In Deutschland gibt es etwa 3500 Musiktherapeuten, die in eigener Praxis oder an Kliniken auf die heilsame Wirkung von Tönen, Rhythmen und Melodien setzen. Dass diese fast unbekannte medizinische Richtung nichts mit Esoterik zu tun hat, beweisen die Forschungsaktivitäten des Deutschen Zentrums für Musiktherapieforschung (DZM) in Heidelberg. Hier wird seit 1995 die wissenschaftliche Basis für den Einsatz der heilenden Töne gelegt. So hat das Team um den Gründer und Leiter des DZM, den Psychotherapeuten Hans Volker Bolay, unter anderem die Wirksamkeit der Musiktherapie bei Herzrhythmusstörungen, Migräne und in der Rehabilitation von Schlaganfall-Patienten untersucht. Gerade abgeschlossen ist eine Studie mit Tinnitus-Patienten. „ Unser musiktherapeutisches Konzept schnitt deutlich erfolgreicher ab als alle anderen etablierten Therapieverfahren gegen die chronischen Ohrgeräusche”, berichtet Bolay. Bereits nach fünf Tagen hatten sich die Beschwerden bei 80 Prozent der Teilnehmer deutlich gebessert. Chronische Tinnitustöne entstehen fast nie im Ohr, sie beruhen meist auf einer Fehlschaltung im Gehirn. Sie steigern sich in emotional belastenden Situationen, beispielsweise bei Stress oder Ängsten. Gelingt es, die Aufmerksamkeit des Patienten von ihnen abzulenken, empfindet er sie als weniger störend – ein ideales Einsatzgebiet für die Musiktherapie. Denn beim Tinnitus sind dieselben Gehirnzentren aktiv wie beim intensiven Musikhören. Mit Musik lassen sich außerdem Emotionen, Aufmerksamkeit und die Leistungsfähigkeit des Gehirns gezielt beeinflussen.
„An einem Sinusgenerator erzeugen wir zunächst den indivi- duellen Tinnituston des Patienten”, erklärt Hans Volker Bolay. Anschließend macht der Patient instrumentenbegleitete Stimmübungen: Er singt seinen Tinnituston und dessen Nachbartöne. Die Übungen dienen dazu, den Störton wieder in den normalen Hörprozess zu integrieren. Die Patienten sollen „Freundschaft” mit ihrem Ton schließen. Tatsächlich empfinden viele ihn danach als deutlich weniger störend. Verstärkt wird der Effekt durch ein von Musik unterstütztes Entspannungstraining. Ergebnis: Die Patienten „verlernen” ihren Tinnitus. Er ist nicht mehr unbewusst mit Ängsten und negativen Emotionen verbunden, sondern mit angenehmen musikalischen Reizen. Die Patienten können den Tinnitus gezielt ausblenden und ihre Aufmerksamkeit auf anderes lenken.
Den Forschern am DZM ist es sogar gelungen, ihren Behandlungserfolg sichtbar zu machen. Spezielle Kernspin-Aufnahmen zeigen vor der Musiktherapie Aktivitäten im Hörzentrum, die später nicht mehr nachweisbar sind. Das ist ein Beleg dafür, dass sich durch die Musiktherapie die Nervenbahnen neu geordnet und umorganisiert haben. Dadurch erklärt sich der Langzeiterfolg: Sechs Monate nach Ende der Therapie waren bei den meisten Patienten die Ohrgeräusche noch immer stumm.
Bisher ist die Musiktherapie nur beim sogenannten tonalen Tinnitus, zum Beispiel einem Pfeifton, wissenschaftlich erprobt. Doch eine Studie zum Rausch-Tinnitus, einem Rauschen im Ohr, ist am DZM bereits angelaufen. Dr. Ulrich Fricke
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