Big Brother 2001 Mein 15jähriger Sohn ist ein Internetfreak. Er konzipiert eine Homepage um die andere, hat auch mich nicht davor verschont und will nun, daß ich einen Teil meines Seins vor der Weltöffentlichkeit des Internet preisgebe. Ich zögere. Doch er und seine Freunde sehen da kein Problem und verraten der Netzwelt eine ganze Menge über sich – ganz und gar freiwillig.
Anderswo verspürt man den Drang mancher Mitbürger, sich vor aller Öffentlichkeit auszubreiten, noch stärker. In Talkshows packen Frau und Mann ihre Beziehungsprobleme aus. Für Fernsehserien isolieren sich Menschen freiwillig vom Umfeld, um sich dann beim Tagtäglichen von Kameras beobachten zu lassen. Just zu einer Zeit, in der „Big Brother” als Begriff seine Bedrohung verliert und zu einer Groteske verkommt, ist es höchste Zeit, sich zu vergegenwärtigen, daß mehr Mißtrauen gegenüber den Segnungen der vernetzten Welt angebracht ist. So belegt Heinz Horeis, EDV-Experte und ständiger Autor von bild der wissenschaft im ersten Beitrag unserer Titelgeschichte eindrucksvoll, wie raffiniert Spezialisten vorgehen, um Computernutzer auszuspionieren. Er berichtet über Schmutzwühler, die um eine Handvoll Dollar für ihre Auftraggeber alles zusammentragen, was ein Zielkunde im Netz hinterlassen hat. Prächtige (Verdienst-)Möglichkeiten offenbar für alle, die sich darauf kapriziert haben, Persönlichkeitsprofile zu erstellen oder Personendossiers anzulegen.
In einem weiteren Beitrag zu „Big Brother 2001″ bezieht Prof. Hubert Markl, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft – bekannt wortgewandt und dabei auch bemerkenswert wortgewaltig – Stellung zur öffentlichen Entblößungswut. Markl rät zur „Selbstbestimmung und darauf folgendes Recht auf Widerstand gegen schrankenlose Ausforschung”, um unsere Freiheit und Würde auf unberührtes Privatleben zu wahren.
Wolfgang Hess




