Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Die alten Fragen sind oft die großen neuen. Wohin wir gehen, wissen wir nicht – gleichwohl beschäftigt uns das ständig. Planen zu wollen ist ein Wesensmerkmal, das den Homo sapiens auszeichnet. Woher wir kommen, wissen wir besser – allerdings nur für unsere jüngere Vergangenheit. Wie sich die Gattung Homo in der Ordnung der Primaten entwickelt hat, ist nach wie vor nur nebulös bekannt. Vor acht Millionen Jahren könnte es nach Aussagen von Paläoanthropologen noch gemeinsame Vorfahren von Mensch und heute lebenden Menschenaffen gegeben haben. Hauptproblem ist die geringe Zahl von Funden früher Vorfahren. Unser gesamtes Wissen über die Entstehungsgeschichte des Menschen bis zum Aussterben des Neandertalers basiert auf rund 2500 Funden. „Weltweit gibt es mehr Hominidenforscher als Hominidenfunde”, erklärte Friedemann Schrenk, Deutschlands führender Paläoanthropologe, mir gegenüber bei einem Gespräch.
Doch jetzt ergeben sich neue Chancen, die Früh- und Vorgeschichte der Menschheit exakter zu rekonstruieren. Modernste technische Methoden haben auch in der evolutionären Erforschung der Menschheit Einzug gehalten. Mit welchem Erfolg, belegt die Arbeit von Johannes Krause. Der inzwischen 31-jährige Juniorprofessor erhielt Mitte 2009 ein Päckchen aus Nowosibirsk. Inhalt war ein 1,5 Zentimenter kurzes Endglied vom kleinen Finger eines Kindes. Das wanderte erst einmal in die Kühltruhe von Krauses damaligem Institut in Leipzig. Erst Monate später kam das Team dazu, aus dem Bohrmehl des Fingers Bausteine der Erbsubstanz zu analysieren – genauer gesagt: die DNA der Mitochondrien. Heraus kam ein Knaller: Die Materialprobe entlarvte eine nie zuvor beschriebene Menschenform! Der Denisova-Mensch war „geboren” – benannt nach der Denisova-Höhle in der sibirischen Altai-Region, wo man das Glied 2008 gefunden hatte. Unterdessen wurden auch zwei Backenzähne entdeckt, die sich Denisovanern zuschreiben lassen. Unser Titelbild zeigt eine fantasievolle Interpretation des Kopfes eines archaischen Menschen.
Klar ist: Denisovaner lebten zeitgleich mit Neandertalern und starben just aus, als moderne Menschen in ihr Verbreitungsgebiet in Asien eindrangen. Mehr noch: Von beiden archaischen Hominiden trägt Homo sapiens bis zu 7,5 Prozent im Erbgut. Detailgenau beschreibt mein Kollege Thorwald Ewe in der Titelgeschichte, wie der Denisova-Mensch enttarnt wurde. Und er recherchierte die spannenden Schlüsse, die Anthropologen gezogen haben. Ich wünsche Ihnen den gleichen Lesespaß, den ich bei den Artikeln hatte.




