Und das Einhorn gab es doch: Allerdings war es weder ein märchenhafter Schimmel mit magischen Wunderkräften, noch hatte es nur ein Horn, wie es uns heute die vielen fabelhaften Darstellungen in der Kunst oder in Filmen wie “Das letzte Einhorn” weismachen wollen. Wie Prof. Erich Thenius vom Institut für Paläontologie der Universität Wien bei seiner Arbeit zu einem Buch über Fossilien im Volksglauben herausfand, war das Einhorn eine Ziege der Art Capra falconeri (Schraubenziege). Das Einhorn eine Ziege? Dem Mythos dieses Fabelwesens wird auch diese Erkenntnis keinen Abbruch tun.
Heute ist das Einhorn nur noch die sagenumwobene Märchengestalt, der Gegner des tapferen Schneiderleins oder die Verkörperung des Guten in der Welt. Für manche ist es auch das Symbol der Keuschheit frühchristlicher Mythologie. Im Mittelalter galt das Horn des Einhorns als reinste Medizin und stand als Allheilmittel und begehrtes Aphrodisiakum hoch im Kurs. Was die damaligen Apotheker allerdings als Einhorn verkauften, war in der Regel nichts anderes als das Horn asiatischer Rhinozerosse.
Später, als die Quelle versiegte, stieg man auf Zähne der damals noch häufigen Narwale um. “Bereits im 11. Jahrhundert gelangten ganze Schiffsladungen davon nach West- und Mitteleuropa, und es wurde damit ein schwungvoller Handel betrieben”, berichtet Thenius. Kurzum: Das Horn der Einhörner war Kassenschlager der mittelalterlichen Pharmazie. Wen kümmerte es da schon, ob das heilende Stück von einem Nashorn, einem Wal oder einem fossilen Mammut stammte? Glauben versetzte schon damals Berge. An der Existenz des Einhorns zweifelte unter Medizinern und Apothekern daher niemand. Wohl aber unter den Naturforschern – hatte doch noch niemand das Wundertier zu Gesicht bekommen. Der erste ernstzunehmende Bericht über das Einhorn stammt laut Erich Thenius von Plinius (23 – 79 n. Chr.), der sich auf zwei ältere Beschreibungen aus dem 5. und 3. Jahrhundert vor Christus stützt. Demnach war das Einhorn entweder eine Art großer Wildesel, aus dessen Stirn ein gut vierzig Zentimeter langes Horn hervorragte und der ein hervorragender Kletterer gewesen sein soll, oder aber ein in Indien lebendes Tier von der Größe eines ausgewachsenen Pferdes mit Elefantenfüßen, langem Stirnhorn und dem Schwanz eines Schweines. Letzteres soll schwarz und überaus friedfertig gewesen sein.
Während Thenius sicher ist, daß mit der jüngeren Beschreibung das indische Panzernashorn gemeint war, blieb der gehörnte Wildesel zunächst ein Rätsel. Erst das zoologische Standardwerk des Mittelalters bringt Licht ins Dunkel. Das Einhorn wird in der lateinischen Übersetzung des “Physiologicus” als kleiner Paarhufer mit einem geraden spiralig gedrehten Stirnhorn, mit Halsmähne, Bakkenbart und langem Schwanz geschildert.
Die neuen Studien des Wiener Paläontologen lassen vermuten, daß es sich dabei um den Suleiman-Markhor handelte, eine inzwischen fast ausgerottete Schraubenziege aus dem heutigen Pakistan. Diese besaß zwar ein Doppelgehörn, doch da nach mittelalterlicher Manier das Tier im Profil dargestellt wurde, sah man immer nur ein Horn.
Julia Thiele




