Die Heilbronner Neckarinsel, nur einen kurzen Fußmarsch vom Hauptbahnhof entfernt, ist ein idyllisches Fleckchen. Historische Schleusenanlagen rosten vor sich hin, zwischen alten Bäumen kann man im Freien Bier trinken. Und bis zum Mai 2008 lag dort ein altes Speichergebäude für Ölsaaten, der Hagenbucher, im Dornröschenschlaf. Ausgeträumt: In anderthalb Jahren Bauzeit ist auf der Neckarinsel etwas spektakulär Neues entstanden, das größte Science Center seiner Art in Süddeutschland, die experimenta. Der sechsstöckige Klinkerbau des Hagenbuchers hat einen Bruder bekommen: einen Vorbau, ebenfalls in Klinker-Braun, der die Gesamtfläche des Gebäudes auf 7500 Quadratmeter erweitert. Platz genug für die Dauerausstellungen auf 2300 Quadratmetern, aber auch für Sonderausstellungen, Veranstaltungsräume, Bereiche mit Werkstattcharakter und Laboratorien. Platz genug zum Lernen für Jung und Alt. „Wir erwarten über 100 000 Besucher im Jahr”, sagt Wolfgang Hansch, der Geschäftsführer der neuen Lern- und Erlebniswelt. Bis zu 600 gleichzeitig passen rein. Trotz der Beschränkungen, die die Nutzung eines alten Baukörpers mit sich bringt, haben die Hochbauer der Stadt Heilbronn und die Architekten von studioinges, Berlin, etwas Markantes auf die Neckarinsel gestellt: eine aufgeschnittene Riesen-Kiwi. Denn zwischen den beiden Klinkerbauten lässt ein gläsernes Treppenhaus Licht ins Gebäude dringen, während die hellgrüne Wandfarbe der Fuge nach außen leuchtet. Bereits im Eingangsbereich des Gebäudes merkt man, dass auch innen viel Wert auf Gestaltung gelegt wird: „ Farben sind wichtig für die Orientierung”, sagt Stefanie Schröder von Petri & Tiemann, der Firma, die das „Universum” in Bremen betreibt und das Gesamtkonzept des Heilbronner Science Centers entwickelt hat. Jede der vier Themenwelten der experimenta hat ihre eigene Leitfarbe.
MIT BARCODE AUF TALENTSUCHE
Was erwartet den neugierigen Besucher? Zunächst ein Einführungsfilm. Der erklärt den Gästen, dass sie in der experimenta nicht nur rund 150 interaktive Exponate ausprobieren (siehe die Reportage „Per Fahrrad, Segelboot und fliegenden Teppich”), sondern auch ihr höchstpersönliches Talent entdecken können. Das ist eine echte Besonderheit des Heilbronner Konzepts: Der Besucher erhält beim Eintritt ein Armband mit Barcode, mit dem er sich an ausgewählten Exponaten einloggen kann. Die Ergebnisse an diesen Stationen werden aufgezeichnet. Bin ich gut in Mathematik? Kann ich technisch zeichnen? Bin ich doch nicht so unmusikalisch wie mein Opa meint? Ein Computerprogramm, das in Zusammenarbeit mit einer Psychologin des Zentrums für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm entwickelt wurde, wertet die Ergebnisse aus und vergleicht sie mit denen einer gleichaltrigen Kontrollgruppe. „Du bist im Konstruieren so gut wie die 10 Prozent Besten in deinem Alter”, kann dann die Rückmeldung lauten.
Auch ohne Barcode kann sich der Besucher in vier Themenwelten stürzen: Im „E-Werk” im ersten Obergeschoss geht es um die Energie – woher sie kommt, wie sie umgewandelt und im Haushalt genutzt wird. Ein Thema, das für Heilbronn aus historischen Gründen wichtig ist, schließlich hat der Heilbronner Robert Mayer den Energieerhaltungssatz formuliert (siehe den Beitrag: „Tüftler und Weltmarktführer”). „Energie ist aber auch ein Zukunftsthema”, betont Schröder. Im zweiten Stock, in der „Werkstatt”, dreht sich alles um Technik: Kein Wunder, sind doch Automobilbau, Robotik und generell das Erfinden und Tüfteln Stärken der Menschen in der Region. Die nächste Etage lockt mit einem „Netzwerk” von Exponaten rund um die Kommunikation. Schließlich landet man im vierten Stock, dem „Spielwerk”, wo man Körper und Geist bei Sport, Gesellschafts- und Knobelspielen sowie musikalischen Aufgaben erproben kann.
EIN LEUCHTENDER SONNENBALL
Alle vier Themenwelten sind professionell inszeniert: Kulissenbauer haben ihr Bestes gegeben, um die Besucher sinnvoll von Station zu Station zu leiten und gleichzeitig eine „ Wohlfühlatmosphäre” zu schaffen, wie Stefanie Schröder sagt. Eine richtige Wohnung mit Fernseher, Kühlschrank und Küchenherd stimmt zum Beispiel im E-Werk auf das Thema Energieverbrauch ein, ein begehbarer leuchtender Sonnenball auf die Solarenergie. „ Emotionen wecken die Lust am Lernen”, erklärt Schröder. Und Hansch bekräftigt, dass man sich bewusst gegen ein allzu puristisches Konzept entschieden hat, welches das nackte naturwissenschaftliche Phänomen in den Mittelpunkt stellt. „Wir haben die beiden Erfolgskonzepte Interaktion und Inszenierung verbunden”, sagt er, „und glauben, dass wir so besonders Kinder, Jugendliche und Familien ansprechen werden.”
Doch das ist noch lange nicht alles. Denn nachdem die Auswertung am Computer ein möglicherweise verborgenes Talent an den Tag gefördert hat, kann der Besucher es unmittelbar „ schmieden”: In sieben Räumen locken jeweils eine Auto-, Robo- und Texterschmiede, eine Experimentier- und Musikschmiede, eine Kontakt- und eine Filmschmiede zu vertiefenden Aktivitäten. Die Ausstattung der „Talentschmieden” ist üppig: So verfügt die Filmschmiede neben Kameras über einen Bluescreen (mit dem man in eine Videoaufnahme nachträglich einen Hintergrund einfügen kann), eine Verkleide-Ecke mit Requisiten und einen Schnittplatz für künftige Regisseure. Der von weither angereiste Wochenendgast kann damit leicht einen Tag füllen (siehe „Per Fahrrad, Segelboot und fliegenden Teppich”).
Schulklassen aus der Region samt ihren Lehrerinnen und Lehrern winkt aber noch ein weiterer Superlativ: die „akademie junger forscher” mit fünf pädagogisch betreuten Experimental-Laboren. Da gibt es Angebote für jede Altersgruppe: Vom Kindergartenkind bis zum „Jugend-forscht”-Teilnehmer kann hier jeder wissenschaftlich arbeiten. „Die experimenta wird das Science Center mit dem besten Labor-Angebot in Deutschland sein”, sagt Thomas Wendt, der pädagogische Leiter. Das gesamte naturwissenschaftliche Themenspektrum – Biologie, Chemie, Physik – wird abgedeckt, Technik und Informatik kommen hinzu.
GERÄTE VOM FEINSTEN
Wendt ist hochzufrieden mit der modernen Labortechnik, bei der beispielsweise die Versorgungsleitungen in der abgehängten Decke verborgen sind, was eine flexible Arbeitsplatzgestaltung erlaubt. „Die Anschaffung der Geräte habe ich selbst in die Hand genommen” , erzählt Wendt, seit Februar 2009 an Bord. Unterstützt wurde er dabei von engagierten Lehrern und Hochschulprofessoren, etwa Gert Förster vom Kerner-Gymnasium Heilbronn und Ulrich Haas von der Universität Hohenheim, sowie von Harald Augenstein, bis 2008 Geschäftsführer der Akademie für Information und Management Heilbronn-Franken gGmbH. Wendt zählt auf, was alles installiert werden konnte: ein Rastertunnelmikroskop, ein kleiner Computertomograph, Analysetechnik für den genetischen Fingerabdruck, eine Wärmebildkamera, ein Gaschromatograph … Selbst naturwissenschaftlich ausgerichtete Gymnasien können von solch einer Ausstattung nur träumen. Als feste Mitarbeiter konnten eine Museumspädagogin, eine Ernährungswissenschaftlerin, ein Techniker und drei Lehrer mit Teilzeit-Deputaten gewonnen werden. Sie werden nicht nur Schulklassen betreuen, sondern auch Workshops und Ferienkurse für Jugendliche organisieren sowie Erzieherinnen und Lehrkräfte fortbilden. Auch an eine Zusammenarbeit mit Volkshochschulen und anderen Bildungsträgern für Erwachsene ist gedacht.
Wer den neuen Tempel der Erkenntnis auf der Heilbronner Neckarinsel betritt, wird kaum glauben, dass – nach jahrzehntelangen Diskussionen über die Nutzung des Hagenbuchers – sein Gelingen fast an ein Wunder grenzt. Die Akteure in und um Heilbronn zogen nicht immer an einem Strang, sie zogen an verschiedenen Strippen. Im Gemeinderat herrschte über die Frage, was aus dem alten Speichergebäude werden solle, alles andere als Einigkeit: Manche hätten in ihm statt eines Science Centers lieber einen Tempel der Kunst, ein Weinlokal oder eine Hülle für Lofts gesehen. Aber es gab auch Enthusiasten wie den Ingenieur und Windenergie-Experten Heiner Dörner. Der Universitätsdozent litt darunter, dass die naturwissenschaftliche Vorbildung seiner Stuttgarter Studenten immer mangelhafter wurde. Als Gegenmittel erarbeitete Dörner, Mitglied der Freien Wählervereinigung Heilbronn, von 1995 an auf eigene Faust drei unterschiedliche Konzepte für ein naturwissenschaftlich-technisches Museum auf der Neckarinsel und hielt das Thema am Kochen. Auch Peter Schweiker von der Industrie- und Handelskammer, Gründer einer Zukunftsinitiative „Faszination Technik” zur Gewinnung von Nachwuchs für die technischen Berufe, nimmt für sich in Anspruch: „Die Idee kam von uns.”
HEILBRONNS „MISTER SCIENCE CENTER”
Als „Mister Science Center” für Heilbronn, der die Fäden schließlich zusammenführte, entpuppte sich Wolfgang Hansch. Der habilitierte Geologe, der in Greifswald, Berlin und Freiberg/Sachsen studiert und unter anderem in England und den USA geforscht hat, kam Ende 1993 nach Heilbronn. Er leitete das naturhistorische Museum der Neckarstadt sehr erfolgreich: Seine Sonderausstellungen über Katastrophen der Erdgeschichte, über Bionik oder die Eiszeit zogen Besucherscharen an – bis zu 45 000 in gut drei Monaten. Obwohl Museumsmann, setzte Hansch dabei auf interaktive Inszenierungen, wie sie in Science Centern üblich sind, und wurde mit der Zeit zum unentbehrlichen Experten für die Science-Center-Fans in Gemeinderat und Stadtverwaltung.
Harry Mergel ist da zu nennen. Als SPD-Fraktionsvorsitzender unternahm er 1997 seinen ersten Anlauf und präsentierte dem Gemeinderat das Konzept für ein „Robert-Mayer-Energiemuseum” – durchgefallen. 2005 wurde Mergel Bürgermeister für Kultur, Soziales, Ordnung und Gesundheit. Gleich bei Amtsantritt kündigte der gelernte Lehrer an, ein „Zentrum zur Popularisierung der Naturwissenschaften” im Hagenbucher verwirklichen zu wollen – aus seiner Sicht ein bildungspolitisches Muss. Auf die skeptische Frage, wer das denn bezahlen solle, antwortete er: „Klar ist, dass sich ein solch ehrgeiziges Konzept nur durch eine Public-Private-Partnership realisieren lässt.”
Bereits ein Jahr später hatte Mergel im Verein mit Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach und der damaligen Ersten Bürgermeisterin Margret Mergen den Durchbruch geschafft: Neben verschiedenen Industrie-Partnern konnten sie die Dieter-Schwarz-Stiftung als Großsponsor für das neue Science Center gewinnen. Der Stifter selbst, Lidl- und Kaufland-Gründer Dieter Schwarz, fand Gefallen an dem Projekt. Er sagte nicht nur einen zweistelligen Millionenbatzen für den Aufbau zu, sondern erklärte sich auch bereit, den Betrieb auf Dauer finanziell zu unterstützen.
Bis dahin hatte man in Heilbronn an kleineren Brötchen geknetet: Eine erste Machbarkeitsstudie, erstellt 2006 vom Leiter der „Phänomenta” Flensburg, Achim Englert, umfasste 30 Seiten. Sie sah 7,5 Vollzeitstellen plus 400 000 Euro für den laufenden Betrieb eines bescheidenen Science Centers vor. Mittlerweile kann Hansch in anderen Dimensionen denken: Er kann 25 Vollzeitstellen besetzen und bei Bedarf noch Teilzeitkräfte und freie Mitarbeiter einstellen. „Die Dieter-Schwarz-Stiftung investiert damit in die Förderung junger und interessierter Menschen. Schließlich ist Bildung die Grundlage für eine gute Zukunft”, so begründet Klaus Czernuska, Geschäftsführer der Stiftung, das großzügige Engagement (siehe auch das Interview auf Seite 31).
BildUNGSOFFENSIVE UND TOURISTENZIEL
Inzwischen sind alle politischen Gräben zugeschüttet, aus Gegnern Fans geworden, und ganz Heilbronn fiebert der Eröffnung entgegen. Allen voran Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach, der Vorsitzende des experimenta-Aufsichtsrats: „Die experimenta wird ein attraktives Ausflugsziel sein, den Tourismus stärken und dabei vor allem Familien und Schulklassen anlocken”, verspricht er. „Unser Ziel ist, dass alle Klassen der Region die Lern- und Erlebniswelt mindestens einmal besuchen. 100 000 Besucher im Jahr wären toll, nach oben setzen wir uns natürlich keine Grenze.” Auch bild-der- wissenschaft-Leser werden unter den Gästen sein – das ist sicher. ■
von Judith Rauch





