Haben Sie heute schon gegrübelt, Frau Solominski?
Natürlich. Die Russen sind geborene Grübler. Was bleibt denn, wenn man keine Hilfe zu erwarten hat? Ich glaube, dass alles, was mit Selbstauseinandersetzung zu tun hat, in Russland anders läuft als in der westlichen Welt.
Warum?
Das Volk hat jahrhundertelang physisch und psychisch gelitten, bis ins späte 20. Jahrhundert. Im Gegensatz zu westeuropäischen Ländern oder den USA, wo nach dem Zweiten Weltkrieg individuelles Leid mit Psychologen aufgearbeitet wurde, hat es das bei uns nie gegeben. So blieb jeder auf sich alleine gestellt.
Wenngleich es doch in jüngster Zeit andere Strömungen gab …
Das stimmt, etwa zu Zeiten der Perestroika. Wenn man ein Problem hatte, mussten Nachbarn, Freunde oder Kollegen herhalten. Mit denen trank man dann noch mehr als sonst. Diese gemeinsame „ Litanei” dauerte manchmal einen ganzen Tag. Doch das ist seltener geworden.
Wegen der zunehmenden Individualisierung der kapitalistischen Gesellschaft?
Ja, die junge Generation ist in diesen Dingen zurückhaltender. Hinzu kommt ein neues für Russland typisches Phä-nomen: Viele Menschen übernehmen bei Problemen stereotype Lösungen, die ihnen in den Medien vorgegaukelt werden. Nach dem Motto: Der Typ im Fernsehen ist damit durchgekommen, darüber brauche ich gar nicht mehr lange nachzudenken.





