GLAUBEN IST LEICHTER als denken. Dieses deutsche Sprichwort galt unlängst auch für Mitarbeiter der Columbia University in New York und für Redakteure des American Journal for Reproductive Medicine (JRM). Sie veröffentlichten 2001 eine Studie mit sensationellem Ergebnis: Frauen würden nach einer künstlichen Befruchtung häufiger schwanger, wenn man für sie betet. „Die Schwangerschaftsrate verdoppelt sich sogar”, behauptete Rogerio Lobo, der Leiter der Studie und Chef der Columbia-Gynäkologie.
„Wenn etwas so gut klingt, ist meistens etwas faul”, warnte allerdings schon damals Bruce Flamm, Gynäkologe an der University of California in Irvine. Lobo, dessen damaliger Kollege Kwang Cha sowie der Parapsychologe Daniel Wirth hatten die Untersuchung angeblich in einem Krankenhaus in Südkorea an 199 Patientinnen durchgeführt (bild der wissenschaft berichtete skeptisch in Ausgabe 2/2003, „Fürbitte mit Fernwirkung”). Weder die Ärzte noch die zufällig ausgewählten Patientinnen hätten von den Gebeten gewusst, die für sie gesprochen wurden. Die Betenden hätten lediglich Fotos der Frauen erhalten.
„Das Protokoll ist wissenschaftlich unschlüssig und weist grobe Fehler auf”, moniert Flamm. Seit Erscheinen der Publikation im JRM führt der Arzt einen „Kreuzzug der Wahrheit”. Zwei Jahre lang bombardierte er das Autorentrio, die Columbia University und das JRM mit Briefen und Telefonaten. Doch erst im Sommer 2004 verschwand die Online-Version der Publikation kommentarlos von den Webseiten der Universität und des JRM. Dann gab Lobo plötzlich zu, die Studie gar nicht gemacht zu haben. Er habe erst ein Jahr nach Abschluss der Arbeiten durch Cha davon erfahren und die Publikation nur redaktionell betreut. Im Herbst 2004 war die Publikation plötzlich wieder online – dieses Mal ohne Lobos Namen. Seitdem lehnt es der Gynäkologe ab, über die Studie zu sprechen.
Schweigen auch bei den anderen Autoren. „Cha verließ die Columbia University und pendelt seitdem zwischen Kliniken in Korea und Los Angeles”, sagt Flamm, der auch herausfand, dass Cha keine Zulassung als Arzt besitzt. Cha nahm erst in der Ausgabe des JRM vom November 2004 Stellung. Er verteidigte Inhalt und Protokoll der Studie, besonders die Arbeit von Co-Autor Daniel Wirth. Der kann Zuspruch gut gebrauchen, denn Wirth versteht anscheinend nicht nur etwas von heilender Energie, sondern auch von krimineller: Kurz nach Erscheinen der Studie wurde bekannt, dass er seit über 20 Jahren in finanzielle Betrügereien verwickelt ist. Wirth sitzt gerade eine fünfjährige Haftstrafe ab.
Immerhin: Seit Beginn 2005 distanziert sich die Columbia University von der Wunderstudie und von Cha. Und das JRM veröffentlichte jetzt erstmalig einen kritischen Artikel von Flamm auf seinen Online-Seiten. Ironischerweise werden auf der gleichen Internetseite neue „Peer Reviewer” gesucht, also Fachleute, die zur Veröffentlichung eingereichte Studien prüfen sollen.
Hierin liegt der eigentliche Skandal: Wie konnte das viel gepriesene amerikanische Peer-Review-System so massiv versagen? „ Leider kommen auch manche Wissenschaftler ins Schleudern, wenn sie das Wort ,Doppelblindstudie‘ in Verbindung mit ,heilenden Gebeten‘ hören”, vermutet Flamm. Glaube und Kirche hätten für viele Amerikaner eine wichtige soziale Funktion: „Da möchte man sich keine Feinde machen.”
Für Flamm geht der Kreuzzug weiter. Unterstützung erhofft er sich von einem öffentlichen Bekenntnis, das er gerade zusammen mit dem Dekan der Columbia Medical School entwirft. Die Universität will darin eine bedeutende Innovation verkünden: Dass sie künftig nur Forschung vertreten will, die sich auf wissenschaftliche Beweise stützt. Désirée Karge ■





