – mit leichtem Vorsprung der Deutschen – weiß mittlerweile, wie die Waschmaschine funktioniert. Und über 60 Prozent finden in Kufstein und Bremen den Weg zur Wäscheleine.
Eine begrüßenswerte Entwicklung – möchte man meinen. Doch viele Frauen sehen den zunehmenden Arbeitseifer ihrer so plötzlich hausaktiven Gatten mit gemischten Gefühlen. Sobald sich der Mann in die häusliche Putzschlacht stürzt, wird jeder Handgriff mit äußerstem Argwohn verfolgt. Denn was hilft der gute Wille des Mannes, wenn die weißen Socken nach der Wäsche plötzlich rosa sind oder der Kaktus im Wasserbad ertrunken ist. Selber schuld, denn: „Die Frauen behandeln die Männer oft wie schlechte Schüler und rauben ihnen dadurch die Motivation”, weiß der deutsche Soziologe Volz.
Routinierter und zur beiderseitigen Zufriedenheit werden althergebrachte Hausmann-Arbeiten erledigt: Die Müllentsorgung zum Beispiel ist nahezu hundertprozentig eine männliche Aufgabe. Die Lust am Einkaufen ist bei den neuen Männern gegenüber ihren Vätern in die Höhe geschnellt, heute erweisen sich hier sowohl moderne A- wie D-Männer als echte Kavaliere (89/94 Prozent). Und wenn der Esstisch wackelt oder der Wasserhahn tropft, legt der Fachmann in über 90 Prozent der Fälle selber Hand an. Aber wehe, die Frau wagt sich zu nahe an das beste Stück des Mannes heran: sein Auto. Besonders die Deutschen hüten es wie Cerberus den Eingang zur Unterwelt und pflegen es fast immer selber (A: 89 Prozent, D: 99 Prozent): Nur Männer wissen, was Autos wünschen.
Im Gegensatz zum fahrenden Untersatz haben Frauen das Bügeleisen hervorragend im Griff. Darin sind sich A- und D-Männer einig – und halten respektvoll Abstand von dem dampfenden Falten-Killer. Doch in anderen Lebensbereichen gibt es zwischen deutschen und österreichischen Mannsleuten durchaus Unterschiede. Ein Blick auf die Gruppe der altbackenen Herren gibt Aufschluss: Die traditionellen Deutschen greifen fast schon routiniert zum Staubsauger (64 Prozent), während die Österreicher sich damit schwerer tun (54 Prozent). Bei den neuen Männern gibt es da einen gewaltigen Sprung in beiden Ländern: 89 beziehungsweise 82 Prozent rücken dem Teppich zu Leibe.
In den Garten gehen die alten Bayern und Preußen mit 83 Prozent wesentlich lieber, aller traditionellen Naturverbundenheit zum Trotz gründeln die Salzburger und Wiener nur zu 73 Prozent in der Erde. Wenn es aber darum geht, das gezüchtete Gemüse zu verwerten, holen die Bewohner der Alpenrepublik auf: Mehr als die Hälfte von ihnen greift zu Kochlöffel und Küchenschürze. In Deutschland sind es 41 Prozent. Auch die modernen Männer in Österreich halten den Vorsprung – mit 75 Prozent ist die Begeisterung für Basilikum und Bouillabaisse in Österreich ungebrochen, während der Mann nördlich von Kufstein sich erst langsam zum Kulinariker entwickelt: 67 Prozent.
Zu den beliebtesten väterlichen Pflichten zählt generationsübergreifend das Spielen mit den Kindern – mit deutlichen Zuwachsraten in beiden Ländern von rund der Hälfte auf drei Viertel spielbereiter Väter. Weit weniger Enthusiasmus hat Papa beim Üben von Schreiben und Rechnen. Zu zwei Dritteln muss die Mama erklären, wie das Einmaleins funktioniert.
Und wie steht’s im Ländervergleich? Wieder zuerst der Blick auf die Traditionellen: Wenn es darum geht, beim Schulfest in der ersten Reihe zu sitzen und bei Elternsprechtagen Lob oder Tadel zu hören, stehen die Deutschen ihren Mann. Dafür schrecken die Österreicher nicht vor vollen Windeln und wunden Kinderpopos zurück (18 Prozent). Die modernen Alpenländler treten stinkenden Pampers noch tapferer entgegen (39 Prozent), und sie beten häufiger mit ihren Kindern (17 Prozent). Anders die deutschen Newcomer: Sie fühlen sich mehr für die irdische Aufklärung des Nachwuchses verantwortlich – und führen ihn auf Spaziergängen durch die große weite Welt: 74 Prozent gegenüber 59 Prozent der österreichischen Väter.
„Die Beschäftigung mit Männern sollte sich aber nicht nur auf ihre Pflichten beschränken”, sagt der deutsche Soziologe Volz. „ Auch ihre Wünsche und Bedürfnisse sind wichtig.” Deshalb hat er seine Landsleute zu ihrer Traumfrau befragt: 61 Prozent der traditionellen Männer sind sicher, dass es sie gibt. Sie ist gefühlvoll – und steht ihrem Ehegatten immer hilfreich zur Seite. Intelligenz ist kein Muss, wichtiger ist die erotische Ausstrahlung.
Der neue Mann ist mit 58 Prozent etwas skeptischer, was die große Liebe betrifft und auch das Frauenideal hat sich geändert: Statt häuslicher Geschicklichkeit sind intellektuelle Fähigkeiten und Selbstständigkeit gefragt. Doch was Schönheit und Erotik betrifft, sind auch die modernen Gentlemen keine Kostverächter.
Männerforscher Volz ließ die Herren zudem aus dem Nähkästchen plaudern: Wie ist sie denn, die eigene Frau – im Vergleich zur weiblichen Allgemeinheit? Das Ergebnis: Der deutschen Mann lässt auf sein Ehegespons nichts kommen – während Frauen bei ihm in der Regel als eitel und unpünktlich gelten, steht die eigene Angetraute nur kurz vor dem Spiegel und lässt kaum auf sich warten.
Und eines ist sie ganz bestimmt, die eigene Frau: treu. Nur sieben Prozent der Männer trauen ihrer Partnerin einen beziehungstechnischen Fehltritt zu. Die österreichischen Männer wurden zu diesem Thema nicht befragt. ■
BETTINA GARTNER hat Geschichte in Salzburg studiert und arbeitet als freie Journalistin. Sie ist ständige Autorin in bild der wissenschaft.
Bettina Gartner
COMMUNITY LESEN
Paul M. Zulehner (Hrsg.)
MANNSBILDER
Ein Jahrzehnt Männerentwicklung
Schwabenverlag, Ostfildern 2003, € 25,–
Paul M. Zulehner, Rainer Volz
MÄNNER IM AUFBRUCH
Wie Deutschlands Männer sich selbst und wie Frauen sie sehen
Schwabenverlag, Ostfildern 1998
Das Buch ist vergriffen – Rainer Volz (volz@swi-ekd.de) stellt bei Nachfrage jedoch eine PDF-Datei zur Verfügung.
KONTAKT
Rainer Volz, Sozialwissenschaftliches Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland, Querenburger Höhe 294, 44801 Bochum
www.swi-ekd.de
Prof. Paul Zulehner
Institut für Pastoraltheologie Universität Wien, Maria-Theresien-Str. 3/25, A-1090 Wien
www.pastoral.univie.ac.at





