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Das finstere Mittelalter
Das Bild vom finsteren Mittelalter hält sich hartnäckig, obwohl Historiker diese Zeit heute differenzierter sehen. Doch schon die Menschen der Renaissance grenzten sich mit der Wiederbelebung des Glanzes der Antike von den „dunklen Jahrhunderten“ ab. Die Vertreter der Aufklärung setzten später ganz auf die Lichtmetapher und proklamierten das Licht der Vernunft und des Fortschritts gegen das Dunkel aus Unwissen und Rückständigkeit. Im Englischen heißt die Epoche entsprechend Age of Enlightenment (Epoche der Erleuchtung), im Französischen Epoque des Lumières (Epoche der Lichter).
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von Rolf Heßbrügge
Das Bild vom finsteren Mittelalter hält sich hartnäckig, obwohl Historiker diese Zeit heute differenzierter sehen. Doch schon die Menschen der Renaissance grenzten sich mit der Wiederbelebung des Glanzes der Antike von den „dunklen Jahrhunderten“ ab. Die Vertreter der Aufklärung setzten später ganz auf die Lichtmetapher und proklamierten das Licht der Vernunft und des Fortschritts gegen das Dunkel aus Unwissen und Rückständigkeit. Im Englischen heißt die Epoche entsprechend Age of Enlightenment (Epoche der Erleuchtung), im Französischen Epoque des Lumières (Epoche der Lichter).
Doch jenseits der vermeintlich geistig-kulturellen Finsternis des Mittelalters war es im direkten Wortsinn im Europa dieser Zeit, verglichen mit anderen Regionen, auch nicht dunkler. „Man kann davon ausgehen, dass in mittelalterlichen Haushalten der mit Holzfeuer betriebene offene Herd in der Stube bis ins 12. Jahrhundert hinein die Lichtquelle und der soziale Mittelpunkt war“, sagt Fabian Brenker. Der schwäbische Archäologe ist Kurator des Kunsthistorischen Museums in Wien und Experte für mittelalterliche Leuchtmittel im deutschsprachigen Raum. „Eine Zäsur gab es ab dem Hochmittelalter, als nach und nach der Kachelofen Einzug hielt“, fährt er fort. Diese geschlossene Gerätschaft war wesentlich sicherer als offenes Feuer und hielt den Rauch fern. „Gleichzeitig aber trennte der Kachelofen Wärme und Licht“, verweist der Forscher auf eine entscheidende Veränderung: „Deshalb kamen nun explosionsartig alle möglichen Beleuchtungsgeräte auf: Kerzenständer, Keramikschälchen für den Gebrauch als Öllampen oder einfache Holzspäne.
Archäologische Funde und sonstige Relikte, etwa in Form von bronzenen Kandelabern (Leuchtern) oder schmiedeeisernen Lampenhaltern, deuten vor allem auf Kerzen und Öllampen hin, die zumindest betuchteren Schichten die Stunden nach Einbruch der Dunkelheit erhellten. „Allerdings ist die Quellenlage stellenweise dünn“, erklärt Fabian Brenker: „Das Mittelalter ist ja ein riesiger Zeitraum, ich persönlich lasse es um 800 beginnen. Gerade das frühe Mittelalter ist mit Blick auf die Beleuchtung archäologisch schwer greifbar, weil es seit der Christianisierung einerseits kaum mehr Grabbeigaben gab und die meisten frühmittelalterlichen Siedlungen andererseits nur wenig Verwertbares hinterlassen haben.“
Erst für die Zeit ab dem 12. Jahrhundert kann die Wissenschaft heute mehr Licht ins Dunkel bringen: „Nun kamen schriftliche Quellen wie Zollprotokolle, Rechnungsbücher und höfische Epen auf, die beispielsweise den Kauf von Bienenwachs und Dochtmaterial zur Herstellung von Kerzen belegen“, weiß Brenker. „Auch die Kunst liefert uns Belege in bildlicher Form. Ansonsten gewinnen wir Informationen vor allem aus Erzählungen, in denen Beleuchtung allerdings nur vorkommt, wenn sie für die erzählte Handlung wichtig ist.“
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All diese Quellen zeugen jedoch kaum vom Leben des kleinen Mannes. „Über die Leuchtmittel der einfachen Menschen des Mittelalters wissen wir sehr wenig“, räumt Brenker ein. Es sei denkbar, dass diese mit Einbruch der Dunkelheit zu Bett gegangen seien, um dann mit der aufgehenden Sonne wieder aktiv zu werden. Schließlich waren Bienenwachs, aber auch pflanzliche Öle, für den Betrieb von Lampen im Mittelalter extrem kostbar. Gleichzeitig lebten viele Menschen jener Zeit nahe am Existenzminimum, was den Archäologen zu der Frage bringt: „Warum sollte jemand, bei dem die Mittel kaum für Nahrung reichten, sich teures Bienenwachs für Kerzen leisten – oder essbares Öl für Beleuchtung verschwenden?“
Fackeln und Lampen mit Tradition
Technologische Innovationen in puncto Beleuchtung brachte das Mittelalter mit Ausnahme von höhenverstellbaren Metallständern für Öllampen nicht hervor. Die Lichtquellen selbst reichten ausnahmslos bis in die Antike zurück: „So nennt bereits die Bibel Fackeln und Kerzen im Kontext mit der Verhaftung Jesu“, referiert Fabian Brenker. Öllampen hatten sich nachweislich schon im 6. Jahrhundert v. Chr. im alten Griechenland etabliert und wurden später auch von den Römern genutzt, die diese Lichtquellen in ihren germanischen Provinzen verbreiteten. Öllampen waren auch im Mittelalter noch meist aus Keramik, seltener aus Metall, Stein oder Glas gefertigt. Sie bestanden aus kleinen Ölschalen, aus denen ölgetränkte Dochte hervorlugten, die als Träger für das Brennmaterial dienten. Dass derlei Gegenstände Lampen waren, können Archäologen heute anhand von charakteristischen Rußspuren ermitteln. Was genau in den Lampen verbrannt wurde, lässt sich aber nur selten durch chemische Analysen feststellen.
Die Dochte für die Öllampen, aber auch für Kerzen, wurden aus sogenanntem Werg (auch: Werch oder Werrich) gefertigt; so bezeichnete man grobe Faserreste, etwa von Hanf oder Flachs, die bei der Produktion von Langfasern für Kleidung oder Seile anfielen. Der Docht einer Öllampe reichte bis weit in die Ölschale hinein. Er diente hauptsächlich als Träger des Brennstoffs, brannte jedoch allmählich auch selbst herunter. Hatte man das verkohlte Ende mehrfach entfernt, musste er ersetzt werden.
Öllampen wurden im Hochmittelalter auch als mobile Leuchtmittel eingesetzt. Darauf deutet ein Fund von der Burg Nänikon im Kanton Zürich hin: Die runde Blechschale weist einen hohen Rand sowie einen kantartigen seitlichen Tragebügel mit genieteter Lagerung im Schalengehäuse auf und eignet sich so zum Tragen mit einer Hand. Das Objekt dürfte aus dem 13. Jahrhundert stammen. Fragmente eines ganz ähnlichen Gegenstandes, gefunden in der Burg Füllinsdorf im Umland von Basel, werden sogar ins 11. Jahrhundert datiert.
Als Brennstoff für Öllampen hatte man in antiken Zeiten vorrangig Olivenöl genutzt, das aus mediterranen römischen Provinzen – meist aus dem heutigen Spanien – importiert wurde. Der Transport der Öl-Amphoren über See- und Flussrouten in die germanischen Provinzen dauerte Wochen und war dementsprechend teuer. An der Verwendung von Olivenöl, den Handelswegen und dem hohen Preis hatte sich im Mittelalter nichts geändert. Noch im Hochmittelalter galten derlei Lichtquellen deshalb als Privileg des Adels und des Klerus. Erst spätmittelalterliche Quellen nennen vermehrt die Produktion regionaler Pflanzenöle, was den Betrieb von Öllampen vermutlich auch für weniger privilegierte Stände erschwinglich werden ließ.
Öllampen aus Glas, die hängend an Wänden – auf zeitgenössischen Abbildungen häufig über dem Kopfende eines Bettes – oder unter Decken befestigt wurden, kamen allmählich ab dem 12. und 13. Jahrhundert auf. Sie waren meist rund, recht bauchig, und man geht davon aus, dass sich in ihrem Innern Wasser sowie – obenauf schwimmend – eine Schicht Öl befand, das abgebrannt wurde. Das Glas brach den Feuerschein, streute das Licht gleichmäßig in die Umgebung und dank des transluzenten Glases, Wassers und Öls auch nach unten. So konnten auch größere Räume nach Einbruch der Dunkelheit passabel ausgeleuchtet werden.
Alternativen fürs einfache Volk
Als billige, aber wenig ergiebige und extrem kurzlebige Lichtquelle fürs Volk diente bis ins Spätmittelalter der sogenannte Kienspan: ein herausgespaltenes, etwa zwanzig Zentimeter langes Stück aus stark harzhaltigem (Nadel-)Holz, beispielsweise aus der namengebenden Kiefer, das nach der Entzündung einige Minuten leuchtete, ehe es heruntergebrannt war. Der fahle Schein eines Kienspans genügte, um einen kleinen Arbeitsbereich, etwa einen Tisch, zu erleuchten. Fabian Brenker nennt einen zusätzlichen Vorteil dieser Gerätschaft: „Man konnte Kienspäne im Mund tragen und hatte derweil beide Hände frei. Davon zeugt ein Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert, der einen Gefäße tragenden Mann und eine spinnende Frau zeigt, die jeweils einen brennenden Span im Mund halten.“
Nachweise für den Gebrauch von Kienspänen sind ansonsten recht dünn. Die Hölzchen hatten aufgrund ihrer biologischen Abbaubarkeit kaum eine Chance, als archäologisch identifizierbare Funde zu überdauern: „Es gibt lediglich einige wenige gut konservierte Kienspäne aus Nürnberg, die aus dem 15. Jahrhundert stammen“, erläutert Brenker. „Die herausragende Rolle, die der Kienspan bei der Beleuchtung für das einfache Volk gespielt haben dürfte, wird im Wesentlichen aus einigen wenigen zeitgenössischen textlichen Quellen ersichtlich.“ Für den Kienspan sind ab dem 13./14. Jahrhundert auch Haltevorrichtungen wie die tönernen „Maulaffen“ nachgewiesen: kleine Köpfchen aus Keramik, denen man Kienspäne waagerecht in den Mund stecken konnte.
Für Lampen wurde eine kostengünstigere Alternative gefunden, indem man sie statt mit Öl mit Talg befeuerte. Das Fett, gewonnen aus den „Abfällen“ von Schlachtvieh wie Rind oder Schaf, fiel wie alle brennbaren tierischen Produkte unter den Sammelbegriff „Unschlitt“. Talg ließ sich auch für Kerzen verwenden, da Talg ein Feststoff ist und erst ab 38 bis 48 Grad schmilzt.
Wachs – ein teures Handelsgut der Hanse
Der Rohstoff Wachs gelangte im 12. und 13. Jahrhundert von Nordosteuropa her im größeren Stil ins heutige Deutschland und war eine lukrative Handelsware der deutschen Hanse. Von Norddeutschland aus wurde das Wachs dann beispielsweise über den Rhein weiter verschifft. Zur Kerzenherstellung wurde das Wachs geschmolzen, in dünne Platten gegossen und anschließend, noch halbweich, per Hand um den Docht gerollt. Viele Höfe beschäftigten hierzu eigene Lichtermacher. „Allerdings“, so Brenker, „sind Kerzen über weite Strecken des Mittelalters wohl vor allem dem kirchlichen Bereich zuzuschreiben.“
Wie kostbar Kerzen, erst recht aus Bienenwachs, im Mittelalter waren, belegt eine Passage aus dem ordensinternen Regelwerk der Templer (1118 bis 1312), denen es untersagt war, bei einem Wettschießen mehr als zehn Kerzenstümpfe als Preis auszusetzen. Wachs war in Westeuropa vermutlich auch deshalb so teuer, weil es aufgrund des starken Waldrückgangs im Mittelalter – unter anderem infolge des immensen Bedarfs an Bau- und Brennholz – immer weniger Waldbienen gab. So musste das begehrte Gut aufwendig aus Osteuropa importiert und auf den Märkten hierzulande teuer bezahlt werden – erst recht, wenn das Wachs gebleicht war, denn weiße Kerzen galten als vornehmer als gelbe. Die Kunst des Wachsbleichens war in Venedig bereits im 11. Jahrhundert bekannt, im deutschsprachigen Raum hielt sie erst im 13./14. Jahrhundert Einzug.
Grenzen des Lichts
Der Magdeburger Lektor Bartholomaeus Anglicus empfahl im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts, für ausladende abendliche Essgelage ausreichend Kandelaber und Bienenwachskerzen vorzuhalten, um auch im Dunkeln noch die reich gedeckte Tafel überblicken und sein Gegenüber erkennen zu können. Allerdings fand Fabian Brenker heraus, dass sich in zeitgenössischen Erzählungen oder Abbildungen kaum Beleuchtungsgegenstände auf Esstischen befanden: „Eher sind Kandelaber im Umfeld des Betts beschrieben worden.“
Mit Kerzenlicht ganze Räume, geschweige denn Säle oder gar Kirchenschiffe komplett auszuleuchten, vermochten selbst mehrarmige Kerzenleuchter kaum, wie Fabian Brenker aus praktischen Experimenten weiß: „Der Schein einer Kerze genügt gerade so, um zu viert ein Würfelspiel an einem kleinen Tisch spielen zu können, zum längeren Lesen reicht das Licht aber kaum aus. Auch sonst brachten die Beleuchtungsmöglichkeiten im Mittelalter, verglichen mit der heutigen Zeit, etliche Einschränkungen mit sich: Licht zu machen bedurfte immer einer gewissen Vorbereitung. Zudem konnte man den Schein von Kerzen, Öllampen oder auch Kienspänen kaum nach unten lenken. Wenn man also abends in einer Truhe nach etwas suchte, spielte die haptische Wahrnehmung eine viel größere Rolle als die optische.“
Mit Fackeln, für die man einen Holzstiel mit Wachs überzog und entzündete, ließ sich zwar ein hellerer Flammenschein erzielen, doch die Fackeln waren durch ihre großen Flammen brandgefährlich. Sie eigneten sich nur für den Außenbereich, wo sie auch den Vorteil hatten, dass ihr Feuer relativ windbeständig war. Denkbar scheint deshalb, dass die mittelalterlichen Stadtwachen, die abends durch die Straßen patrouillierten und die Menschen zum Löschen der Herdfeuer und anderer möglicher Brandquellen aufforderten, im Fackelschein operierten. Brenker hält dies jedoch für unwahrscheinlich: „Fackeln wären aufgrund ihrer großen, offenen und nicht gut kontrollierbaren Flamme eine zu große Gefahr für die engen mittelalterlichen Siedlungen gewesen, die ja zum Großteil aus Holz und Stroh gebaut waren. Ich glaube deshalb eher, dass die Nachtwächter Laternen mitführten: Kerzen, windgeschützt durch lichtdurchlässiges Material wie dünne Hornscheiben oder auch Glas.“
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