Ähnliches berichten die Sachverständigen hierzulande: Bei 2962 angeblich minderjährigen Flüchtlingen hatten die Hamburger Behörden bei einem Drittel Zweifel. 73 Prozent davon waren älter als 18, ergaben die Analysen der Forensiker. “Ich erinnere mich nur an einen einzigen umgekehrten Fall: Ein Mädchen aus Eritrea gab sein Alter höher an – um arbeiten und Geld nach Hause schicken zu können”, berichtet der Rechtsmediziner Andreas Schmeling von der Universitätsklinik Münster, der Hunderte von Flüchtlingen begutachtet hat. Es hat den Anschein, als würden sich Zuwanderer meist als jünger ausgeben, um sich ein Bleiberecht zu erschleichen.
Besser eine Münze werfen
Doch so einfach ist das Ganze nicht. In den letzten 20 Jahren verkündete der Deutsche Ärztetag – die Hauptversammlung der Bundesärztekammer – gleich fünf Mal, dass die forensische Altersschätzung ungenau sei. Sie könne um bis zu zwei Jahre vom tatsächlichen Alter abweichen. Das Fazit der Ärzteschaft: Die bisherigen Methoden sind abzulehnen. Auch der Kinderarzt Tim Cole vom Londoner University College, der sich auf die Beurteilung von kindlichem Körperwachstum spezialisiert hat, sagt: “Die Methoden sind so ungerecht, dass man besser eine Münze wirft, um eine Entscheidung zwischen ermitteltem und angegebenem Alter zu treffen.”
Unter den Experten tobt ein hochemotionaler Streit darüber, ob das Alter exakt genug bestimmt werden kann. Forensiker sind davon überzeugt, Skeptiker widersprechen. Beide Lager streiten dabei nicht nur über die wissenschaftliche Datenlage, sondern auch darüber, wer Gerichtsgutachten verfasst und das Honorar dafür einstreicht. Bei dem Streit geht es also auch ums liebe Geld.
Thomas Nowotny, ein Kinderarzt in Stephanskirchen, ist ein prominenter Gegner der medizinischen Altersschätzung: Damit lasse sich das wahre Alter nur grob schätzen, schreiben er und zwei seiner Kollegen im Deutschen Ärzteblatt vom Mai 2014. Und: “Für die betroffenen Jugendlichen können umstrittene radiologische Verfahren der Altersdiagnostik dramatische Folgen haben.” Ihnen droht mitunter die Abschiebung. Auch Makeba muss damit rechnen.
Mit Röntgen das Alter bestimmen
Die Methoden, das Alter eines Menschen zu bestimmen, sind nicht neu. Zum Beispiel die Röntgenaufnahme des linken Handskeletts: Sie geht auf Forschungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück. 1930 veröffentlichten die Mediziner William Greulich und Idell Pyle einen Atlas mit Handknochenaufnahmen von Kindern der Unter- und Oberschicht aus den USA. Damit bildeten sie das Knochenwachstum in verschiedenen Altersstadien ab: Nach der Geburt bestehen die Knochen der Handwurzel vor allem aus Knorpel. Sie verknöchern bei Mädchen bis etwa zum 14. und bei Jungen bis etwa zum 16. Lebensjahr. Auch die Knöchelchen zwischen den Fingergliedern reifen bis dahin aus. Ist an einem Handskelett diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen, gilt die Person als minderjährig.




