Nachts stört das Pfeifen, Brummen oder Piepsen am meisten, daher haben viele Patienten schwere Schlafstörungen: Rund acht Millionen Menschen in Deutschland klagen über Tinnitus. Bisher glaubten die Mediziner, Schwingungen der Sinneszellen im Innenohr würden die Geräusche verursachen, doch nun weisen Ergebnisse einer Forschergruppe der TU Darmstadt in eine andere Richtung: Das Gehirn erzeugt den Pfeifton als Reaktion auf eine Hörstörung.
Das menschliche Hörsystem ist über eine Rückkopplungsschleife eng mit dem Limbischen System im Großhirn verknüpft, das Emotionen und Aufmerksamkeit steuert. So können wir uns auf wichtige akustische Signale konzentrieren – bei Gesunden werden immerhin 70 Prozent der täglichen Geräuschkulisse aus dem Bewußtsein herausgefiltert. Diese Funktion des Limbischen Systems scheint bei Tinnitus-Patienten defekt zu sein.
Das Gehirn versucht, einen erlittenen Hörschaden zu kompensieren, indem es die Aufmerksamkeit verstärkt auf diejenigen Tonfrequenzen richtet, die schlecht wahrgenommen werden. Dabei kommt es offenbar zu störenden Rückkopplungen. “Besonders bei Streß kann die Hörstörung überkompensiert werden”, erläutert die Darmstädter Neurobiologin Dr. Elisabeth Wallhäuser-Franke. Vergleichbar sei das mit dem Versuch eines Toningenieurs, die leise Stimme eines Redners durch Verstärkung lauter zu machen. Dabei können akustische Rückkopplungen auftreten, die sich in lauten Pfeifgeräuschen äußern.
Welche Rolle das Limbische System und das Innenohr bei der Entstehung des Tinnitus spielt, untersuchten die Darmstädter Wissenschaftler, indem sie bei Mäusen durch hohe Aspirindosen und lautes Knallen künstlich Tinnitus auslösten. Danach überprüften sie, welche Gehirngebiete bei den geschädigten Tieren an der Verarbeitung des Pfeiftones beteiligt waren.
Dazu nutzten die Forscher den hohen Energiebedarf aktiver Gehirnzellen. Bevorzugter Energiespender ist Glucose. Erhalten die Tiere eine radioaktiv markierte Variante, wird diese zwar wie normale Glucose aufgenommen, aber vom Zellstoffwechsel nicht abgebaut. Bei aktiven Zellen reichert sich der radioaktive Zucker an und kann später auf Gehirnschnitten als Schwärzung mit Röntgenfilmen nachgewiesen werden.
Die Information über das Geräusch wird im Hörsystem – wie bei einer Reihenschaltung – vom Innenohr an die unterste Station im Hirnstamm weitergegeben, dann über das Mittelhirn und den Thalamus geleitet, bis im Hörzentrum der Großhirnrinde die Tonempfindung entsteht. Würde das für den Tinnitus typische Klingeln oder Pfeifen im Innenohr entstehen, müßte der Hirnstamm als nächste Station besonders aktiviert sein. Doch nicht er, sondern die Zentren im Großhirn einschließlich des Limbischen Systems zeigten sich im Versuch besonders stimuliert – für die Darmstädter Forscher der direkte Beweis für eine Entstehung des Tinnitus im Gehirn.
Zu diesem Ergebnis passen Befunde aus den sechziger Jahren. Patienten, die trotz ihrer Taubheit an Tinnitus litten, ließen sich damals den Hörnerv durchtrennen. Ohne Erfolg – Wochen später kehrten die Geräusche zurück. Auch die Tatsache, daß die bisher besten Heilungserfolge durch eine gezielte Beeinflußung des Limbischen Systems erreicht wurden, stützt die Darmstädter Theorie.
Anke Geipel-Kern




