Seit einiger Zeit hat sich meine Frau genau wie ihre Freundinnen der Esoterik verschrieben und lehnt jede Schulwissenschaft ab. Als ich neulich unter starken Kopfschmerzen litt, gab sie mir dagegen nicht Paracetamol-Tabletten, sondern behandelte sie mit einem Amulett aus Rosenquarz, das ich einige Zeit direkt auf der Haut tragen sollte. Tatsächlich waren meine Kopfschmerzen nach zwei Tagen verschwunden. Am Samstag beim Frühstück sagte meine Frau: „Heute Nachmittag hält Dr. Gregorovius in der Aula der Grundschule einen Vortrag über Agrippa von Nettesheim und sein Buch ‚De occulta philosophia‘. Ich würde mich freuen, wenn du mitkämst.” Ich seufzte innerlich. Doch an den letzten drei Samstagen war ich mit ein paar Nachbarn zu Bundesligaspielen gefahren, deshalb konnte ich meiner Frau den Wunsch schlecht abschlagen und sagte ergeben: „Ja, gerne.” Die Aula war brechend voll, und wir fanden nur noch einen Platz in der letzten Reihe. Dr. Gregorovius war ein verhutzeltes Männlein mit einer überraschend tiefen und lauten Stimme. Er erzählte, dass Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim, der 1486 in Köln geboren wurde, einer der bedeutendsten Universalgelehrten der Renaissance war. Im Alter von nur 23 Jahren verfasste er sein dreibändiges Hauptwerk über Astrologie, Kabbala, Mantik, Evokationsmagie, Angelologie, Amulette, Talismanzauber und heilige Magie mit dem Titel „De occulta philosophia”. „Agrippa war der Erste, der erkannte, dass die magischen Quadrate mit den sieben Planeten mystisch verbunden sind”, sagte Dr. Gregorovius. Das Männlein hielt einige Kettchen mit Anhängern in die Höhe. „ Sie können gern nach meinem Vortrag Planetenamulette mit magischen Quadraten bei mir kaufen.” Dann räusperte er sich und fuhr fort: „In der Bibliothek der Universität Heidelberg hat man vor einigen Jahren in einen Band der ‚De occulta philosophia‘, der vermutlich Agrippa selbst gehört hatte, bei dem Kapitel über die magischen Quadrate eine seltsame Randzeichnung gefunden. In den Feldern eines drei Zeilen und drei Spalten umfassenden Quadrats stehen neun verschiedene Zahlen und darunter, jeweils durch einen kurzen Querstrich getrennt, die Symbole einiger Planeten.” Gregorovius projizierte das Quadrat an die Wand und begann mit einer ebenso wortreichen wie abstrusen Erklärung der astrologischen Bedeutung dieser Figur. „Kann es sich nicht einfach um ein magisches Quadrat mit Brüchen handeln, und die Planetensymbole sind verschlüsselt dargestellte Nenner?”, unterbrach ich laut seinen Wortfluss. Die Zuhörer vor mir drehten sich um und sahen mich missbilligend an. „Pssst!”, zischte meine Frau. Das Männlein würdigte mich keiner Antwort. Da sah ich, wie meine Frau auf dem Rand des Programms anfing zu rechnen. „Du könntest recht haben”, flüsterte sie ein paar Minuten später. „ Wenn ich einmal annehme, dass die Planetensymbole für positive ganze Zahlen stehen, lassen sich tatsächlich magische Quadrate finden.” Bei einem magischen Quadrat ist die Summe der Zahlen in den drei Zeilen, den drei Spalten und den beiden Diagonalen immer gleich groß. Diese Summe wird als die magische Konstante des Quadrats bezeichnet. Wenn sich die neun Brüche in Agrippas Quadrat nicht kürzen lassen und gleiche Symbole gleiche Nenner und verschiedene Symbole verschiedene Nenner bedeuten, welchen Wert hat dann die größtmögliche magische Konstante?
So machen Sie diesen Monat mit
Teilnehmen kann jeder, außer den Mitarbeitern des Verlags und deren Angehörigen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Schicken Sie bitte Ihre Lösung (ausschließlich!) auf einer Postkarte bis zum 30. April 2012 an:
bild der wissenschaft, Kennwort „Cogito 4|12″
Ernst-Mey-Str. 8, 70771 Leinfelden-Echterdingen
Die Lösung und die Namen der Gewinner werden im Juli-Heft 2012 auf der Leserbrief-Seite veröffentlicht.
Das gibt es zu gewinnen
Unter den Einsendern der richtigen Lösung werden fünf Bücher ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Zu gewinnen gibt es das Buch „Warum können Elefanten nicht hüpfen? Und 111 weitere Fragen an die Wissenschaft”. Die von dem britischen Wissenschaftsjournalisten Mick O’Hare herausgegebene Sammlung bietet einen kurzweiligen Einblick zu Wissenschaftsthemen des Alltags: Essen und Trinken, unser Körper, Haushalt, Pflanzen und Tiere, Wetterkapriolen und Transportprobleme. Übrigens: Auf manche Fragen gibt es noch keine Antworten, auf andere dagegen gleich mehrere. Weitere Informationen finden Sie im Internet: www.fischerverlage.de




