Der Mann jagt Mammuts. Seine Frau brät sie und trägt nach dem Essen die Knochen vor die Höhle. Jahrtausendelang war das so und jahrtausendelang waren beide mit dieser Arbeitsteilung zufrieden. Doch irgendwann wollte die Frau auch Mammuts jagen. Weil sie dadurch weniger Zeit hatte, die Mammuts zu braten, wünschte sie, daß ihr Mann nun ebenfalls für die Zubereitung zuständig sein sollte. Da fing er an, der Streit um die Hausarbeit. Und er hält sich beharrlich – bis heute. „Die Führung des Haushalts ist gemeinsame Sache der Ehegatten.” Mit diesem schlichten Satz wollte Irmingard Schewe-Gerigk endlich für klare Ver-hältnisse sorgen. Doch als die frauenpolitische Sprecherin der Grünen vorschlug, diesen Satz ins Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) zu schreiben, ging ein Aufschrei durch die Republik.
Boulevard-Blätter sahen Männer von renitenten Ehefrauen vor den Kadi gezerrt, um dann auf richterliche Weisung ihren Feierabend in Handschellen gefesselt am Spülbecken zu fristen. Die Angst vorm Abwaschzwang ging um, und mancher Mann geriet in Panik. „Ich habe eine Flut von Protestbriefen bekommen”, erinnert sich Irmingard Schewe-Gerigk. „Das ging von wüsten Beschimpfungen und Beleidigungen bis hin zu der Ankündigung, mich am nächsten Ast aufzuknüpfen.” An Spülzwang per Gerichtsurteil war indes nicht gedacht – mit ihrer Initiative wollte die grüne Politikerin lediglich ein Zeichen setzen, um die Zotteln aus der Zeit der Mammuts abzuschneiden. Doch der Mann witterte Gefahr und griff instinktiv zur Keule.
Dabei sind es die Frauen, die allen Grund zur Klage haben. Nach wie vor kann von gerechter Arbeitsteilung in deutschen Haushalten keine Rede sein, wie die Bochumer Sozialpsychologin Dr. Elke Rohmann gerade wieder mit einer Studie bestätigt hat. Fast 400 Frauen und Männern stellte sie die Gretchenfrage: „Wie hast du’s mit der Hausarbeit?” Das Ergebnis hat keinen wirklich überrascht: „Die alltäglichen Pflichten, also Aufräumen, Kochen, WC putzen, Müll raustragen, Wäsche waschen und bügeln, übernimmt die Frau”, so Elke Rohmann. „Selbst wenn beide Partner berufstätig sind, ändert sich daran nichts.” Nur wenn es um technisches oder handwerkliches Know-how geht, packt der Mann an. Er tapeziert, repariert den Staubsauger, poliert das Auto und pflanzt im Garten Bäume. Daß diese traditionelle Rollenverteilung im Haushalt mitunter zu handfesten Beziehungskrisen führt, verwundert nicht: Die Mithilfe des Mannes ist meist auf Gelegenheitsarbeiten beschränkt, während die Frau sich jeden Tag Spülhände holt. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sprechen Bände: Gilt für die „Hausarbeiterin” die 35-Stunden-Woche, kommt der Mann auf ganze 20 Stunden. Der Trauschein, so legt eine Umfrage der Allensbacher Meinungsforscher nahe, scheint alles noch schlimmer zu machen: Bügeln vor der Ehe immerhin noch 13 Prozent der Männer ihre Hemden selber, sind es nach dem Gang zum Traualtar nur noch 3 Prozent.
Wer glaubt, ostdeutsche Frauen seien besser dran, der täuscht sich. Auch in über 40 Jahren DDR hat sich das klassische Rollenverhalten hartnäckig gehalten, obwohl die äußeren Umstände auf den ersten Blick geradezu ideale Bedingungen für Gleichheit in Haus und Hof vermuten ließen: Beide waren berufstätig, Essen gab es in der Kantine, die Kinder wurden im Hort erzogen und der pflegebedürftigen Oma war ein Platz im Altenwohnheim garantiert. Doch damals wie heute schultern auch ostdeutsche Frauen den Mammutanteil der Hausarbeit – mit einem Unterschied: Sie tun es weniger gern als ihre westlichen Kolleginnen.
Nur 39 Prozent der ostdeutschen Hausfrauen sind dies aus Überzeugung, während das in Westdeutschland 62 Prozent von sich behaupten. Bei manchen Hausfrauen geht die Leidenschaft so weit, daß sie der Meinung sind, verheiratete Frauen oder Mütter sollten nicht berufstätig sein – ob in Vollzeit oder Teilzeit. „Viele Frauen erwarten, daß sie in ihrer Beziehung mehr Hausarbeit leisten müssen als der Mann und finden das auch okay”, staunte Sozialpsychologin Rohmann bei Durchsicht ihrer Fragebögen. „ Männer haben natürlich nichts dagegen. Sie erwarten dasselbe.”
Auch wenn solche wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu verführen könnten: Ein Freifahrtschein für einen vergnüglichen Feierabend ohne häusliche Pflichten ist das nicht. Ein ausgeprägtes „Tischlein-deck-dich-Gehabe” treibt irgendwann auch die überzeugteste Hausfrau auf die Palme. Den Deutschen Hausfrauen-Bund, die offizielle Standesvertretung haushaltender Frauen, erreichen immer wieder Klagen über die Pascha-Allüren der Männer. Der Kern liegt in der Erziehung, Eltern, Lehrer und Medien leben die gesellschaftlichen Rollen vor: Tagein, tagaus waschen, wienern und wuseln Frauen durch den Reklamehaushalt, während die Männer von Abenteuerlust und Freiheitsdrang getrieben durch die Prärie reiten oder von gefährlichen Klippen springen. Als Kind schon auf Mann geeicht, müssen Söhne andere Erwartungen erfüllen als Töchter.
„In den Familien fehlen die Vorbilder”, sagt der Berliner Männerforscher Andreas Goosses. „Väter leben ihren Söhnen viel zu selten vor, wie sie Teller abwaschen, Betten machen oder Fenster putzen, weil sie die meiste Zeit nicht zu Hause sind und Hausarbeit in unserer patriarchalischen Kultur nur wenig anerkannt ist.” Im Patriarchat gilt auch heute: Mammuts jagen ist mehr wert als Mammuts braten und noch viel mehr, als Mammut- Knochen vor die Höhle tragen. Alles wie gehabt.
Auch mehr als ein Jahrhundert Frauenbewegung hat daran nur wenig geändert. Zwar dürfen deutsche Frauen seit 1918 wählen und die Ausbildungssituation hat sich verbesserte, doch jede kleine Reform mußte den Männern mühsam Stück für Stück abgerungen werden. Die sogenannte Hausfrauenehe etwa kippte erst 1977. Bis dahin sicherte das BGB die männlichen Eheprivilegien rechtlich ab: Die Frau durfte nur erwerbstätig sein, „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist”. Ob dies der Fall war, entschied der Ehemann, der seiner Gemahlin die Berufstätigkeit untersagen konnte, wenn die Bratkartoffeln nicht rechtzeitig auf dem Tisch standen. Die Abschaffung der Hausfrauenehe scheint im Bewußtsein vieler Männer auch nach mehr als 20 Jahren noch nicht so recht angekommen zu sein. Laut amtlicher Statistik sind 40 Prozent der westdeutschen Hausfrauen unter 45 Jahren nicht erwerbstätig, weil ihr Mann dagegen ist – Tendenz steigend.
Solche Zahlen bestätigen auch die Thesen des verstorbenen Berliner Psychologen und Männerforschers Dr. Wilfried Wieck. „Wir leben in einer Zeit des sozialen Rückschritts”, stellt er fest. „ Das bedeutet: Die Entwertung und Unterdrückung der Frau nimmt wieder zu. Das Imperium des Patriarchats schlägt zurück, um die Errungenschaften der feministischen Bewegung auszulöschen.” Im Streit ums Putzen sah der Autor zahlreicher Bücher nur die Spitze des Eisbergs – ein Symptom im täglichen Kampf der Geschlechter. „ Auf ihrem emanzipatorischen Weg stehen die Frauen noch ganz am Anfang”, meint auch der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann in seiner „Theorie der Haushaltstätigkeit”. Die tragenden Pfeiler ihrer Identität seien nach wie vor Familie und Haus. „Nach dem klassischen Schema bietet die Frau ihre Schönheit, ihre beziehungsmäßige und emotionale Kompetenz und ihre Hausarbeit im Austausch gegen die Stärke, die gesellschaftliche Position und das Einkommen des Mannes an”, schreibt Kaufmann in seinem Buch „Mit Leib und Seele”, das in Frankreich zum Bestseller wurde. Es rief zahlreiche Kritikerinnen auf den Plan, die vor allem Sätze wie dieser in Rage brachten: „ Frauen reagieren sehr viel stärker auf den Ruf der häuslichen Dinge.” Zerknitterte Bettlaken, verstaubte Fernseher, fleckige Weingläser oder Brötchenkrümel auf dem Tisch – wenn der Haushalt seine Stimme erhebt, können Frauen einfach nicht weghören, Männer offenbar schon.
In 27 französischen Haushalten ging Kaufmann auf Spurensuche und merkte bald: Besonders eindringlich scheint der Ruf des Bügeleisens. Ganz Wissenschaftler, folgte er dem Pfad ins Reich der glatten Wäsche und entdeckte eine bislang ungeahnte Vielfalt sinnlicher Gefühle, die sich dort bei mancher Hausfrau am Bügelbrett entfalten: „Oh! Dieser Duft, diese Arbeit und diese Schönheit, die sie immer wieder zerstören und die ich immer wieder neu erschaffe!” Während manche Frau in Poesie verfällt, packt andere die pure Leidenschaft: „Das kommt mir so vor, als würde ich meine Familie entkleiden.”
Männer bewegen sich in diesem Universum eher pragmatisch. Ein Stapel akkurat gebügelter Stofftaschentücher – was bei Lola Euphorie entfacht, ist für David reine Zeitverschwendung. Er treibt sich mit der Stoppuhr stets zu neuen Geschwindigkeitsrekorden, um der Fronarbeit am Bügeltisch in möglichst kurzer Zeit zu entkommen. Kein Wunder, daß Frauen Banausen wie David in puncto Haushaltsführung nicht über den Weg trauen und das Heft nur ungern aus der Hand geben. Oder soziologisch: „Zu delegieren würde bedeuten, an den impliziten und unantastbaren Prinzipien zu rühren, die ihr Handeln lenken”, doziert Kaufmann. Kein anderer als sie selbst ist in der Lage, die Familienaufgaben zu erfüllen. Die Frauen scheinen in diesem Paradoxum gefangen zu sein: Einerseits beklagen sie das fehlende Gespür und das geringe Engagement der Männer, andererseits verleihen gerade diese Defizite ihrem häuslichen Tun einen höheren Wert und einen tieferen Sinn.
Da scheint auch die Änderung des BGB keinen Ausweg zu bieten. Eine Mehrheit für ihr Vorhaben fand Irmingard Schewe-Gerigk ohnehin nicht. Doch selbst wenn – mit ein paar Tricks ließe sich ein solches Gesetz aushebeln und jede Frau ganz schnell davon überzeugen, daß eine gemeinsame Führung des Haushalts unweigerlich in einer Katastrophe endet: Wer zwei-, dreimal beim Abwasch aus Versehen ein Erbstück ihrer Oma fallen läßt, wird sicher nie mehr spülen müssen. Und steht beim Bügeln mal ihr Kleid in Flammen, ist er auf ewig frei – und kann sich wieder ganz der Jagd auf Mammuts widmen.
Kompakt Die deutsche Frau verbringt mit typischer Haushaltsarbeit im Schnitt 35 Stunden pro Woche, der Mann 20. In Ostdeutschland sind 40 Prozent der Frauen „überzeugte” Hausfrauen, im Westen 62 Prozent. Der verstorbene Männerforscher Wilfried Wieck konstatierte: „Die Unterdrückung der Frau nimmt wieder zu.” bwd community Radio Der Streit ums Putzen – ein Alltags- Problem. Der Berliner Männerforscher Andreas Goosses glaubt, es wird nichts mit der Hausfrauen-Emanzipation, weil in den Familien die abwaschenden und putzenden Männer fehlen, denen die Söhne nacheifern könnten. bdw und DeutschlandRadio Berlin haben Andreas Goosses zum Gespräch in die Sendung „HörenSagen – Natur und Wissenschaft” am Dienstag, den 23. Januar 2001, zwischen 11 Uhr 05 und 11 Uhr 35 eingeladen. Wenn Sie Fragen oder Kommentare haben, können Sie anrufen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800 | 22542254. Die Frequenzen von DeutschlandRadio Berlin erfahren Sie im Internet: http://www.dradio.de/dlr/freq/index.html oder unter Telefon: 0180 | 3372346 (Antenne) oder 0800 | 3300555 (Kabel).
Lesen Frank Bauer ZEITBEWIRTSCHAFTUNG IN FAMILIEN Leske und Budrich, 2000, DM 68,–
Jean-Claude Kaufmann MIT LEIB UND SEELE Theorie der Haushaltstätigkeit UVK, 1999, DM 48,–
Cornelia Koppetsch, Günter Burkart DIE ILLUSION DER EMANZIPATION UVK, 1999, DM 38,–
Kontakt Fakultät für Psychologie der Ruhr- Universität Bochum Dr. Elke Rohmann Universitätsstr. 150, 44 801 Bochum Tel.: 0234 | 3223747 Fax: 0234 | 3214110 E-Mail: Elke.H.Rohmann@ruhr-uni-bochum.de.
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) Dr. Wilhelm Hinrichs Reichpietschufer 50, 10 785 Berlin Tel.: 030 | 25491-378 Fax: 030 | 25491-360 E-Mail: hinrichs@MEDEA.wz-berlin.de
Einzel- und Gruppenberatung für Männer: Andreas Goosses Tel.: 030 | 623 56 26 Deutscher Hausfrauen-Bund, Berufsverband der Haushaltsführenden e.V. Coburger Straße 19, 53 113 Bonn Tel.: 0228 | 237718
Kathryn Kortmann / Thomas Müller





