Herr Prof. Reinhardt, können die Amerikaner stolz sein auf ihr Gesundheitswesen?
Nein. Die Krankenhäuser sind zwar im Allgemeinen gut ausgestattet, sauber und patientenfreundlich. Doch das Finanzierungssystem ist furchtbar. Die Hälfte der Amerikaner hat ein Einkommen von weniger als 50 000 US-Dollar im Jahr, 25 Prozent stehen sogar weniger als 25 000 US-Dollar zur Verfügung. Das heißt: Jeder Zweite kann die durchschnittlichen Gesundheitskosten nicht selbst tragen. Der Gesundheitssektor ist sehr gewinnorientiert.
Wie äußert sich das?
Ich musste vor Kurzem für eine Krankenwagenfahrt die horrende Summe von 2382 US-Dollar bezahlen. Der Wagen hatte mich lediglich zwei Straßenzüge weit transportiert. Den Preis erfuhr ich erst, als die Rechnung kam.
Ich lebe im kalifornischen San José. Neulich forderte mich ein Krankenhaus auf, Geld zu spenden – aufgrund von „Obamacare” könne es sich nicht mehr finanzieren.
Das ist totaler Quatsch. Krankenhäuser halten immer die Hand auf, vor allem in reichen Gegenden wie dem Silicon Valley. Gemeinnützige Krankenhäuser zahlen außer Grundsteuern keine Steuern, bei profitorientierten Kliniken beträgt die Steuer 35 Prozent auf alle Gewinne. Da bleibt vor allem bei den gemeinnützigen Kliniken viel übrig, etwa hier in Boston bei dem Klinikverband Partners Group: Die machen pro Jahr 600 Millionen US-Dollar Profit.
Wie ist es moralisch zu vertreten, dass der Chef des MD-Anderson-Krebszentrums 1,8 Millionen US-Dollar im Jahr verdient?
Gar nicht! Doch in Amerika geht das. Es ist ein gängiges Geschäftsmodell, so viel Geld wie möglich aus der Gesellschaft herauszusaugen. Dagegen sollten sich die Versicherungen und Patienten vehement wehren. Natürlich sagen die Krankenhäuser, dass sie von dem Geld neue Krebszentren bauen und es ihren Patienten auf diese Weise zurückgeben. Aber am Ende kann sich das niemand mehr leisten. Der Profit von heute wird zu den Kosten von morgen.
Wer bestimmt, welche Preise für medizinische Leistungen abgerechnet werden?
Das machen die Anbieter selbst. In Kalifornien bezahlen Sie für eine Röntgenaufnahme je nach Krankenhaus zwischen 83 und 1500 US-Dollar! Die von der Regierung getragenen Versicherungsprogramme wie Medicare und Medicaid zahlen diese Listenpreise nicht, sondern einen viel geringeren Betrag. Nichtversicherte hingegen müssen den überzogenen Listenpreis zahlen. Der Patient erfährt die Kosten erst nach der Behandlung. Stellen Sie sich vor, Sie liegen im Krankenhaus und werden gefragt, ob Sie eine Kopfschmerztablette möchten – und später wird diese dann mit 50 US-Dollar abgerechnet.
Warum gelingt es nicht, faire, einheitliche Preise einzuführen?
Das hat man in den 1970er-Jahren versucht, ist aber gescheitert. Die Krankenhäuser haben sich beschwert: Mit festen Tarifen könnten sie nicht genug Gewinne einfahren. Einzig im Bundesstaat Maryland gelten einheitliche Preise. Die Krankenhäuser argumentieren, sie würden arme, unversicherte Patienten umsonst behandeln und müssten daher die Kosten auf die Zahlenden umwälzen. Das ist zum Teil auch richtig, allerdings wird dieses Argument zur Abwehr jeglicher Kritik missbraucht.
Was halten Sie von der Gesundheitsreform „ Obamacare”?
Ich finde es gut, dass wir uns jetzt alle eine Versicherung aussuchen können, ohne unsere gesamte Krankengeschichte preisgeben zu müssen. Mein Immigrantengehirn hat jedoch mit dem derzeitigen amerikanischen System ein Problem: Warum können wir nicht dafür sorgen, dass alle Menschen einen gleichermaßen guten Zugang zu medizinischen Leistungen haben?
Ihre Prognose: Wird sich das Gesundheitswesen in den USA in den nächsten zehn Jahren verbessern?
Ich bin überzeugt, dass es ein Versorgungssystem nach Einkommen geben wird, also ein System für Arme, eines für Arbeitnehmer der Mittelschicht und ein „Healthcare Disneyland” für die Reichen. Die Kosten werden stark variieren, aber auch die Qualität. •
Das Gespräch führte Désirée Karge





