Beim Basler „Reinkarnations-Kongreß” berichtete der Schweizer Hans Fickler jüngst von einem seiner Erinnerungsträume: Er ging von Bord eines Schiffs und übernachtete in einem Matrosenheim in einem Ort, an dem er noch nie gewesen war.
Als er kurz nach dem detailreichen Traum zwei Norddeutsche traf, zeichnete er eine Ansicht der geträumten Stadt. So müsse es früher am Lübecker Hafen ausgesehen haben, meinten die Nordlichter. Der Schweizer fuhr hin. Er fand das Matrosenheim, stellte aber fest, daß seine Skizze nicht mit der Lage des Hauses übereinstimmte. Von einem Pastor erfuhr er, das Matrosenheim sei verlegt worden. Die Zeichnung gebe die Perspektive aus der Zeit um 1700 wieder, als das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite gestanden habe. Für Fickler der Beweis, daß er um diese Zeit schon einmal gelebt habe.
Solche „Erfahrungen” werden von den Anhängern der Seelenwanderung (Reinkarnation heißt wörtlich „ Wieder-ins-Fleisch-kommen”) gern ins Feld geführt. Sogenannte Rückführungstherapeuten versprechen gar Reisen in frühere Leben. Einen stichhaltigen, wissenschaftlichen Beweis für das Phänomen gibt es nicht. Reinkarnation, Wiederauferstehung oder unwiderrufliches Ende der menschlichen Existenz – das, was nach dem Tod kommt, bleibt eine Glaubensfrage.
Mehrere Untersuchungen belegen jedoch: Noch nie faszinierte die Vorstellung von der Wiedergeburt in westlichen Industrieländern so viele Menschen wie heute. In Deutschland glaubt ein Fünftel bis ein Viertel der Bevölkerung an Reinkarnation. In der Schweiz ist es laut einer Studie des Instituts für Sozialethik in Lausanne sogar fast ein Drittel. Und: Bei den Gläubigen handelt es sich in der Mehrheit nicht um Hoffnungslose oder Verwirrte, sondern vielfach um gebildete Menschen mittleren Alters mit gesichertem Einkommen.
Wie konnte sich eine ursprünglich aus dem Hinduismus stammende Vorstellung im christlich geprägten Abendland so ausbreiten? Mit dieser Frage beschäftigt sich Dr. Rüdiger Sachau, Theologe an der Evangelischen Akademie Nordelbien in Bad Segeberg, seit Jahren. Er hat Tausende Bände esoterischer Literatur durchgearbeitet, mit Hunderten Anhängern gesprochen, die Geschichte des Reinkarnationsgedankens verfolgt. Sein Fazit: Die moderne Variante der Seelenwanderungsidee ist die Antwort auf die Probleme der hochindividualisierten Gesellschaft. Mit den asiatischen Ursprüngen hat sie wenig zu tun.
Die Reinkarnationslehre taucht schriftlich zum ersten Mal im Jahr 800 vor unserer Zeitrechnung in den „Upanishaden” auf, einem grundlegenden Werk des Hinduismus. Der Buddhismus, der als Abspaltung einige Jahrhunderte später entstand, nahm die Idee auf. Demnach sucht die Seele sich nach dem Tode einen neuen Körper und lebt dort weiter. Der Zyklus der Wiedergeburt wiederholt sich immer und immer wieder.
In Gang gehalten wird der Kreislauf von einer Kraft namens „ Karma”, was wörtlich übersetzt „die Tat” bedeutet, aber auch „die Frucht, die einer Tat entwächst”. Wer Gutes tut, wird im nächsten Leben belohnt, wer Schuld auf sich lädt, bestraft. Die Buchhaltung ist streng, nichts wird vergeben oder vergessen. Der Dalai Lama schreibt: „Um Buddhaschaft zu erlangen, muß man während zahlloser Weltzeitalter unermeßlichen Verdienst ansammeln und die zahllosen Fehler bereinigen.”
Die Vorstellung, viele Male zu leben, ist weder im Buddhismus noch im Hinduismus etwas Positives. Erlösung heißt für beide Religionen gerade, aus dem ewigen Rad der Wiedergeburten zu entkommen. Diese Kernidee ging bei der Ideenwanderung gen Westen verloren: Was im Osten eine Last ist, wird hierzulande zur Lust.
Als einer der ersten neuzeitlichen Denker griff Lessing die asiatische Lehre auf. Er formulierte in seiner „Erziehung des Menschengeschlechts” die wesentlichen Elemente eines aufgeklärten Reinkarnationsmodells. Danach bieten mehrere Leben die Chance, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, sich zu immer größerer Vollkommenheit zu entwickeln. Eine Vorstellung, die auch in Rudolf Steiners Gedankengebäude der Anthroposophie einging.
Populär wurde die Idee von der Seelenwanderung in den vergangenen Jahrzehnten, wozu unter anderem die prominente amerikanische Schauspielerin Shirley McLaine beitrug, die ganze sieben autobiographische Bücher über ihre Reinkarnations-Erfahrungen schrieb. Zu den einflußreichen Propheten zählen außerdem die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross und der „Reinkarnations-therapeut” Thorwald Dethlefsen.
Mittlerweile füllen Bücher über das Thema Bibliotheken. „Vor 20 Jahren war Reinkarnation noch eine Sache esoterischer Zirkel”, so Sachau, „heute ist der Begriff Allgemeingut.” Literatur, Film, Fernsehen und nicht zuletzt die Werbung spielen mit der Idee.
Nach Sachaus Untersuchungen gibt es gute Gründe für die Popularität dieser Vorstellung. Zum einen tröstet die Hoffnung, nach dem Tod noch einmal neu anfangen zu können, in Krisen. Reinkarnation ist das Versprechen, die individuelle Existenz zu erhalten: eine für viele offenbar angenehmere Vorstellung als der christliche, deutlich abstraktere Glaube an Wiederauferstehung im Irgendwann. Zum anderen versöhnt das Wissen um weitere Chancen mit der Erfahrung vieler, daß ein Leben viel zu kurz ist, um alle Möglichkeiten auszuschöpfen.
Die westlich gewendete Vorstellung von Seelenwanderung und Karma ist Ausdruck einer pragmatischen, vom Unerklärlichen befreiten Religiosität. Alles fügt sich, es gibt keinen Zufall, nichts Unerklärliches; das Leben vor und nach dem Tod unterscheidet sich nicht wesentlich. Sachau: „Der Reinkarnationsgedanke paßt zur ‚Generation Golf‘. Die Idee, individuelles Glück sei machbar, wird aus der Leistungsgesellschaft in die Sphäre des Religiösen verlängert. Der Fortschritt geht immer weiter – auch über den Tod hinaus.”
Warum sich dieser Vorstellung nicht hingeben? Der Glaube des Menschen ist schließlich sein Himmelreich, so heißt es. Sachau weist auf einige „Nebenwirkungen” hin: Die Vorstellung von der Wiedergeburt treibe den hierzulande ohnehin weitverbreiteten Egoismus auf die Spitze. Jeder sei für sich – und seine vielen Leben – selbst verantwortlich, im Umkehrschluß aber eben auch an allem schuld, was ihm widerfahre.
Konsequent zu Ende gedacht, sei das Reinkarnationsmodell – wie die Esoterik überhaupt – „asozial”, so Sachau, „das Individuum wird auf sich selbst zurückgeworfen.” In diesem Weltbild sei nirgendwo Platz für Solidarität oder Nächstenliebe.
Wie eiskalt der esoterische Kosmos sein kann, demonstriert Trutz Hardo, laut Eigenwerbung „einer der erfolgreichsten Rückführungstherapeuten Deutschlands”. Auf seiner Homepage im Internet wirbt er unter anderem für eines seiner Bücher, das den bezeichnenden Titel „Jedem das Seine” trägt – und in Deutschland verboten ist. In dem Machwerk stellt Hardo den Holocaust als gerechte Strafe für Verbrechen dar, die Juden in angeblich früheren Leben begangen hätten.
Deshalb wurde er bereits 1998 vom Amtsgericht Neuwied wegen Volksverhetzung und Beleidigung des Andenkens Verstorbener verurteilt. In der Urteilsbegründung heißt es: „Der Angeklagte spricht beispielsweise Hitler von individueller Schuld frei und bezeichnet ihn als einen Vollstrecker eines ewig geltenden schicksalhaften Ausgleichs, genannt Karma.”
Jens Bergmann




