Schädelformen, Zahnstrukturen und Skelettmerkmale: Wissenschaftler waren lange auf die Untersuchung äußerer Eigenschaften von Fossilien beschränkt, um Informationen über die Vertreter des menschlichen Stammbaums zu gewinnen. Doch das hat sich mittlerweile deutlich geändert: Die Genetik avancierte in den letzten Jahren zunehmend zu einem wichtigen Werkzeug in der Anthropologie. Möglich wurde dies durch die erstaunliche Haltbarkeit von genetischem Material: In manchen Fällen ist es möglich, aus jahrtausendealten Fossilien DNA zu gewinnen, die für Vergleiche genutzt werden kann. Bei den Erkenntnissen zum Denisova-Menschen handelt es sich weitgehend um solche Ergebnisse aus dem Genlabor.
Von dieser Menschenform zeugten lange nur ein kleiner Knochen und drei Zähne. Wie zuvor beim Neandertaler war es den Forschern allerdings gelungen, den Funden genetische Informationen zu entlocken. Vergleiche ergaben anschließend, dass die Überreste von einer bis dahin unbekannten archaischen Menschenform stammen, die offenbar parallel zum Neandertaler und dem modernen Menschen existierte. Die Forscher nannten sie nach dem ersten Fundort, einer Höhle im russischen Altai-Gebirge, Denisova-Mensch. Dass diese Menschenform einst weit verbreitet war, belegte dann kürzlich ein weiterer Fund: Es handelt sich um einen Unterkiefer aus dem Himalaja-Gebiet.
Dem geheimnisvollen Urahn auf der Spur
Man nimmt an, dass sich die Entwicklungslinien der Denisovaner und der Neandertaler vor 390.000 bis 440.000 Jahren trennten. Beide gehen wiederum auf einen gemeinsamen Vorfahren mit dem modernen Menschen zurück, der vor etwa 520.000 bis 630.000 Jahren existiert hat. Studien der letzten Jahre haben verdeutlicht, dass sich die drei Menschenformen später wieder kreuzten: Als der moderne Mensch Afrika verließ, vermischte er sich demnach mit dem Neandertaler und dem Denisova-Menschen. Erbgutvergleichen zufolge tragen deshalb Bevölkerungsgruppen in Ostasien und Ozeanien sowie die australischen Ureinwohner genetisches Erbe der Denisovaner in sich.
Doch bisher blieb diese archaische Menschenform gesichtslos: Im Gegensatz zum Neandertaler war aufgrund der fehlenden Knochenfunde eine Rekonstruktion des Aussehens des Denisova-Menschen nicht möglich. Doch offenbar eröffnet auch in diesem Fall die moderne Genetik Möglichkeiten, wie die Studie der Forscher um David Gokhman von der Hebräischen Universität in Jerusalem zeigt. Die Schlussfolgerungen basieren dabei nicht auf Merkmalen der DNA-Sequenz, sondern auf den Mustern von Regelelementen auf bestimmten Genen, die sich ebenfalls in dem bekannten Denisova-Erbgut erhalten haben. Bei diesen sogenannten epigenetischen Faktoren handelt es sich um Schalter-Moleküle (Methylgruppen), die auf der DNA sitzen und bestimmen, ob eine Erbanlage ein- oder ausgeschaltet vorliegt beziehungsweise, wie aktiv sie ist.





