Rund 280 Millionen Menschen weltweit leiden an Depressionen. Viele Betroffene fühlen sich antriebslos und empfinden kaum noch Freude – auch nicht am Essen. Häufig geht die Erkrankung daher mit Veränderungen des Körpergewichts einher. „Manche Personen verspüren keinerlei Appetit mehr, vernachlässigen die Nahrungsaufnahme und nehmen ab, andere hingegen essen mehr und nehmen zu“, erklärt ein Forschungsteam um Lilly Thurn von der Universität Bonn. Unklar war allerdings bisher, inwieweit sich neben der verzehrten Nahrungsmenge auch die Vorlieben für bestimmte Lebensmittel verändern.
Kohlenhydrate bevorzugt
Um diese Frage zu klären, haben Thurn und ihr Team 54 depressive und 63 gesunde Personen zu ihrem Verlangen nach verschiedenen Nahrungsmitteln befragt. Dazu präsentierten sie den Teilnehmenden Bilder von Süßigkeiten, Früchten, Pizza, Pommes und Co. und fragten jeweils, wie gerne die Personen das jeweilige Lebensmittel mochten und wie viel Verlangen danach sie verspürten. Die jeweils angegebenen Präferenzen setzten die Forschenden in Beziehung zum Gehalt der Lebensmittel an Fett, Kohlenhydraten und Proteinen.
Dabei stellten Thurn und ihr Team deutliche Unterschiede zwischen depressiven und gesunden Teilnehmenden fest: Depressive Menschen hatten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen weniger Lust auf fett- und proteinreiche Nahrung und bevorzugten stattdessen verstärkt kohlenhydratreiche Lebensmittel wie Süßigkeiten. Auch Produkte, die viele Kohlenhydrate und Fett zugleich enthielten, rangierten auf der Beliebtheitsskala bei Depressiven weit oben. Zur Überraschung der Forschenden war das Verlangen nach kohlenhydratreichen Lebensmitteln unabhängig vom Appetit. „Tatsächlich hängt der Hunger nach Kohlenhydraten eher mit der allgemeinen Schwere der Depression, besonders der Angstsymptomatik zusammen“, berichtet Thurn. Eine Behandlung mit Anti-Depressiva hatte dem Forschungsteam zufolge aber keinen signifikanten Einfluss auf die Essensvorlieben.
Verbindung von Darm und Gehirn
Aus Sicht der Forschenden könnten diese Ergebnisse neue Perspektiven für die Therapie bei Depressionen eröffnen. Denn schon länger ist bekannt, dass die Ernährung auch die Stimmung beeinflussen kann. „Da kohlenhydrathaltige Lebensmittel die Belohnungsantwort im Gehirn über andere Signalwege steuern als fett- und proteinreiche Lebensmittel, könnte man daraus möglicherweise bessere Behandlungsansätze ableiten“, sagt Thurns Kollege Nils Kroemer. Auf Basis der bisherigen Studienlage halten es die Forschenden allerdings nicht für empfehlenswert, wenn Depressive versuchen, ihren Kohlenhydratkonsum zu verringern: „Solche Interventionen haben in bisherigen Studien keinen antidepressiven Effekt gezeigt und scheinen eher Angstsymptome zu verstärken“, erklärt das Team.





